Darauf, worauf wir uns bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Rahmenprogramm – naja – freuen dürfen, gab es vor Beginn des Test-Länderspiels zwischen den USA und Deutschland eben, schon mal einen Vorgeschmack: Nach dem Einlauf der Mannschaft, der immerhin, anders als bei der Klub-WM letzten Jahr, kein minutenlanger Einzug aller Spieler einzeln mehr ist, werden die aufgestellten Spieler erstmal der Reihe nach namentlich vorgestellt. Also während die schon auf dem Platz stehen und auf die Hymne warten. Apropos: Die US-Hmyne wird natürlich auch von einem US-Star oder, wenn gerade keiner verfügbar ist, immerhin von einem US-Tenor gesungen, nein, das ist untertrieben, sie wird von ihm inszeniert. Beim WM-Finale wird es übrigens erstmals auch eine eigene Halbzeitshow geben – wers braucht. Der Fußball hat immer davon gezehrt, ein ehrlicher Sport zu sein, wenn die FIFA meint, sie könnte ihn besser wie Eishockey vermarkten, soll sie es halt probieren. Die meisten Spiele laufen eh so spät in der Nacht, dass viele europäische Fußballfans sie verschlafen dürften. Also: Passt schon.

Und überhaupt soll ja, wer im Glashaus sitzt, besser nicht mit Steinen werfen. Man erinnere sich ans Jahr 2023, als die Boss Hoss vor dem ersten Bundesliga-Spieltag, die deutsche Nationalhymne vorführten. Das war auch sehr besonders – und ist heute immerhin eine lustige Erinnerung.

Aber darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Sondern um eine andere Tradition, von der sich heute auch vermutlich niemand mehr erklären kann, wo die eigentlich herkommt: Die offiziellen WM-Songs der teilnehmenden Mannschaften. Legendär sind die Aufnahmen von schlecht-gelaunten Nationalspielern, die auf eine Bühne gestellt werden, um dann ein Klischee-behaftetes Lied über das jeweilige Gastgeber-Land der anstehenden Weltmeisterschaft zu singen. Das gibt es heute nicht mehr, vielleicht auch besser, wenn man mal googelt, was Manuel Neuer mit seinem langjährigen Torwarttrainer Toni Tapalovic so im Urlaub sing.

Die Tradition der WM-Songs wird aber ja trotzdem weitergeführt. Und sie hat auch mit professionellen Interpret*innen nichts an ihrer Absurdität verloren. In unserem Nachbarland Österreich ist sie in diesem Jahr, in dem Österreich erstmals seit 28 Jahren wieder bei einer WM dabei ist, sogar ein richtiges Politikum, so sehr, dass es inzwischen gleich zwei gibt. Was noch lustiger ist, wenn man sich die beiden Lieder einmal anhört, beziehungsweise sich die Texte durchliest. Aber der Reihe nach.

Beginnen wir mit der Chronologie der Ereignisse. Ursprünglich beauftragte der Österreichische Fußballbund die Band FRÖNK um Frank Hoffmann mit dem Song. Praktisch, weil der eng mit einem Sponsoren des ÖFB verbunden ist. Und der nahm die Aufgabe auch entsprechend ernst. Schon im März dröhnte deshalb aus den Boxen des Wiener Ernst-Happel-Stadions der Titel: „Wödmasta in Amerika“. Darin heißt es unter anderem: „Hipp, hipp, Hurra – schalalala“. Mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis wird ja immerhin auch der bedeutenste deutschsprachige Literaturpreis in Österreich verliehen. Die Nummer klingt trotzdem ein wenig, als wäre sie in den Neunzigerjahren eingefroren und nun wieder aufgetaut worden. Aber so richtig gut an kam sie trotzdem nicht.

