mmer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheimim zweiten Teil folgte Bursasporim dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesdayim sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderersim achten beschäftigten wir uns mit Manchester Unitedim neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoenseim zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrzeim elften ging es darum, wie Fans den ältesten Fußballvereins Bulgariens zurückkauften, im zwölften ging es um die Rückkehr von Coventry in die Premier Leage und im 13. verabschiedeten wir uns von einem der bedeutensten Vereine des Frauenfußballs. Heute schauen wir – nicht nur zum 10. Jahrestag der Überraschungsmeisterschaft – nach Leichester. Los geht’s!

Es erschien wie ein kleines Fußballmärchen: Das bis dahin eher unbekannte Leichester City gewann vor zehn Jahren die englische Meisterschaft. Trainer Claudio Ranieri, der deutsche Innenverteidiger Robert Huth, Sechser N’Golo Kanté, Flügelspieler Riyad Mahrez und Stürmer James Vardy, dazu ein blaues Fahnenmeer – dieser überraschende Titel blieb vielen in Erinnerung. Doch zehn Jahre sind eine lange Zeit. Und für Leichester City waren die zehn Jahre nach der Überraschungsmeisterschaft keine wirklich guten. Jetzt ist der Verein übrigens am Tiefpunkt angekommen. Aber der Reihe nach.

Gestern kam Leicester gegen Hull City in der zweitklassigen Championship nur zu einem 2:2, wodurch der Rückstand von sieben Punkten aufs rettende Ufer in den verbleibenden zwei Partien nicht mehr eingeholt werden kann. Elf Siege, 15 Unentschieden und 18 Niederlagen bilden die magere Saisonbilanz der Foxes. Die Konsequenz: Der Abstieg in die dritte Liga. Dabei haben über die Saison bereits drei unterschiedliche Trainer die Rettung Leicesters versucht. Martí Cifuentes trainierte Leicester City bis zum 25. Januar, doch nach einem Punkteschnitt von 1,32 Zählern pro Spiel und Tabellenplatz 19 von 24 musste er gehen. Danach aber wurde es noch schlimmer: Interimstrainer Andy King wurde nämlich nach drei Niederlagen aus drei Spielen direkt wieder freigestellt. Am 18. Februar kam dann Gary Rowett , doch auch unter dem 52-Jährigen kamen die Foxes nicht in die Spur. In seinen bisherigen zwölf Partien auf der Trainerbank kommt er nicht mal auf einen Punkt pro Spiel.

Verantwortlich für die miserable Saison ist Leichester Defensive. Der Klub stellt nämlich die zweitschlechteste Abwehr der zweiten englischen Liga. Torwart Jakub Stolarczyk musste in bislang 44 Spielen schon 67-mal hinter sich greifen, nur der bereits feststehende Absteiger Sheffield Wednesday weist mit 83 Gegentoren noch mehr auf. Doch der Vergleich hinkt: Denn mit minus fünf Punkten spielt Sheffield in seiner eigenen Liga und schaffte es mit 42 sieglosen Partien, einen neuen Negativrekord aufzustellen. Die Mannschaft, die wegen einer finanziellen Krise, über die FanLeben.de hier berichtet hat, konnte überhaupt nur ein Spiel gewinnen. Da sieht es bei den Foxes besser aus: Mit 54 erzielten Toren gehört das Team immerhin zur treffsichereren Hälfte der Liga.

Aber wie konnte es zu diesem Absturz kommen? Immerhin: Wer einmal die Premier League gewinnt, gewinnt auch Unsummen an Geld und Reichweite. Eigentlich ein immenser Puffer gegen so einen Absturz.

