Ohne Bastian Schweinsteiger wäre Deutschland 2014 in Brasilien nicht Weltmeister geworden. Seine Performance im Finale: Die eines ebenso spielstarken wie kämpferischen Anführers. And that being said müssen wir über seine Rolle als Fußball-Experte in der ARD reden.
Denn in seinem neuen Job wirkt der Weltmeister alles andere als weltmeisterlich. Unkonzentriert und bisweilen unvorbereitet sind eher die Adjektive, die man mit seinen Auftritten in den USA, Kanada und Mexiko in Verbindung bringen muss. Gestern, in der Vorberichterstattung zur 2:1-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Ecuador, musste die phasenweise schon extrem von ihrem Sendungspartner genervt-wirkende Moderatorin Esther Sedlaczek Schweinsteiger gleich mehrfach daran erinnern, im Bild zu bleiben. Einmal hatte Schweini nämlich zum Beispiel einen Sicherheitsmann gesehen, der seiner Meinung nach dem ecuadorianischen Nationalspieler Antonio Valencia, mit dem Schweinsteiger zusammen bei Manchester United spielte, ähnlich sah, und wollte dieser These wortwörtlich auf den Grund gehen. Sedlaczek musste Schweini live im TV darauf hinweisen, dass man „auf Sendung“ sei, und lächelte ihren Frust weg, während sie ein: „Bleib doch bitte bei uns“ hinterherschieben musste. In einem anderen Moment fand er das Aufwärmen der Mannschaften spannender als Sedlaczeks Fragen oder wollte lieber seinen Mit-Weltmeister Manuel Neuer auf sich aufmerksam machen. Andererseits wollte er nach einem Bericht über ein Public Viewing kurz mal ausloten, ob das nicht eine spannende Date-Idee für ihn und Esther Sedlaczek sein könnte. Und sicher: Das ist irgendwie alles auch ganz lustig, aber das Format „Frau ist genervt von kindlichem Mann“ wird eigentlich schon von den Telenovelas am Vorabend hinreichend abgedeckt.
Hinzu kommt, dass Schweinsteiger von den einfachsten Fragen absurd überrascht wirkt. Wie als Sedlaczek Schweinsteigers Tipp wissen wollte und der Experte sekundenlang schweigend nachdenken musste. Und als die Moderatorin von Schweinsteiger etwas später noch wissen wollte, wer denn das von ihm prognostizierte Siegtor für die deutsche Elf schießen würde, wiederholte sich das Schauspiel nochmal.
Schweinsteigers offenbar schlechte Vorbereitung ist aber nicht nur nervig, der Weltmeister bedient immer wieder auch die naheliegendsten Klischees, anstatt den Zuschauer*innen mit hintergründigen Expertisen einen tatsächlichen Mehrwert zu bieten. Über die Spiele der brasilianischen Nationalmannschaft sagte Schweinsteiger, diese seien „immer schön anzuschauen“. Zu Schottland fiel ihm ein, dass die „tolle Fans“ haben. Und bezüglich der mexikanischen Nationalmannschaft stellte er fest, dass die aufgrund ihrer Willensstärke „immer unangenehm“ zu spielen sein. Und das war alles gestern. FanLeben.de hat eine KI gefragt, wie sie den Stil der brasilianischen Nationalmannschaft in einem Satz beschreiben würde. Die Antwort: „Brasilien steht für technisch brillanten Offensivfußball mit viel Spielfreude, Kreativität und Dribbelstärke.“ Möglicherweise hat Bastian Schweinsteiger also einen Nebenjob bei Chat GPT.
Mit seinen Kommentaren zum Spiel der Elfenbeinküste schoss Schweinsteiger allerdings sogar über das Ziel hinaus. Er hatte die Spielweise der Ivorer nämlich als ein „bisschen afrikanischer Fußball natürlich“ beschrieben, „der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, ein bisschen wild ist, ein bisschen vielleicht auch manchmal nicht ganz so von der Taktik geprägt ist. Wir müssen uns einstellen, dass es unberechenbar wird manchmal.“ Die Elfenbeinküste präsentierte sich bislang als taktisch diszipliniert, mit gut koordiniertem Pressing und klaren Abläufen gegen den Ball sowie einem auf die individuelle Klasse ihrer Offensivspieler ideal abgestimmten Umschaltspiel. Falscher kann eine Einordnung rein sportlich also nicht sein.
Offensichtlich hatte sich Schweinsteiger im Vorfeld kaum mit dem Spiel der Ivorer beschäftigt und deswegen einfach Klischees rausgehauen, alte Stereotype bedient. „Das ist traurig. Wir können es rassistisch nennen“, kommentierte später der Nationaltrainer der Elfenbeinküste Emerse Faé die Äußerungen. Er hoffe, dass dies „nur ein unreflektiertes und ungeschicktes Statement war. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht.“ Und weiter: „Jeder ist frei in dem, was er sagt. Ich stimme ihm nicht zu, aber ich kann nicht ändern, was er oder auch andere Leute erzählen. Ich habe es zu akzeptieren.“ Die Organisation „Kick It Out“, die sich gegen Diskriminierung aller Art einsetzt, hatte in der Folge Schulungen für alle Mitwirkenden an TV-Sendungen empfohlen, „um die Auswirkungen der Wortwahl in diesem Zusammenhang zu verstehen“. Und auch Jürgen Klopp, selbst als TV-Experte bei dieser Weltmeisterschaft im Einsatz, distanzierte sich von Schweinsteigers Äußerungen: „Ich weiß nicht einmal, was man Angemessenes sagen sollte. Für afrikanische Menschen ist es eine Sache, für andere Menschen ist es eine andere.“ Nur Schweinsteiger selbst und die ARD haben sich bislang nicht geäußert.
Bevor dieser Text missverstanden wird: Es geht überhaupt nicht darum, Bastian Schweinsteiger zu „canceln“. In Dokus über die WM 2014, den FC Bayern unter Jupp Heynkes und Pep Guardiola oder deutsche Fußballer in der US-amerikanischen MLS würde er zum Beispiel einen spannenden Beitrag leisten. Auch wenn man jemanden sucht, der darüber berichtet, wie man es eigentlich vom talentierten Jugendspieler zum weltweit erfolgreichen Profi schafft, lohnt es sich, mit Schweini zu sprechen. Selbst als Bundesliga- oder DFB-Pokal-Experten macht er darum ja bisweilen immer wieder eine gute Figur (da kennt er ja schließlich die meisten Spieler und teilnehmenden Mannschaften). Und wenn er aus eigener Erfahrung spricht und über Anekdoten ins Plaudern kommt, ist er wirklich spannend und unterhaltsam. Aber wer sich eben nicht mit dem Weltfußball beschäftigt, kaum Interesse an Fußballkultur zeigt und offenbar auch noch nie einen Workshop zu diskriminierungsfreier Sprache besucht hat, sollte eben einfach nicht über eine Fußball-Weltmeisterschaft berichten. Es gibt – das zeigen das ZDF und Magenta Sport – genug Expert*innen, die besser für WM-Übertragungen geeignet wären.
Wirklich enttäuschend aber ist, dass es kein Fehlerkultur im Sportschau-Team zu geben scheint. Denn dass Schweinsteiger die deutschen Zuschauer*innen langweilt oder nervt: geschenkt. Aber es ist doch wirklich vollkommen daneben, kommentarlos dabei zuzusehen, wie andere Nationen zurecht Rassismus im deutschen Fernsehen benennen (müssen). Das ist dann nämlich nicht mehr nur nervig oder langweilig, sondern ein echtes Problem. Eines, für das man sich entschuldigen und aus dem man Konsequenzen ziehen sollte. „Kick It Out“ hat dafür ja einen guten Vorschlag gemacht. Denn eine Weltmeisterschaft soll ja Vorurteile abbauen und Völkerverständigung schaffen, darin liegt ihr starkes, positives gesellschaftliches Potenzial – die Berichterstattung über sie müsste also exakt das Gegenteil von dem bewirken, was Schweinsteiger da jetzt ausgelöst hat.
Besonders bitter ist all das übrigens für Emerse Faé: „Schweinsteiger war ein sehr guter und großartiger Spieler. Ich liebe ihn persönlich. Ich mochte die Art, wie er gespielt hat. Ich wurde Bastian genannt, weil ich ihn so verehrt habe.“