Im März wurde der „Wödmasta“-Titel auf der ÖFB-Instagram-Seite beworben und auch auf dem CD-Cover ist der Zusatz vermerkt: offizieller ÖFB-Song. Er hoffe darauf, erklärte FRÖNK, den Song gemeinsam mit den Nationalteam-Stars einzusingen, damit er es „in die Stadien nach Amerika schafft“. Doch die Nationalspieler wollten partout nicht singen. Und Ralf Rangnick soll er auch nicht gefallen haben – „Wödmasta in Amerika“, also ‚Weltmeister in Amerika‘, soll er übertrieben gefunden haben. Könnte er recht mit haben. Und den Ruf, sich umfassend einzumischen, pardon: einzubringen, hatte Rangnick ja eh schon weg.

Also rief Rangnick kurzerhand den Austropop-Star Paul Pizzera an, den er schon von anderen Projekten kannte, und bat ihn, doch eine coole Nummer zu komponieren. Rangnick gilt als großer Austropop-Fan. Er mag den Schmäh, das Skurrile, das eigentümlich Österreichische. Schon öfter hatte er Verbesserungsvorschläge für die Playlist im Stadion. Und dann, kurz vor der Abreise der österreichischen Nationalmannschaft, saß Rangnick plötzlich grinsend auf dem Podium einer Pressekonferenz. Er erklärte, dass es gleich etwas Cooles zu hören gebe: den neuen ÖFB-Song für die WM, von Paul Pizzera.

Dieser Titel – „Stripes and Stars“ – ist auf Englisch gehalten und erinnert ein wenig an Rap aus dem frühen 2000ern. Und der Witz soll darin liegen, dass jedes Teammitglied mit einem Reim vorgestellt wird. Rangnick selbst etwa wird auf den fiktiven Auftragskiller-Actionheld John Wick gereimt. Und weiter: „You’ve got Kendrick Lamar, but we’ve got Alaba“, „You may have Britney, Bitch, we’ve got Arnautović.“ Den Reimen sind dabei keine Grenzen gesetzt. Auch ein Pornostar ist Thema. „You may have Riley Reid, we’ve got Romano Schmid“. Oder Politiker: „Well you’ve got J.D. Vance, but we’ve got Patrick Pentz.“ Und auf The Undertaker folgt Chukwuemeka. Dieses Lied genügte dann – warum auch immer – den Ansprüchen des deutschen Fußballlehrers: „Paul ist, was das angeht, extrem kreativ“, lobt er. Kann man so sagen.

Bleibt die Frage: Gibt es jetzt zwei offizielle ÖFB-Songs zur WM oder nur einen? ÖFB-Geschäftsführer Neuhold betont: „Ich bin sehr vorsichtig damit, das Wort WM-Song zu verwenden“. Man sei aufgrund von FIFA-Richtlinien nämlich „gar nicht autorisiert, in Bezug auf die WM kommerzielle Themen zu verfolgen. Es gibt Songs des ÖFB, aber wir haben nie irgendwo kommuniziert, dass das offizielle WM-Songs sind.“ Es gebe bloß „zwei Projekte, die der ÖFB begleitet hat“, sagt Neuhold. Um dann zu betonen: Diese seien aber keinesfalls „konkurrenzierend zu sehen“. FRÖNK aber soll trotzdem irritiert gewesen sein, dass auf einmal von Rangnick ein zweites Werk ins Spiel gebracht wurde. Aber da wiederum wusste der ÖFB in einer offiziellen Stellungnahme zu vermitteln. Darin heißt es nämlich, dass „Wödmasta in Amerika“ der offizielle ÖFB-Song sei. Und die Pizzera-Nummer ist als offizieller Song von Rangnicks Nationalteam firmiert. Sollte reichen für den nächsten FIFA-Friedenspreis.

Und was bleibt von der Geschichte? Vor allem die Erkenntis, dass es vielleicht doch keine so gute Idee ist, im Fußball immer mehr Show zu machen. Auf dem Platz haben die meisten Verbände nämlich offensichtlich mehr zu bieten als daneben.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin