Kutte, Schal oder Lieblingstrikot: Warum Eintricht-Trier-Fans gerade ihren Kleiderschrank durchsuchen

Nach zehn Jahren kehrt Eintracht Trier in den DFB-Pokal zurück. Eigentlich ein Grund zur Freude – doch der Verein aus der Römerstadt erwischte, zumindest aus Fan-Sicht, ein richtiges Frust-Los: Denn ausgerechnet RB Leipzig kommt an diesem Wochenende nach Trier. Die Ultras der 1903-gegründeten Eintracht hätten sich zur Rückkehr in den prestiegeträchtigen Pokalwettbewerb wohl entweder ein richtiges Nostalgiespiel oder wenigstens einen einigermaßen machbares Gegner gewünscht. Bei Leipzig aber kribbelt nichts – dafür ist Rasenballsport eine der stärksten Pokalmannschaften in Deutschland. Na vielen Dank auch.

In einer Stellungnahme erklären die Trierer Ultras ihre Ablehnung gegenüber RB Leipzig jedenfalls so: „Die Geschichte von Rasenballsport Leipzig beginnt weniger mit Fußball als vielmehr mit Marketing. Red Bull fasste den Entschluss, dass man sich fußballerisch auch in Deutschland auf der ganz großen Bühne präsentieren möchte. Hierbei verfolgte man zunächst einen ganz anderen Plan. Man fragte damals bei Fortuna Düsseldorf, 1860 München sowie dem FC St. Pauli an und wollte dort ganz groß einsteigen. Alle drei Vereine gingen glücklicherweise nicht auf die wahnsinnigen Vorstellungen des Energy-Herstellers ein und lehnten ab. Hierbei sollte quasi die komplette Vereinsidentität verworfen werden und Dinge wie Vereinsfarben oder Wappen sollten zugunsten von Red Bull umfunktioniert werden. Doch aus diesen Absagen wuchs nun der eigentliche Plan. Im Jahr 2009 gründete man das Konstrukt ‚Rasenballsport Leipzig‘. Der Name ist hierbei übrigens ein cleverer Trick, um das Kürzel „RB“ einzubauen, da ein Verein in Deutschland keinen Markennamen tragen darf, weshalb „Red Bull Leipzig“ nicht möglich gewesen wäre. Um nicht, wie jeder andere Verein, in der untersten Liga beginnen zu müssen, erkaufte man sich das Oberliga-Startrecht des SSV Markranstädt. An diesem Punkt wird außerdem ziemlich deutlich, dass die Stadt Leipzig in diesem Fall gar keine Rolle spielt. Hätte ein anderer Verein zugestimmt, wäre das ganze Projekt in eine andere Stadt verlagert worden.“ Für die Fans des Vereins aus der ältesten Stadt Deutschlands natürlich ein No-Go.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die undemokratische Vereinsstruktur bei RB Leipzig: „Man baut auf eine extrem eingeschränkte Mitgliederstruktur. In Leipzig sind derzeit lediglich 23 Mitglieder stimmberechtigt und allesamt stehen Red Bull ziemlich nahe. Es ist für Außenstehende nicht möglich, eine Mitgliedschaft mit Stimmrecht zu erwerben. Es besteht lediglich die Möglichkeit, eine passive Fördermitgliedschaft abzuschließen. Somit gibt man seinen ‚Fans‘ keine Möglichkeit, den Verein aktiv mitzugestalten, sondern behält über eine Grauzone die volle Kontrolle.“ Damit werde die 50+1-Regel „kosequent ausgetrickst“. Außerdem wird auf Red Bulls Übernahme von Austria Salzburg verwiesen. Bemerkenswert ist zudem, dass man RB dabei also noch problematischer empfindet als andere 50+1-Ausnahmen wie beispielsweise Bayer Leverkusen: So entstand die Werkself „damals aus der Betriebssportgemeinschaft der Bayer-Werke und wurde gegründet, um einen Ausgleich zum Fabrikalltag für alle Mitarbeiter zu erschaffen. Die Verbindung zwischen Verein und Sponsor ist somit ein Stück weit historisch und damit auch ein Teil der Vereinsgeschichte. Daher ist auch die Erwähnung des Sponsors im Vereinsnamen kein Problem.“

Abschließend weisen die Ultras daraufhin, dass Red Bull mit seinem Multi-Club-Ownership die sportliche Integrität des Fußballs aushöhle: „Aber hierfür hat der unbeliebte Energy-Hersteller wieder tief in die Trickkiste gegriffen. Man tauschte auf dem Papier die Führungspositionen aus, damit theoretisch beide Vereine von verschiedenen Personen geführt werden. Selbstverständlich blieb das Netzwerk von Red Bull im Hintergrund weiterhin aktiv. Die UEFA akzeptierte diesen Betrug tatsächlich und lies damit sowohl Salzburg als auch Leipzig an der Champions League teilnehmen. Die Folgen für alle anderen Vereine liegen natürlich klar auf der Hand. Sowohl die Farmteams als auch die Teilnahme beider RB-Clubs im selben Pokal sorgen für einen klaren Wettbewerbsvorteil. Traditionell geführte Vereine müssen auf ihren eigenen Nachwuchs oder kostspielige Transfers setzen, während Red Bull auf ein weltweites Ausbildungsnetzwerk zugreifen kann.“

Die Trierer Ultras wollen nun aber trotzdem das Beste draus machen und sich zumindest eindeutig gegen den Red-Bull-Kosmos positionieren. Bevor es morgen um 18 Uhr sportlich losgeht haben sie deswegen zu einem Protestmarsch aufgerufen. Um 13 Uhr trifft man sich an der historischen Porta Nigra – kein zufälliger Ort, denn die Eintracht-Fans sind überdies aufgerufen, ihr jeweils ältestestes Fanutensil mitzubringen sowie Protestschilder zu basteln. Danach geht es für die Anhänger*innen dann zu Fuß weiter ins 1930 eröffnete Moselstadion.

Dort hoffen sie dann darauf, dass ihre Leidenschaft vielleicht doch auch sportlich belohnt wird: „Fan von Eintracht Trier wird man garantiert nicht wegen der vielen Titel oder den großen Gegnern, auf die man jedes Wochenende trifft. Vielmehr haben die meisten Fans vermutlich eine Geschichte. Der Vater, der einen vor etlichen Jahren zum ersten Mal mit ins Moselstadion genommen hatte oder der Opa, welcher vielleicht selbst mal in Blau-Schwarz-Weiß aufgelaufen ist. Vielleicht waren es aber auch einfach die Schulfreunde, mit denen man das erste Mal zusammen gefiebert hat. Auch die vielen Jahre in der Oberliga konnten daran nichts ändern. Man blieb trotz allen Widerständen seinem Weg treu und wurde letztlich auch mit der Rückkehr in die Regionalliga belohnt. Mittlerweile kommen wieder so viele Zuschauer wie seit Jahren schon nicht mehr ins Moselstadion. Ein weiterer Beweis dafür, dass sich harte und ehrliche Arbeit irgendwann auszahlt.“ Vielleicht ja morgen schon wieder – mit einem Pokalwunder.

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Von admin