„Fútbol Is Life!“ Während die vierte Staffel der Kult-Serie Ted Lasso auch in Deutschland anläuft und Fans begeistert, lernen zwei HSV-Mitarbeiter die Bedeutung dieses Satzes morgen noch einmal auf eine völlig neue Weise kennen: Janek Wrede und Robert Schick sind große Fans des Hamburger Sportvereins und leben ohnehin schon ihren Traum, weil sie auch beruflich für den HSV tätig sein können. Wrede, 33, gehört bereits seit 2018zur Scouting-Abteilung des HSV und beschäftigt sich die meiste Zeit mit Daten, indem er die Statistiken von möglichen Neuzugängen auswertet. Schick, 23, zählt seit dem vergangenen Oktober zum Teammanagement und kümmert sich um Angelegenheiten rund um die HSV-Profis. Soweit schon eine schöne Geschichte. Doch noch besser wird sie, wenn man das gemeinsame Hobby von Janek Wrede und Robert Schick hinzu nimmt, denn beide spielen gemeinsam Oberliga-Fußball beim Hamburg Eimsbüttel Ballspiel-Club. Und mit dem HEBC spielen sie morgen in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den BVB – und das im Volksparkstadion ihres Hamburger SVs!
Den Tausch des Spielorts hatte der HSV dem „Nachbarn“ gerne ermöglicht, immerhin fasst der Professor-Reinmüller-Platz, auf dem der HEBC normalerweise seine Heimspiele austrägt, kaum mehr als 1.000 Zuschauer*innen. Morgenabend im Volkspark werden es stattdessen über 40.000 Fans sein, der Vorverkauf läuft gut – auch wegen einer kreativen Werbekampange des Oberligisten: „Wenn’s gut läuft, fahren wir nach Berlin. Wenn’s schlecht läuft, fliegen wir“, lautet das Motto, das auf Spieltagsplakaten und Social Media fleißig verbreitet wird. Dem Ballspiel-Club wirken so viele Einnahmen und auch der HSV profitiert.
Aber zurück zu Wrede und Schick. „Es ist eine außergewöhnliche Geschichte, dass wir beide von der HSV-Geschäftsstelle offiziell im Volkspark spielen können. Jeder hier freut sich für uns“, sagt Schick. Und Wrede ergänzt: „Es ist ein absolutes Highlight, einmal selbst auf dem Platz erleben zu dürfen, was ich sonst immer nur von außen beobachte.“ Den Hamburger Landespokal gewann man im Mai mit einem 5:1-Sieg im Finale gegen den SC Vorwärts-Wacker Billstedt, Anfang Juni folgte dann die Auslosung – inklusive BVB-Los. Die Auslosung der 1. Runde verfolgte Wrede in der U-Bahn, und als gerade der Gegner verkündet werden sollte, fiel der Empfang aus und der Stream brach ab. Nach dem Funklock explodierte sein Handy vor lauter Nachrichten: „Ich wusste nicht mehr, was abgeht“, blickt Wrede schmunzelnd zurück. Schick wiederum war zur gleichen Zeit mit einem Mitspieler im Urlaub in Vietnam. Durch die Zeitverschiebung war es 1 Uhr nachts, als die beiden mit mehr als 20 Fremden in einem Hostel die Auslosung verfolgten. „Wir sind komplett ausgerastet, als wir Dortmund zugelost bekommen haben. Die meisten haben nicht ganz verstanden, worum es genau geht. Einer hat ‚We Are The Champions‘ angemacht und alle haben sich gefreut“, erzählt Schick von diesem ganz besonderen Erlebnis. Für den HEBC ist es dabei auch erst die zweite Teilnahme am DFB-Pokal, erstmals dabei war man vor 91 Jahren, also 1935.
Die Qualifikation für den DFB-Pokal ist für den Verein aus Eimsbüttel also schon ein nahezu einzigartiger Erfolg: Schick nennt es schließlich ein „unglaubliches Glück“, wie es zu dieser Konstellation im DFB-Pokal gekommen ist. Um das Ausmaß zu begreifen, muss man den Hamburg-Eimsbütteler Ballspiel-Club besser verstehen. Der HEBC spielt zwar im siebten Jahr ohne Unterbrechung in der Oberliga, doch Schick sieht im Umfeld viele Faktoren, „die zeigen würden, dass wir alles sind, aber kein Oberligist“. Die ersten Herren trainiert zum Beispiel nur zweimal die Woche und dabei steht ihnen nur die Hälfte des Platzes zur Verfügung. Anders als an anderen Standorten in der Liga bekommen die Spieler beim HEBC kein Geld und nicht einmal im eigenen Stadtteil sind sie die Nummer eins, weil es auch noch den Eimsbütteler TV und den SC Victoria gibt. „Es ist eine Riesenchance für uns als Verein, mehr gesehen zu werden“, sagt darum auch Wrede über das Pokalspiel gegen den BVB.
Entsprechend aufwendig war auch die Vorbereitung auf das Traum-Spiel gegen den BVB. „Unsere Strukturen sind für eine solche Planung nicht ausgelegt. Wer kennt sich schon umfangreich mit dem Profifußball als Geschäft und der Abwicklung eines solchen Pokalspiels in einem Amateurclub aus? Die Verantwortung hat sich auf ein paar Schultern verteilt und dann hat sich jeder sein eigenes Projekt geschnappt“, erklärt Schick. „Bei mir war es Social Media, Janek Wrede hat die Klamotten organisiert. So läuft es einfach bei uns. Wir kümmern uns selbst darum. Bei den großen Themen wurden wir vom DFB und dem HSV gut unterstützt. Anders wäre es nicht möglich gewesen.“
Jetzt rückt das Spiel immer näher. Aufgeregt? Eher im Gegenteil: „Vermutlich kann man es nicht genug genießen“, sagt Schick. „Wenn wir uns mit der Mannschaft im Spielertunnel sammeln und zum ersten Mal zum Aufwärmen rausgehen, dann werden unsere Familien und Freunde schon da sein. Das wirst du nie vergessen.“ Sein Fazit: „Besser geht es nicht.“ Wrede ergänzt: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es am Ende vor so vielen Menschen sein wird. Es muss unglaublich sein. Das wird man wahrscheinlich erst in den Moment oder in den Wochen danach begreifen.“
Und der Matchplan? Janek Wrede ist doch immerhin HSV-Scout – da muss sich doch ein guter Matchplan für das Spiel gegen den BVB ableiten lassen, oder? „Wenn wir ehrlich sind, würde uns das nicht viel bringen“, meint Schick. „Der HSV hat ganz andere Möglichkeiten, Dortmund vor Herausforderungen zu stellen. Wir müssen laufen, so lange wie wir können, und irgendwie versuchen, keine Gegentore zu bekommen.“ Der 23-Jährige wünscht sich, dass es nicht zweistellig wird. Kapitän Wrede möchte so lange wie möglich ein Ergebnis halten, das noch Spaß beim Zugucken macht. „Wir müssen härter arbeiten, als wir es jemals in einem Spiel gemacht haben“, sagt er. Dann zeichnet er lachend ein Szenario auf: Vielleicht gibt es 47 Chancen für den BVB und der Ball will einfach nicht rein.
Morgen schauen wir dann, wie es wirklich ausgeht. Fest steht: Für einige wird es so oder so das Spiel ihres Lebens.
