Der Reitsport steht zurecht oft in der Kritik. Aber eine schöne Geschichte der Para-Weltmeisterschaft in Aachen lohnt es sich zu erzählen. Und die handelt von der 71-jährigen Heidemarie Dresing.
Denn Dreising reitet zwar bereits seit ihrem 10. Lebensjahr, doch der diesjährige Titel bei der Heim-WM in NRW, die gebürtige Hagenerin wohnt inzwischen in Rheda-Wiedenbrück, ist ihre erste Medaille bei Weltmeisterschaft. Und sie zeigt, was auch nach schweren Schicksalsschlägen möglich ist: 2011 nämlich wurde bei Dresing Multiple Sklerose diagnostiziert. Ihren Beruf als Diplom-Architektin musste sie kurz darauf gesundheitsbedingt aufgeben. Inzwischen kann sie ihren linken Arm und ihr linkes Bein kaum noch bewegen. Außerdem hat sie Gleichgewichtsstörungen.
Dresing, die bereits vor ihrer Erkrankung an Reit-Wettbewerben teilnahm, zog sich deswegen jedoch nicht vom Sport zurück, sondern wechselte in den Para-Sport – mit neuem Ehrgeiz: 2019 wurde sie erstmals deutsche Meisterin in der Kategorie Grade II. Bei den Paralympics 2020, die Corona-bedingt ein Jahr später als geplant in Tokio ausgetragen wurde, sicherte sie sich den vierten Platz, die Bronze-Medaille verpasste sie um nur zwei Punkte. 2023 wurde sie bei der Europameisterschaft in Riesenbeck Europameisterin. Weitere deutsche Meisterschaften und Achtungserfolge bei den Paralympics folgten.
Grade II ist dabei die Bezeichnung für die Kategorie in der Dresing im Dressurreiten antritt. Insgesamt fünf Grade gibt es in der Para-Dressur. In Grade I reiten die Sportler*innen mit den geringsten körperlichen Einschränkungen, in Grade V die am meisten behindert-werdenen Reiter*innen.
Und jetzt eben auch der WM-Titel in der Kategorie Grade II. Und das unter erschwerten Bedingungen: Beim Einritt auf die Mittellinie und in der ersten Ecke erschrak Poesie wegen des Lärms neben dem Viereck. Offenbar liefen dort bereits Abräumarbeiten. „Meine Poesie hatte doch sehr Angst bekommen und wollte weglaufen“, erinnert sich Dresing. Sie habe aber schnell wieder das Vertrauen ihrer Stute gewonnen: „Ich kenne sie sehr gut.“ Das 11-jährige Pferd ist für die 71-jährige dabei ein wichtiger Bezugspunkt: „Wir beide haben eine außergewöhnliche Harmonie und sehr feine Kommunikation.“
Der erste WM-Titel mit 71, 15 Jahre nach der lebensverändernden Diagnose: Das ist beeindruckend!
Warum Dressur-Reiten dennoch oft in der Kritik steht? Für die Pferde ist der Sport ungesund, er stellt physisch eine große Belastung da und verursacht Stress. Viele erforderliche Beweungsabläufe sind für die Pferde unnatürlich. Zudem gibt es Kritik an der Haltung der Tiere, am Einsatz von Sporen und Gerte und daran, dass die Pferde auch bei behandelbaren Verletzungen schnell eingeschläfert werden, wenn ihre Wettkampf-Karriere in Zweifel steht. Den Sportverbänden und Zuschauer*innen wird zudem eine mangelnde Reflexion dieser Probleme vorgeworfen.
Und dennoch: Heidemarie Dresing ist ein Vorbild – was man alles aus Rückschlägen gewinnen kann!
