Jorge Mendes ist der bedeutenste Spielerberater im Weltfußballer. Sein berühmtester Klient: Cristiano Ronaldo. Aber auch Laime Yamal, Vitina, Joao Neves, Ruben Dias und Karim Adeyemi stehen bei ihm unter Vertrag. Kein Spielerberater wird mit mehr Spielern bei der anstehenden Weltmeisterschaft vertreten sein – und keiner hat bessere Chancen, mit seinen Akteuren auch tatsächlich den Titel zu holen. Doch nicht nur deswegen gilt Mendes auch als reichster und den Fußball prägendster Berater überhaupt. Aber wie wurde Jorge Mendes so mächtig? FanLeben.de stellt den Mann und sein Arbeit vor. Heute: Die Third-Party Ownership
Im November 2008 veröffentlichte Benfica Lissabon eine Pflichtmitteilung an die portugiesische Börsenaufsicht. Der Klub hatte einen Teil der wirtschaftlichen Rechte an Ángel Di María an die Agentur GestiFute verkauft. Es ging um 10% der Transrechte am späteren Weltmeister. Der Vorgang wirkte zunächst technisch und unspektakulär. Tatsächlich stand er exemplarisch für eines der umstrittensten Geschäftsmodelle der modernen Fußballökonomie: die sogenannte Third-Party Ownership, kurz TPO.
Third-Party Ownership bezeichnet den Verkauf wirtschaftlicher Rechte an Fußballspielern an externe Investoren. Der Spieler bleibt zwar offiziell beim Verein registriert, doch ein Teil künftiger Transfererlöse gehört einem Dritten – etwa einer Investmentgesellschaft, einem Fonds, einer Agentur oder vermögenden Einzelinvestoren. Besonders verbreitet war dieses Modell in den 2000er-Jahren in Portugal und Südamerika. Für finanzschwächere Vereine bot TPO eine Möglichkeit, Transfers zu finanzieren und Risiken auszulagern. Investoren wiederum spekulierten auf steigende Marktwerte und hohe Weiterverkaufsgewinne.
Portugal entwickelte sich dabei zu einer Art Labor des Systems. Die großen Klubs des Landes – Benfica Lissabon, Porto und Sporting – verfügten über hervorragende Scoutingnetzwerke, konnten finanziell aber nicht mit englischen oder spanischen Spitzenvereinen konkurrieren. Das TPO-Modell erlaubte es ihnen, junge Talente frühzeitig zu verpflichten und gleichzeitig Liquidität zu generieren. Im Zentrum dieses Netzwerks stand Jorge Mendes.
Jorge Mendes arbeitete ursprünglich nicht im Profifußball, sondern unter anderem als Nachtclubbesitzer und Videothekenbetreiber in Porto. Erst in den 1990er-Jahren stieg er als Spielervermittler ein und knüpfte früh Kontakte zu portugiesischen Trainern und Spielern. Sein erster großer Coup war die Vermittlung des Transfers von Nuno Espírito Santo zu Deportivo La Coruña im Jahr 1997. In den folgenden Jahren baute Mendes ein Netzwerk auf, das weit über klassische Spielerberatung hinausging. In den 2000er-Jahren entwickelte er sich zum wohl einflussreichsten Transferakteur Europas. Seine Agentur GestiFute vermittelte nicht nur Transfers, sondern hielt eben auch selbst Anteile an wirtschaftlichen Spielerrechten. Genau darin lag der Kern des späteren Konflikts: Mendes agierte gleichzeitig als Berater eines Spielers, als Transfervermittler und als Investor in dessen zukünftigen Marktwert. Ein offensichtlicher Interessenskonflikt.
Mendes war damit aber keineswegs ein Einzelfall. In den 2000er-Jahren entstand ein internationales Netzwerk aus Beratern, Fonds und Investoren, die mit wirtschaftlichen Spielerrechten handelten. Zu den bekanntesten Akteuren gehörten der iranisch-britische Berater Kia Joorabchian, der über die Investmentgruppe MSI unter anderem an den Transfers von Carlos Tévez und Javier Mascherano beteiligt war, sowie die Investmentfirma Doyen Sports, die später Beteiligungen an zahlreichen europäischen Spielern hielt. Das TPO-System war damit kein portugiesches Einzelphänomen, sondern Teil eines globalisierten Transfermarkts.
Das Geschäft rund um Ángel Di María wurde zu einem bekannten Beispiel dieses Systems. Benfica Lissabon hatte den Argentinier 2007 von Rosario Central verpflichtet. Später verkaufte der Klub einen Teil der wirtschaftlichen Rechte an Mendes‘ GestiFute. Benfica erhielt dadurch kurzfristig Kapital, während Mendes auf eine spätere Wertsteigerung spekulierte. Als Di María 2010 für rund 25 Millionen Euro plus mögliche Bonuszahlungen zu Real Madrid CF wechselte, profitierte GestiFute sowohl über klassische Agenturprovisionen als auch über die Beteiligung an den wirtschaftlichen Rechten des Spielers. Spieler wurden damit faktisch zu Finanzanlagen.
Di María war kein Einzelfall. Bereits beim Transfer des Brasilianers Anderson von FC Porto zu Manchester United FC im Jahr 2007 berichteten britische Medien, dass Mendes über Beteiligungen an wirtschaftlichen Spielerrechten mitverdient habe. Besonders kontrovers wurde später der Wechsel von Bébé zu Manchester United im Jahr 2010 diskutiert. Der Spieler hatte zuvor nur wenige Wochen in Portugal unter Vertrag gestanden und war praktisch unbekannt. Kurz nach seinem Wechsel zu Vitória Guimarães verpflichtete ihn Manchester United für rund neun Millionen Euro. Der Guardian berichtete damals, GestiFute habe zuvor Anteile an den wirtschaftlichen Rechten des Spielers erworben und dadurch erheblich vom Transfer profitiert. Hier wird der Interessenskonflikt damit besonders offensichtlich: Mendes hätte Bébé sicher auch direkt zu Manchester United bringen können, doch durch seinen Deal mit Guimarães, wohin er ihn zunächst vermittelte und wo er sich selbst einen Teil der Transferrechte sicherte, kassierte er beim späteren Millionen-Transfer nach Manchester nicht nur die übliche Berater-Provision, sondern auch einen Teil der Ablösesumme. Ohne diesen Zwischenschritt hätte Manchester United weniger Ablöse zahlen müssen, Bébé Heimatklub CF Estrela Amadora trotzdem mehr Ablöse eingenommen – und Bébé selbst gegebenenfalls ein höheres Handgeld verdient.
Der Einfluss von Jorge Mendes beruhte dabei aber nicht allein auf einzelnen Deals. Entscheidend war die Netzwerkstruktur. Laut einer Recherche des Guardian war Mendes in den 2000er-Jahren an zahlreichen Transfers portugiesischer Spitzenvereine beteiligt. Sein System verband Vereine, Investoren, Berater und Spieler in einem transnationalen Transfernetzwerk. Dadurch entstand eine Machtkonzentration, die weit über die Rolle eines traditionellen Spielerberaters hinausging.
Kritiker warnten dabei ja auch früh vor den Interessenkonflikten dieses Modells. Denn wenn ein Agent gleichzeitig Investor ist, besitzt er, wie gerade beispielhaft beschrieben, ein wirtschaftliches Interesse an möglichst häufigen und möglichst teuren Transfers. Hinzu kamen Vorwürfe mangelnder Transparenz. Viele Konstruktionen liefen über Offshore-Gesellschaften und komplexe Beteiligungsstrukturen. Spieler wurden zunehmend wie Finanzprodukte behandelt, deren Marktwert gehandelt und optimiert wurde.
Auch die Bundesliga blieb von den internationalen TPO-Netzwerken nicht unberührt. Zwar kamen deutsche Klubs mit dem Modell wegen strenger Lizenzierungsregeln nicht direkt in Berührung. Dennoch verliefen zahlreiche Transfers über Beraternetzwerke mit Nähe zu TPO-Strukturen. Besonders der Wechsel portugiesischer Spieler in die Bundesliga wurde häufig über das Umfeld von Jorge Mendes vermittelt. Gleichzeitig warnten deutsche Funktionäre früh vor dem Einfluss externer Investoren auf Transferentscheidungen. Der damalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig bezeichnete Third-Party Ownership später als Gefahr für die Integrität des Wettbewerbs.
Spätestens Anfang der 2010er-Jahre geriet das System international unter Druck. Die FIFA entschied schließlich, Third-Party Ownership ab 2015 weitgehend zu verbieten. Offiziell begründete der Verband dies mit dem Schutz der Integrität des Sports und der Unabhängigkeit der Vereine. Das Verbot bedeutete jedoch nicht das vollständige Ende des Modells. Viele Mechanismen leben bis heute indirekt weiter – etwa über strategische Kooperationen, Beraternetzwerke oder informelle Beteiligungskonstruktionen.
Das Beispiel Jorge Mendes zeigt, wie sich der internationale Fußball in den 2000er-Jahren grundlegend veränderte. Spielerberater wurden zu Investoren, Vereine zu Handelsplattformen und Spieler zu Vermögenswerten. Die Third-Party Ownership war dabei nicht bloß eine juristische Grauzone, sondern Ausdruck einer neuen Finanzlogik im Profifußball. Mendes verkörperte diesen Wandel wie kaum ein anderer.
