Anfang April veranstaltete der FC Hansa Rostock einen Motto-Spieltag rund um sein Drittliga-Heimspiel. Der Slogan: „Hansa für MV“. Dabei sollte – unter anderem in Kooperation mit der Univeristätsmedizin Rostock – über das Thema Organspende aufgeklärt werden. Hansa Rostock veröffentlichte dafür beispielsweise ein Aufklär-Video mit einem Oberarzt des Kooperationskrankenhauses, in dem dieser den Prozess der Organspende erklärte. Veröffentlicht wurde das Video auch auf den Instagram-Accounts von Hansa und der Universitätsmedizin. Eigentlich eine ziemlich gute Sache.
Das Problem: Der betreffende Oberarzt, Dr. med. Roland Siems, äußert sich auf seinen privaten Social-Media-Accounts immer wieder rechtsradikal und menschenverachtend – auch in medizinischen Kontexten. Siems Accounts waren zum Zeitpunkt seiner Postings öffentlich einsehbar, die Inhalte sind, da Siems als Oberarzt und Organspende-Botschafter seiner Klinik öffentlich auftritt, damit auch im öffentlichen Interesse. Wir dokumentieren sie an dieser Stelle auszugshalber, da mit ihnen wichtige gesellschaftliche Fragen verbunden sind: Bis zu welchen Punkt müssen wir die private Meinung von Verantwortungsträgern tolerieren? Sollte man Menschen zu fachspezifischen Themen eine Bühne bieten, wenn sie daneben menschlich versagen? Wie radikalisieren sich Menschen wie Dr. Siems? Warum tuen die Plattformen nichts dagegen? Und wie sollten Hansa Rostock und die Universitätsmedizin eigentlich mit dem Vorfall umgehen? Aber der Reihe nach.
Siems schrieb unter einem Beitrag, in dem Menschen mit Migrationsgeschichte zu sehen waren, den Satz: „Also ich sehe nur Heizmasse, die unser Energieproblem lösen kann. Remigrieren oder Lager.“ An anderer Stelle wurde er sogar noch deutlich: „Remigrieren oder kremieren.“ An dritter Stelle schreibt er: „Wirtschaftlich wäre kremieren.“ Dahinter steckt offenbar die genozidale Absicht, Menschen, die einer anderen Etnie zugehörig sind, als der Oberarzt selbst, systematisch, er spricht immerhin von Lagern, zu ermorden und mit dem Verbrennen ihrer Leichen Energie zu gewinnen.
Dabei schreckt Siems offenbar auch nicht davor zurück, gegenüber konkreten Einzelpersonen Tötungsabsichten zu äußern. Mehrfach forderte er unter Instagram-Beiträgen, in denen es um konkrete Personen ging, einen „finalen Rettungsschuss“. Er rief dazu auf, auch ohne Waffenschein, immer eine „Schutzwaffe mit(zu)führen und im Bedarfsfall ein(zu)setzen“. Dass er sich mit einem illegalen Waffenbesitz strafbar mache, sei ihm „egal“. Unter einem Beitrag schreibt Siems: „Finaler Rettungsschuss und gut. Weg mit dem und viel Geld gespart.“
Die Radikalisierung des Oberarztes vollzog sich dabei über Wochen. Angestachelt wohl auch durch Deepfakes vermeintlicher Ausländer-Kriminalität, die nur erstellt und veröffentlicht werden, um Hass zu sähen und die deutsche Gesellschaft zu spalten. Expert*innen vermuten in vielen Fällen russische Trollfabriken hinter entsprechenden Accounts. Bis gestern erste Medien über die Postings von Dr. med. Roland Siems berichteten, waren all seine Kommentare und damit auch die ursprünglichen Beiträge öffentlich einsehbar. Das Kooperations-Video mit dem FC Hansa Rostock ist auch jetzt, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrages, noch veröffentlicht.
Und damit sind wir bei unseren Fragen. Die wichtigste Antwort ist ohne Zweifel diese: Die Betreiber von Social-Media-Plattformen müssen besser darin werden, die Verbreitung von Hassinhalten zu erkennen und zu löschen. Es braucht europaweit verbindliche Regeln zum Umgang mit Deepfakes. Und Troll-Fabriken muss das Handwerk gelegt werden – immerhin stehen Bots doch auch im Widerspruch zu dem, was die Plattform-Betreiber sagen, was ihre Angebote bieten, nämlich direkte Kommunikation. Fest steht: Siems hätte viele der Beiträge, die seinen Hass verfestigten, niemals sehen dürfen.
Aber das macht den Oberarzt nicht zum Opfer. Denn Dr. med. Roland Siems ist ein erwachsener Mann, mit einem extrem privilegierten Zugang zu Bildung und Information. Er wusste, was er schrieb, kannte die Bedeutung seiner Worte. Womit wir bei den anderen Fragen angekommen sind. Und hier werden die Antworten etwas komplexer – obwohl. Der FC Hansa Rostock hat eine große gesellschaftliche Verantwortung. Der kann er nicht gerecht werden, wenn er Menschen eine Plattform gibt, die an anderer Stelle menschenfeindliche Inhalte verbreiten. Gleichzeitig hat Siems den Hippokratischen Eid geschworen, ist also eigentlich allen Menschen gleichermaßen verpflichtet. Im Wissen darum, dass der Oberarzt dennoch genozidale Vorstellungen hat, hätte die Universitätsmedizin Rostock ihn eigentlich längst nicht mehr beschäftigen dürfen. Denn im Krankenhaus treffen Menschen in Notlagen auf ihre Ärzt*innen, da sollten sie vor ihnen nicht auch noch Angst haben müssen. Und das betrifft ja auch nicht nur Menschen mit Migrationsgeschichte: Siems sympathisiert anscheinend mit politischer Gewalt – Menschen, die sich seinen Ansichten entgegen stellen, könnten sich im Krankenhaus, ebenso von ihm bedroht fühlen.
Die eigene Meinung ist in Deutschland geschützt. Jede*r hat das Recht, sich politisch zu engagieren. Doch das endet bei verfassungsfeindlichen Inhalten. Und vor allem soll die Meinungsfreiheit nicht vor Widerspruch schützen. Wer sich menschenfeindlich äußert, muss – unabhängig von institutionellen Konsequenzen – sofort unseren Widerspruch zu spüren bekommen. Es gibt keinen Anspruch auf Toleranz für Intoleranz. Schauen wir also weiter hin.
Auch darauf, ob Hansa Rostock und die Universitätsmedizin Rostock endlich auch noch reagieren.