Fest steht: Der Triumph von 2016 war das Ergebnis eines außergewöhnlich stimmigen Gesamtbildes – Ein klar definierter Spielstil, ein hervorragend zusammengestellter Kader und eine extrem kluge Transferpolitik legten die Grundlage, Matchglück und die Schwäche der Konkurrenz kamen hinzu. Doch genau diese Erfolgsfaktoren erwiesen sich im Nachhinein als kaum reproduzierbar. Leistungsträger verließen den Verein oder kamen in die Jahre, während der notwendige personelle Umbruch zu spät und zu inkonsequent eingeleitet wurde. Spieler wie Torhüter Kasper Schmeichel, Wes Morgan oder James Vardy waren 2016 auf dem Zenit ihres Könnens, aber ein Generationenwechsel blieb auch aus Respekt vor ihnen lange aus. Parallel dazu verlor Leicester zunehmend jene Präzision auf dem Transfermarkt, die den Aufstieg erst ermöglicht hatte. Auf kluge, risikobewusste Verpflichtungen folgten kostspieligere, aber weniger treffsichere Entscheidungen. Der Verein bewegte sich finanziell immer stärker in Richtung eines ambitionierten Premier-League-Klubs, ohne sportlich dauerhaft zur Spitze aufzuschließen. Spieler wie Youri Tielemans oder Patson Daka blieben hinter den Erwartungen zurück. Mehrere in der Folge knapp verpasste Qualifikationen fürs internationale Geschäft verstärkten diesen Effekt: Die Erwartungen stiegen, ebenso die Gehaltsstrukturen, doch die sportlichen Ergebnisse blieben dahinter zurück. Hinzu kam ein schleichender Verlust an strategischer Klarheit. Während das Meisterteam noch durch eine eindeutige Identität – defensive Stabilität und konsequentes Umschaltspiel – geprägt war, wirkte Leicester in den folgenden Jahren zunehmend wie ein Team ohne klares Profil. Trainerwechsel und taktische Anpassungen brachten phasenweise Erfolg, etwa unter Brendan Rodgers, der 2021 noch einmal den FA Cup gewann, doch eine nachhaltige sportliche Linie etablierte sich nicht. Die Premier League ist zu umkämpft, als dass man sich so etwas an einem kleineren Standort erlauben könnte.

Ein tiefer Einschnitt war zudem der Tod des langjährigen Eigentümers Vichai Srivaddhanaprabha im Jahr 2018 bei einem Hubschrauberabsturz. Zwar übernahm sein Sohn Aiyawatt Srivaddhanaprabha die Führung und stabilisierte den Klub zunächst, doch langfristig zeigte sich, dass die zuvor oft gelobte Balance aus wirtschaftlicher Disziplin und sportlicher Weitsicht schwer aufrechtzuerhalten war. Sohn Aiyawatt konnte die Fußstapfen seines Vaters nicht ausfüllen, zudem setzte er auf die falschen Berater und Fürhungspersönlichkeiten, die den Klub nach und nach in eine schwere finanzielle Krise führten. Gleichzeitig war er sich sicher, dass die positive Entwicklung schon so weitergehen würde. Eine konstruktive Fehlerkultur gab es in Leichester nicht, stattdessen wurden Einzelpersonen für negative Entwicklungen verantwortlich gemacht. Selbst Brendan Rodgers wurde während einer laufenden Saison im April 2023 entlassen. Seitdem standen ganze zehn andere Übungsleiter an der Seitenlinie im King Power Stadium.

Doch auch externe Faktoren verschärften die Entwicklung zusätzlich. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie trafen nicht nur den Verein, sondern auch das Kerngeschäft der Eigentümerfamilie im internationalen Reisehandel. In einer Phase sinkender Einnahmen hielt Leicester an einer kostspieligen Struktur fest, ein Risiko, das sich mit dem sportlichen Einbruch Anfang der 2020er-Jahre zuspitzte. Der Abstieg aus der Premier League 2023 setzte schließlich eine Abwärtsspirale in Gang: geringere Einnahmen bei gleichzeitig hohen Kosten, sportlicher Qualitätsverlust und wachsender Druck führten letztlich zu einem weiteren Absturz.

