Nmecha als Influencer: Wie sich Fußballfans radikalisieren

Der Dortmunder Tuning-Star JP Kraemer gibt zu, eine Frau geschlagen zu haben. Zuvor waren Bilder und Videos davon öffentlich geworden. Über Kraemers Gewalt gegen die Frau wird seitdem zurecht viel gesprochen – aber leider auch kontrovers diskutiert.

Screenshot von X: Ein BVB-Fan mit Nmecha-Profilbild verteidigt Gewalt gegen Frauen.

Auffällig: In den sozialen Medien streiten sich auch Fußballfans über Kraemers Verhalten. Einige Fürsprecher von Kraemer, man muss sie nicht gendern, haben dabei Felix Nmecha oder andere „Ballers in God“-Fußballer als Profilbild ausgewählt. Sie behaupten von sich, Anhänger von Jesus zu sein und verteidigen Kraemer mit Bibelstellen.

So zitieren sie unter anderem den Kolosserbrief, den Paulus an die urchristliche Gemeinde der Kolosser schrieb. Darin heißt es in 3,18: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter. So erwartet es Christus der Herr von euch, mit dem ihr verbunden seid.“ Und im Epheserbrief schreibt Paulus in 5,22: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, so wie ihr euch dem Herrn unterordnet.“

Und in der Tat: Diese Bibelstellen erscheinen aus heutiger Perspektive grausam und völlig aus der Zeit gefallen. Doch dabei übersehen die „Ballers in God“ den zeitgeschichtlichen Charakter der Paulusbriefe: Paulus und die urchristlichen Gemeinden lebten in maximal patriarchalen Gesellschaften, in denen Frauen und Sklaven de facto keine Rechte hatten und vollständig von der Gunst ihrer Männer und Herren abhängig waren. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse waren furchtbar. Und das macht den Kontext spannend, mit dem Paulus die „Unterordnung“ der Frauen fordert. Denn im Kolosserbrief folgt dieser Satz: „Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie.“ Also explizit ein Verbot von physischer und psychischer Gewalt. Und im Epheserbrief heißt es im Verlauf unter anderem: „So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihre eigenen Leiber.“ Ein Gebot also, das eigene Wohl nicht über das der eigenen Frau, die sich einem anvertraut, zu stellen. Damit bricht Paulus mit der bedingungslosen patriarchalen Macht der Männer über die Frauen, er gesteht ihnen zwar weiterhin eine Vormundschaftsstellung zu, aber unter der Bedingung, dass diese gewaltfrei und zum Wohl der anvertrauten Frau ausgeübt werden muss.

Natürlich kann dies für unser heutiges Zusammenleben trotzdem kein Maßstab mehr sein! Zum Glück hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt, Frauen und Männer sind gleichberechtigt.

Doch, dass seine Anordnung an die Kolosser und Epheser eben nicht der Weisheit letzter Schluss waren, wusste Paulus auch selbst. Im Galaterbrief 3,28 schreibt er nämlich: „Da ist nicht mehr Sklave noch Freier, da ist nicht mehr Mann und Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Mit anderen Worten: Die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Menschen als gesellschaftliches Zielbild.

Paulus – und das kann man ihm vorwerfen – hat also die schweren gesellschaftlichen Missstände seiner Zeit zwar (und zumindest in abgeschwächter Form) erkannt, doch darauf nicht revolutionär, sondern mit einer Politik der kleinen Schritte reagiert. Aber er hat eben auch nicht die frauen- und menschenverachtenden Strukturen seiner Zeit als gottgegeben oder gar gottgewollt anerkannt und verteidigt. Anders als einige „Ballers in God“, die – siehe Screenshot – ja sogar zu einer Bibel-Interpretation zurückwollen, nach der es ihrer Meinung nach legitim sein soll, Frauen zu schlagen.

Jesus selbst übrigens war den Überlieferungen in der Bibel nach durchaus radikaler als sein Briefeschreiber Paulus. In einer Zeit, in der die Männer bedingungslos über ihre Frauen herrschen und bestimmen konnten, sagte er dem Markusevangelium 10, 6-9 nach: „Als Mann und Frau hat Gott sie geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein.“ Der Mann orientiert sich zur Frau und sie bilden eine Gemeinschaft. Hinzu kommt, dass Jesus sich mit alleinstehenden und geschiedenen Frauen traf und bewusst Ausgestoßene besuchte. Es findet sich also in den Jesus-Geschichten kein Anhaltspunkt dafür, dass Jesus das patriarchale Gesellschaftsmodell seiner Zeit gutgeheißen hätte.

Und noch eine theologische Konfliktlinie bietet sich zur Diskussion an: Denn Paulus wurde zwar von Jesus zum Apostel berufen, nichtsdestoweniger war er trotzdem auch ein Mensch seiner Zeit. Mehr noch: Ein Mann seiner Zeit. Vielleicht gehört zu einer zeitgemäßen Interpretation der Paulusbriefe deswegen auch die Erkenntnis, dass Menschen, so gut sie es auch meinen, trotzdem immer fehlbar bleiben. Oder anders: Männer.

Kritik an den Inhalten der Paulusbriefe ist darum verständlich und berechtigt. Gerade moderne, feministische Christ*innen dürfen zu Recht damit hadern, dass der erste Apostel so nachsichtig mit den Fehlern seiner Zeit umging. Genauso dürfen sie aber auch Trost darin finden, dass Jesus selbst weitaus revolutionärer als Paulus war und auch Paulus selbst seine Gemeinden immerhin in die richtige Richtung entwickeln wollte.

Viel wichtiger aber ist, der anti-feministischen, ja, frauenverachtenden Bibel-Interpretation der „Ballers in God“ zu widersprechen. Nicht nur, weil ihre Botschaften in unserer heutigen Zeit inakzeptabel sind, sondern auch, weil sie die Bibel ziemlich eindeutig am Kern dessen, was sie eigentlich glauben wollen, vorbei lesen.

Denn die „Ballers in God“ beschränken ihre Ansichten ja nicht nur auf ihr Privatleben. Sie haben einen gesellschaftlichen Anspruch, formulieren das Missionieren möglichst vieler Fans als wesentliches Ziel ihrer Arbeit, womit sie – das zeigen die Accounts mit Nmecha-Profilbild – ja offenbar auch Erfolg haben. Und ihre Anhänger*innen mischen sich dann ja auch politisch ein, fordern eine Politik, die der Gleichberechtigung der Geschlechter entgegensteht und Gewalt als Strafe vorsieht. Beides steht eindeutig im Widerspruch zum Grundgesetz. In den USA sind Evangelikale mit ähnlicher Bibel-Auslegung wesentlich an den Wahlerfolgen Donald Trumps beteiligt.

Mit dem Widerspruch in Glaubensfragen ist es darum natürlich längst noch nicht getan. Die aktuelle Diskussion zeigt einmal mehr, wie einflussreich „Ballers in God“ sind. Felix Nmecha allein hat 750.000 Follower*innen nur auf Instagram. Über seine homo- und queerfeindlichen Aussagen und seine Nähe zur radikalen Rechten sowie die weiteren Gruppen im Profifußball mit ähnlicher Agenda, hat FanLeben.de hier bereits berichtet. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Bislang versucht Borussia Dortmund dieses Thema weitestmöglich auszublenden. Nur wenn Nmecha selbst sich grenzüberschreitend verhält, wirkt der Verein auf ihn ein oder veröffentlicht ein Statement unter Verweis auf den eigenen Wertekodex. Aber das Ding ist: Borussia Dortmund trägt nicht nur eine Verantwortung für seine Spieler, sondern auch für den Einfluss, den sie auf ihre Fans ausüben. Der BVB muss sich darum zumindest viel klarer und stetig von „Ballers in God“ abgrenzen, deutlich machen, dass Fans mit Nmecha-Profilbild nicht im Namen des Vereins sprechen und ihre – in diesem Beitrag zitierten – Aussagen keinen Platz bei Borussia Dortmund haben.

Doch der Nmecha-Vertrag soll auch eine Exit-Klausel bei radikalen Aussagen haben. Und vielleicht muss deren Einsatz zumindest mal wieder diskutiert werden. Denn wie FanLeben.de schon im Beitrag aus dem September 2025 schrieb: Borussia Dortmund – und die anderen betroffenen Vereine – müssen zeigen, dass sie es ernst meinen mit ihrem Einsatz für Vielfalt und gegenseitigen Respekt. Spieler, die sich in radikalen Gruppierungen engagieren, sind kein Spaß, sondern eine ernsthafte Gefahr. Für die Integrität der Vereine, aber vor allem für junge Fans, die von ihnen direkt angesprochen werden. In den USA zeigt sich außerdem, wie gefährlich ihr Vormarsch sogar für eine demokratische Ordnung insgesamt sein kann. Und das bedeutet: Spieler wie Felix Nmecha dürfen, solange sie sich für sektenähnliche Strukturen engagieren, sexistische und rechtsextreme Inhalte verbreiten, nicht für sie auflaufen. Egal, wie gut sie spielen.

Kraemer selbst hat persönlich allerdings nichts mit den „Ballers in God“ zu tun, außer, dass sein Fall in diese Szene ausstrahlt. Gewalt gegen Frauen ist aber ja auch ohnehin durch nichts zu rechtfertigen. Gegen ihn läuft inzwischen ein Ermittlungsverfahren.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin