Alles schien auf Frankreich hinauszulaufen: Die Mannschaft von Didier Deschamps hat nicht nur die nominell stärkste Offensive des Turniers, ein Wahnsinn, wie viel offensive Qualität Teil des Kaders der Équipe Tricolore ist, das Team wirkte im gesamten Turnierverlauf auch eingespielter als die anderen Top-Favoriten auf den WM-Titel, tat sich anders als Spanien gegen Kap Verde oder England gegen die DR Kongo in keinem Spiel wirklich schwer. Und trotzdem endete der Traum vom zweiten Weltmeistertitel für Deschamps und seinen Kapitän Kylian Mbappé gestern um kurz nach 23 Uhr. 0:2 gegen Spanien – damit hatte vor dem Aufeinandertreffen wohl kaum jemand gerechnet, vielleicht eher, kaum jemand rechnen wollen, weil man, wenn schon das eigene Team ausgeschieden ist, zumindest die besten möglichst lange spielen sehen will.
Das aber wussten die Spanier gestern zu verhindern. Vielleicht auch, weil sie sich eine frühere deutsche Tugend zu eigen gemacht haben: Sie sind längst eine herausragende Turniermannschaft. Das erklärt auch der deutsche Trainer der englischen Three Lions, Thomas Tuchel: „Es sieht aus, also ob sie keine Knock-out-Spiele verlieren.“ In der Tat: seit acht Spielen ist die Roja nun bei Endrunden unbesiegt. Spanien ist darum längst eine „Trademark„, lobte Tuchel. Und: „Gratulation dazu, volle Punktzahl.“
Weitergekommen sind die Spanier dabei gestern Abend auch alles andere als glücklich. Noch vor der ersten Trinkpause konnten sie in Führung gehen – wenn auch mit Hilfe der Les Bleus: Bei einem Klärungsversuch im eigenen Strafraum nämlich erwischte Linksverteidiger Lucas Digne den heranstürmenden Lamine Yamal eindeutig am Bein, sodass Schiedsrichter Ivan Barton um einen Elfmeterpfiff gar nicht herum kommen konnte. Den fälligen Strafstoß verwandelte Mikel Oyarzabal souverän (22.). Frankreich bekam kaum Kontrolle im Spielaufbau, wenn, dann konnten sie über Einzelaktionen etwas Gefahr aufbauen. Spanien aber stand die meiste Zeit sicher, presste gleichzeitig aber hoch und schaltete nach Ballgewinn zudem stets gefährlich um, ein insgesamt ziemlich souveräner Auftritt. In der 38. Minute verunglückte Frankreichs Torhüter Mike Maignan zudem ein Abschlag, fast das 2:0 für Spanien.
Auch in der zweiten Halbzeit blieb es beim selben Bild. Zumal Spanien erneut bereits vor der Trinkpause traf: Ausgangspunkt war dieses Mal Pedro Porro, der die Situation durch einen Doppelpass mit Dani Olmo selbst initiierte. Der aufgerückte Rechtsverteidiger tauchte daraufhin vor Maignan auf und traf überlegt in die Maschen (58.). Hatte man bis dahin noch das Gefühl, dass eine gelungene Offensivaktion Frankreichs das Spiel drehen könnte, wurde ein spanisches Weiterkommen jetzt immer konkreter. In seinem persönlich dritten Duell mit Frankreich hätte Lamine Yamal kurz darauf beinahe seinen vierten Treffer bejubeln dürfen, doch der Linienrichter signalisierte zu Recht eine Abseitsstellung (61.).
Zum Schluss drehte Frankreich noch einmal auf – aber ohne wirklich etwas konkretes daraus machen zu können. Entsprechend konsterniert erklärte nach Spielschluss Mbappé, der Abend in Dallas habe für „enorm viel Enttäuschung“ gesorgt. Bei der Antwort auf die Frage nach dem Warum führte der 27-Jährige „zu viele technische Ungenauigkeiten“ im eigenen Spiel an, um den Spaniern wirklich wehtun zu können. Und: „Ich denke, wir haben nicht das Spiel gemacht, das wir machen wollten, weder taktisch noch technisch, noch in Bezug auf das Gesamtlevel, das wir gezeigt haben. Und wenn du in einem WM-Halbfinale nicht das machst, was du machen sollst, gewinnst du nicht.“ Eine harte Abrechnung. Der sogar Kritik an Trainer Deschamps folgte: „Wir standen im Mittelfeld drei gegen zwei, gegen Spanien ist das schwierig. Fabian und Rodri hatten jede Menge Zeit zu spielen. Es fehlte die Kommunikation beim Pressen. Ich denke, wir hätten mehr mannorientiert pressen und sie zwingen sollen, unser Tempo zu gehen.“ Spanien bevorzuge es, den Ball und das Tempo zu kontrollieren, so der Real-Star. Deshalb sei der Plan Frankreichs gewesen, hoch zu pressen, „damit sie nicht in ihren Rhythmus kommen“. Das aber habe nicht geklappt – auch aufgrund eigener Mängel. „Selbst wenn wir den Ball erobert haben, war unser erster Kontakt nicht gut genug. Das führt zu so einer Niederlage. Wenn wir objektiv auf das Spiel schauen, haben wir nicht die Voraussetzungen erfüllt, um ins Finale zu kommen.“ Ob Frankreich mit vertauschten Rollen bessere Chancen gehabt hätte? Vielleicht.
Bei Deschamps jedenfalls klang es nach Spielschluss etwas anders: „Wir haben es versucht, wir sind gescheitert. Wir müssen eingestehen, dass die Spanier besser waren. Sie haben das Spiel kontrolliert.“ Auch dem Trainer hätten viele Fans, nachdem während der Weltmeisterschaft seine Mutter gestorben war, den Titel sicher gegönnt. Zumal Deschamps nach der WM ja als französischer Nationaltrainer zurücktreten wird. Weltmeister ist er trotzdem.
Das waren die Engländer wiederum zuletzt vor 60 Jahren. Aber immerhin: Bei den letzten beiden internationalen Turnieren stand das Team jeweils im Finale. Thomas Tuchel: Wenn ein Team zweimal in Serie im Endspiel steht, dann bedeute das auch „dass man weiß, was man kann“. Heißt weitergedacht: „Wir wollen die nächste Stufe erreichen.“ Und weiter: „Wir sind ehrgeizig, wir sind weiterhin nicht zufrieden mit dem Erreichten. Wir wissen, was wir wollen, wir wissen, warum wir hier sind“, sagte der Deutsche mit Blick auf das zweite Halbfinale gegen Titelverteidiger Argentinien heute Abend. Aber der 52-Jährige gab auch zu: „Wir sind aufgeregt und dankbar.“
Argentinien erwartet der ehemalige BVB- und Bayern-Trainer insbesondere als starke Einheit, nichtsdestoweniger glaubt er einen Matchplan gefunden zu haben, um sie trotzdem schlagen zu können. „Es treffen zwei große Fußball-Nationen aufeinander. Es wird wohl ein intensives und emotionales Match, in dem das Momentum oft wechseln wird.“ Sein Team müsse gegen Argentinien im Vergleich zum Norwegen-Spiel im Viertelfinale den „Rhythmus steigern, den Angriff forcieren“, schlicht „auf einem höheren Level spielen“.
Lionel Scaloni, Argentiniens Nationaltrainer, klingt da durchaus ähnlich, wenn er sagt: „Es ist ein anderes Spiel als das vorherige, jedes Spiel ist anders.“ Anders als Spanien, Frankreich oder England musste seine Mannschaft in diesem Wettbewerb allerdings noch gegen Top-Nation antreten, das macht das Spiel vielleicht noch einmal spannender als ohnehin angenommen.
Und dann ist da noch die historische Bedeutung des Aufeinandertreffens zwischen England und Argentinien, die Scaloni betont: „Es ist ein Spiel gegen einen großen Rivalen, und ich will nicht Öl ins Feuer gießen. Die Spieler wissen sehr gut: Es ist ein Halbfinale, und das allein ist schon genug. Wir haben ein Gedächtnis und erinnern uns daran, aber es ist nicht nötig, darüber zu sprechen.“ Gemeint ist der Falklandkrieg vor 44 Jahren, der Hunderten argentinischen Soldaten das Leben kostete, der zugleich aber auch der Anfang vom Ende der Militärdiktatur in Argentinien war. Im Dezember 1983 kehrte das Land dann nach dem Ende der Militärjunta wieder zur Demokratie zurück. „Wir sprechen mit den Spielern nicht über dieses Thema. Es ist ein Fußballspiel, was sollen wir sagen, was vor so vielen Jahren passiert ist? Es ist Teil unserer Geschichte, ein trauriger Teil. Aber jetzt haben wir ein Fußballspiel. Es gibt Menschen, die viel gelitten haben, und es wäre Wahnsinn, das alles zu vermixen“, sagte der Coach. Aber natürlich wolle man nun noch mehr. Man werde „um den letzten Ball kämpfen, den letzten Tropfen Schweiß geben, um ins Finale zu kommen“ – wie Tuchel es ja auch erwartet. Sein Fazit lautet dennoch: „Unsere Hoffnung ist intakt, es ist ein großer Rivale, aber wir haben die Chance, weiterzukommen.“
Die Karten bei dieser Weltmeisterschaft sind also neu gemischt. Und die Spannung steigt.