Das führte auch zu Sanktionen seitens der Liga: In die laufende Saison starteten die Foxes nämlich mit sechs Minuspunkten. Der Punktabzug gegen Leicester City ging dabei auf Verstöße gegen die Finanzvorschriften der English Football League zurück, genauer gesagt gegen die sogenannten Profit and Sustainability Rules. Diese Regeln begrenzen, wie hohe Verluste ein Verein innerhalb eines bestimmten Zeitraums ausweisen darf, um wirtschaftliche Stabilität im Wettbewerb zu sichern. Leicester überschritt diese zulässigen Defizite deutlich, nachdem der Klub über Jahre hinweg hohe Gehälter und Transferausgaben aus Premier-League-Zeiten beibehalten hatte, während die Einnahmen, insbesondere nach dem Abstieg, spürbar zurückgingen.

Deswegen kippt zusehends auch die Stimmung im Umfeld. Vichai Srivaddhanaprabha war in Leichester extrem beliebt. Auch weil er ein sehr nahbarer Klubbesitzer war, den Austausch mit Fans und Spielern suchte – und natürlich, weil er sportlichen Erfolg brachte. Sein Sohn Aiyawatt Srivaddhanaprabha wurde von den Foxes-Fans deswegen auch sehr lange mit Wohlwollen begleitet. Kritik an ihm gab es kaum, obwohl die Entwicklung schon lange negativ war. Doch das ändert sich jetzt: Viele Anhänger*innen kritisieren insbesondere die finanzielle Entwicklung des Klubs inzwischen deutlich. Vor allem die Personalpolitik wird hinterfragt: Trainerwechsel zur Unzeit und Transfers mit begrenztem sportlichen Ertrag gelten als Symptome eines zunehmend reaktiven statt vorausschauenden Managements. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich damit auch die Rolle des Klubchefs verändert. Aiyawatt Srivaddhanaprabha wird nicht mehr als unangreifbarer Erbe eines erfolgreichen Systems betrachtet, sondern als Verantwortlicher, der sich an sportlichen Ergebnissen messen lassen muss. Die Stimmung unter den Fans ist entsprechend zwiespältig: Zwischen anhaltender Dankbarkeit für vergangene Erfolge und wachsender Unzufriedenheit über die Gegenwart hat sich ein kritischer Ton etabliert, der zwar bislang nicht in einen vollständigen Bruch mit der Klubführung mündet, deren Handlungsspielraum jedoch zunehmend unter Druck setzt. Ob eine frühere kritische Auseinandersetzung der Fans mit der Klubführung ein rechtzeitiges Umdenken hätte bewirken können? Fest steht zumindest, dass ein selbstreflexiveres Umfeld einen so krassen Absturz wohl abgefedert hätte.

Leichester City wurde 1884 gegründet. 1908 stiegen der Klub das erste Mal in die erste Liga auf. Anschließend pendelte die Mannschaft zwischen den obersten beiden Spielklassen hin und her, ohne große Erfolge zu erzielen. Sie erreichte vor 2021 bereits vier Mal das FA-Cupfinale, ohne jedoch zu gewinnen (1949: 1:3 gegen die Wolverhampton Wanderers, 1961: 0:2 gegen Tottenham Hotspur, 1963: 1:3 gegen Manchester United, 1969: 0:1 gegen Manchester City). 1929 wurde Leicester City englischer Vizemeister. 1964, 1997 und 2000 gewann man den englischen Ligapokal. Und 1971 und 2021 gewann man zudem den englischen Supercup. Als das zeigt: Leichester City sind ein Traditionsverein, der das Potenzial hat im englischen Profifußball eine bedeutende Rolle zu spielen.

Und auch die gegenwärtige (Finanz-)Krise ist für die Foxes keine komplett neue Situation: Denn der Verein wurde als Leichester Fosse, in Anlehnung an das erste Stadion des Klubs an der Fosse Road, gegründet. Die Umbenennung in Leicester City erfolgte erst 1919, da sich der alte Verein damals aufgrund finanzieller Schwierigkeiten aufgelöst hatte und Leicester gleichzeitig vom Distrikt zur Stadt heraufgestuft worden war. Also auch, dass er aus Krisen wieder herausfindet, hat der Klub bereits bewiesen.

Für Leichester City geht es also nächstes Jahr in der dritten Liga weiter. Aber immerhin: Es geht weiter.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin