Wieso Giulia Gwinn nicht Fußballerin des Jahres sein will – und ein Bayern-Blog ihre Wahl deutlich kritisiert

Der Fußball-Blog „Mia san rot“ begleitet den FC Bayern München seit vielen Jahren mit klugen Analysen, treffenden Kommentaren und Berichten aus dem Verein und seinen Mannschaften. Umso mehr verwundert auf dem ersten Blick, dass „Mia san rot“ die Wahl von Giulia Gwinn, immerhin Spielerin der Bayern-Frauen, zu Deutschlands Fußballerin des Jahres „eine Farce“ nennt. Was steckt dahinter?

Zunächst eine organisatorische Erklärung: Die Wahl zum Fußballer und zur Fußballerin des Jahres organisiert der „Kicker“. Stimmberechtigt sind die Mitglieder des „Verbands der Sportjournalisten“. Sie wählen für das Sportmagazin jedes Jahr die besten Spieler*innen aus. Voraussetzung: Man muss entweder Deutsche*r sein oder in Deutschland spielen. Rekordsiegerin ist Birigit Prinz, die sich diese Auszeichnung zwischen 2001 und 2008 gleich acht Mal in Folge sicherte. Und in diesem Jahr hat die Abstimmung eben Giulia Gwinn gewonnen – sie verteidigte damit die Auszeichnung, die sie im letzten Jahr gemeinsam mit Torhüterin Ann-Kathrin Berger gewonnen hatte. „Das Endergebnis zeigt jedoch abermals, wie oberflächlich und nebenläufig der Fußball der Frauen behandelt wird“, meint „Mia san rot“.

Die Begründung: Gwinn seie zwar eine der bedeutendsten Fußballerinnen Deutschlands und spiele zurecht beim FC Bayern, doch „wenn man ihre vergangene Saison nüchtern einordnet, muss man auch festhalten: Es war nicht ihre. Einige Verletzungen bremsten sie aus, ihre Leistungen waren für ihre Verhältnisse wechselhaft und eher durchschnittlich“. Trotzdem hat Giulia Gwinn 106 Stimmen bekommen. Kleiner Funfact: Lena Oberdorf hat fast so viele Stimmen bekommen (6), wie sie Spiele sammelte (8). Aber zurück zu Gwinn: „Die meisten dürften sie nur deshalb gewählt haben, weil man sie halt kennt und sie omnipräsent ist“, folgert „Mia san rot“. Und weiter: „Ob sie auch mal ein Spiel von ihr gesehen haben? Vielleicht bei der Nationalelf, wo sie aber auch nicht außerordentlich erfolgreich war zuletzt – teils durch Formschwäche, teils durch Verletzungen.“ Das Fazit des Blogs: „Der Fußball der Frauen ist bestenfalls Nebensache. Das Abstimmungsergebnis ist lieblos und hat mit der Realität wenig zu tun.“

Dabei gibt es durchaus schon länger Kritik an der Auswahl von Deutschlands besten Fußballer*innen. Bei den Männern fanden in diesem Jahr beispielsweise gleich mehrere der 656 teilnehmenden Sportjournalist*innen, dass Florian Neuhaus (2) oder Leon Goretzka (3) den Titel verdient gehabt hätten. Manuel Neuer (4) kam zudem auf mehr Stimmen als Luis Diaz (4). Gewonnen aber hat Harry Kane (272), zweiter wurde Michael Olise (203), abgeschlagen dritter Deniz Undav (61). Trainer des Jahres Vincent Kompany – das ist unbestritten verdient.

Auch Giulia Gwinn ist mit ihrer Wahl unzufrieden – was sie sogar im sie auszeichnenden „Kicker“ ziemlich deutlich kund tat: „Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht damit gerechnet, in diesem Jahr gewählt zu werden. Deshalb war mein erster Gedanke auch: wirklich ich? Andere Spielerinnen hätten es aus meiner Sicht mehr verdient gehabt, diese Auszeichnung entgegennehmen zu dürfen.“ Gwinn sagte weiter, sie selbst hätte Klara Bühl, die hinter ihr zweite wurde, ihre Stimme gegeben.

„Mia san rot“ äußert deswegen auch ziemlich deutliche Kritik an der Berichtserstattung großer Medienhäuser. Diese würden sich im Frauenfußball nur mit folgenden Themen befassen: „Agentur-Artikel auf die Seite bringen, die nicht selbst geschrieben sind – Spielberichte zu Spielen, die selbst nicht geschaut wurden beispielsweise. Interviews, in denen es eher um Lifestyle und Aufregerthemen wie ‚Equal pay‘ geht. Social-Media- und Boulevard-Content.“ Inhaltlich bedeutsamen Content zu den Frauen fände man hingen „häufig bei kleineren Projekten, die mit Liebe zum Detail arbeiten. Will man dem Fußball der Frauen wirklich einen Gefallen tun mit solchen Awards, sollte man darüber nachdenken, wie es gelingen kann, dieses echte Fachpersonal zu vereinen.“

„Mia san rot“ schlägt darum vor, eben diese Projekte in Zukunft anstelle der großen Medien an der Abstimmung zu beteiligen. „Schon deshalb, weil diese Abstimmung nicht nur abschätzig gegenüber dem Fußball der Frauen ist, sondern auch die Glaubwürdigkeit der beteiligten Medien beschädigt“, kommentiert der Blog.

Verdient hätte der Frauenfußball aber auch darüber hinaus eine bessere Berichtserstattung. Denn die Bundesliga entwickele sich inzwischen wieder gut, macht Giulia Gwinn klar: „Die Bundesliga ist eine der besten Ligen der Welt. Aber ich habe auch Verständnis für diejenigen, die wechseln. England nimmt im Frauenfußball mittlerweile eine Vorreiter-Rolle ein. Das liegt ohne Frage an den finanziellen Möglichkeiten dort. Es wandern ja auch aus Spanien, Italien und Frankreich Spielerinnen auf die Insel ab. Dennoch haben wir weiterhin Top-Spielerinnen in Deutschland, wenn ich beispielsweise nur an unsere DFB-Spielerinnen beim FC Bayern denke, dazu an Momoko Tanikawa, Arianna Caruso oder Pernille Harder. Und wir haben alles andere als Stillstand hier.“ Und „mit Stuttgart und Mainz sowie zeitnah sicherlich auch Borussia Dortmund kommen spannende Teams nach oben, die diese Liga weiter bereichern werden. Wir dürfen in unseren Bemühungen aber nicht nachlassen – im Gegenteil. Ich erwarte mir in der Entwicklung noch mehr Push und Tempo von allen Akteuren.“

Ein berichtigtes Schlusswort von Deutschlands Fußballerin des Jahres.

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Von admin