„Ich habe in meiner Karriere viele Tore geschossen – Traumtore, Tore, die Titel gebracht haben -, aber alle erinnern sich nur an das Mattheus-Tor.“ Mit diesen Worten blickt der Brasilianer Bebeto auf die Geburt seines ersten Sohnes während der Fußball-Weltmeisterschaft 1994, ebenfalls in den USA, zurück. Bebeto war bei der Geburt selbst nicht dabei, er blieb mit der brasilianischen Nationalmannschaft vor Ort bei der WM, zeigte aber nach seinem Tor im anschließenden Spiel einen ikonischen Wiegen-Jubel. Hat man damals halt so gemacht. Und wenn man es nicht so gemacht hat, dann bekam man sogar richtig Ärger: Martin Allen von den Queens Park Rangers wollte 1989 die Geburt seines Sohnes auf keinen Fall verpassen, verpasste deswegen aus Auswärtsspiel seiner Mannschaft – und bekam dafür prompt eine saftige Geldstrafe aufgebrummt.

Jeremy Doku, aktuell mit der belgischen Nationalmannschaft beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada dabei, wollte wie Allen ’89 nicht die Geburt seines ersten Sohnes verpassen und reiste deswegen zeitweise aus dem Mannschaftsquartier ab, stand seiner Frau im Kreissaal bei und kehrte anschließend als stolzer Vater nach Nordamerika zurück. Anders als bei Allen war das aber mit dem belgischen Verband abgesprochen – und stieß bei seinen Mannschaftskollegen auch auf das größtmögliche Verständnis: „Ich finde, ein Kind zu haben, ist das Schönste, was man sich auf der Welt wünschen kann, und dabei zu sein, ist als Vater – und natürlich auch als Mutter – mehr als selbstverständlich“, sagte beispielsweise Belgiens Teamkapitän Youri Tielemans. Auch aus dem deutschen Quartier erfuhr Doku für seine Reise Verständnis. Mittelfeldspieler Nadiem Amiri, selbst Vater zweier Kinder, sagte: „Alle, die Eltern sind, die Papa sind, wissen, was für ein besonderer Moment das ist. Für die Geburt seines ersten Kindes muss er da hingehen.“

Dass Tielemans und Amiri sich äußerten hat aber natürlich auch einen Grund. Denn außerhalb der Spieler-Szene gab es durchaus auch Kritik am Außenstürmer von Manchester City. „Du willst all das verlassen, um bei der Geburt deines Kindes dabei zu sein, die ein ekelhafter Moment ist, Verzeihung, wo der Papa zu nichts gut ist und eine Nebenrolle hat“, hatte zum Beispiel die französische TV-Moderatorin France Pierron mit Blick auf die WM in Richtung Doku gesagt. Auch unter den belgischen Fans gab es kritische Stimmen – auch wenn die verständnisvollen Beiträge klar in der Überzahl waren. Nadiem Amiri entgegnet: „Ich habe das auch mitbekommen. Ich habe gar kein Verständnis dafür, dass er kritisiert wird für so etwas.“ Und auch Pierrons Fernsehsender entschuldigte sich für die Äußerungen.

Doku ist übrigens nicht der einzige WM-Teilnehmer, der aus familiären Gründen zeitweise abreiste. Auch Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps ist aktuell in der Heimat, der Nationaltrainer hat den Tod seiner Mutter zu verkraften und will an ihrer Beerdigung teilnehmen. Anders als Doku verpasst er hierfür sogar das letzte Gruppenspiel seiner Mannschaft, lässt sich von seinem Co-Trainer vertreten. Deschamps‘ Entscheidung ist natürlich genauso nachvollziehbar wie die Dokus.

Zeiten ändern sich. Und der Fußball ist dabei immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wer weiß: Vielleicht verzichtet in ein paar Jahren sogar ein Spieler ganz auf eine WM-Teilnahme, um seiner Frau im Wochenbett beizustehen und die erste Zeit mit dem neugeborenen Kind nicht zu verpassen. Eins steht fest: Schlimm wäre es nicht.

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Von admin