Von knapp zehntausend auf über 15 Millionen Follower ist der Instagram-Account von Josimar José Évora Dias, besser bekannt als Vozinha, in den letzten Tagen angewachsen, nachdem der 40-jährige Torhüter aus der zweiten portugiesischen Liga mit seiner Kap Verdischen Nationalmannschaft ein spektakuläres 0:0 gegen Spanien gefeiert hatte. Inzwischen hat Kap Verde – natürlich wieder mit Vozinha im Tor – gegen Uruguay noch ein zweites Unentschieden nachgelegt, ein 2:2, wobei die beiden Gegentore die Leistung des Keepers keineswegs schmälerten. Nein, fest steht: Vozinha ist eines der bedeutendsten Gesichter dieser Weltmeisterschaft.
Vozinha ist übrigens der einzige Spieler der Mannschaft aus Kap Verde, der auch tatsächlich in Kap Verde geboren wurde, dort das Fußballspielen lernte und erst mit 25 Jahren Profifußballer wurde. 2012 war das, als er zum angolanischen Club Progresso Sambizanga wechselte. Funfact: Weil es dort schon einen anderen Torwart namens Josimar gab und er nicht als „Josimar II.“ auflaufen wollte, wählte er seinen Spitznamen Vozinha als Künstlernamen. Von dort ging es nach Moldau, erstmals nach Portugal, dann nach Zypern, wo er mit Limassol Pokalsieger wurde, in die Slowakei und zurück nach Portugal. Eine solide Karriere. Aber der Weg aus ärmlichen Verhältnissen zum Held des Milliarden-Turniers – damit steht er wie ein Mahnmal für einen besseren Fußball.
Aber über ihn ist in den letzten Tagen trotzdem schon genug geschrieben worden. Hier soll heute deswegen eine andere Leistung gewürdigt werden: 15 Torhüter-Paraden in der regulären Spielzeit – das gab es vor dieser WM noch nie. Und dann kam Eloy Room, der 37-jährige Schlussmann von Curaçao. Gegen Ecuador hielt er, die 7:1-Niederlage gegen Deutschland zum Auftakt zum trotz, für den Karibikstaat auf spektakuläre Art und Weise die Null fest. Schon komisch, dass ausgerechnet 0:0-Unentschieden bei diesem Turnier die vielleicht spannendsten Geschichten schreiben.
Zugegeben: Es gab schon einmal 16 Torwart-Paraden in einem Weltmeisterschaftsspiel, aber Tim Howard brauchte 2014 die Verlängerung, um auf diesen außergewöhnlichen Wert zu kommen und schied trotzdem unglücklich mit 2:1 gegen Belgien aus. „Ich denke, er hat zu Hause auf der Couch gesessen und geschwitzt, als er meine Paraden gesehen hat“, sagte Room lächelnd mit Blick auf Howard. Zurecht, denn seine Leistung ist sicher mindestens genauso beeindruckend.
Room, der übrigens beim Miami FC, nicht zu verwechseln mit Lionel Messis Inter Miami, in der NWSL, der zweithöchsten US-amerikanischen Fußballliga spielt, erklärte aber auch seine eigene Leistung: „Der erste gehaltene Ball hat mir und dem Team Selbstvertrauen gegeben. Für mich als Torwart war es fast das perfekte Spiel. Ich denke, ich verdiene jetzt eine Statue in Curaçao“, scherzte der in Nijmegen geborene Schlussmann. Room hatte sich vor elf Jahren entschieden, für Curaçao statt für die Niederlande zu spielen, hat inzwischen 72 Länderspiele absolviert. „Viele haben mich damals für verrückt erklärt, aber jetzt stehe ich hier.“
Und auch für seine gesamte Mannschaft war das Unentschieden wahrlich historisch: Nach dem 0:0 gegen Ecuador vor den Augen des niederländischen Königspaars Willem-Alexander und Máxima feierte Curaçao nämlich den ersten Punkt bei einer WM jemals. Als König der Niederlande ist Willem-Alexander zugleich Staatsoberhaupt aller Länder des Königreichs – und Curaçao gehört dazu. 25 der 26 Spieler im Kader wurden dabei wie Room auch in den Niederlanden geboren. Das haben Curaçao und Kap Verde also gemeinsam. Room zu den Feierlichkeiten: „Wir haben in der Kabine getanzt, es war einfach wunderbar.“ Und selbst der Trainer-Veteran Dick Advocaat, mit 78 ältester Coach der WM, zeigte sich gerührt. „Zu sehen, wie sie in unsere Kabine gepasst haben, das war unglaublich. Sie haben gelächelt und getanzt. Ihnen war nichts zu viel. Es war einfach wunderbar, das zu sehen.“
Vozinha hat mit den zwei Kap Verdischen Unentschieden im Rücken aktuell die besseren Chancen auf das Weiterkommen als Eloy Room, der mit Curaçao das dritte Spiel gegen die Elfenbeinküste schon gewinnen müsste, um ins Sechzehntelfinale einzuziehen. Aber so oder so haben die beiden bereits Geschichte geschrieben, Room sogar einen WM-Rekord aufgestellt. Und das ist ja auch schon was.
Vielleicht sogar das schönste an dieser – ansonsten doch so problematischen – Weltmeisterschaft.
