Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass und über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten berichtet haben, geht es heute um die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens. Los geht’s!
16. Juli 1950, Rio de Janeiro: Vor dem legendären Maracanã Stadion drängen sich vor dem letzten Spiel der Weltmeisterschaft Menschenmassen. In den Straßen wird gefeiert, als hätte Brasilien die Weltmeisterschaft bereits gewonnen. Brasilien ist nur noch einen Schritt vom größten Triumph seiner Fußballgeschichte entfernt: Dem ersten Gewinn einer Weltmeisterschaft.
Doch dieser eine Schritt wird zu einem der berühmtesten Stolperer der Sportgeschichte.
Zuerst etwas Regelkunde: Wer heute vom „WM-Finale 1950“ spricht, meint fast immer das Duell zwischen Brasilien und Uruguay. Genau genommen gab es aber gar kein klassische Finale. Die FIFA experimentierte damals mit einem einmaligen Modus. Nach der Gruppenphase qualifizierten sich vier Mannschaften für eine abschließende Finalrunde, in der Brasilien, Uruguay, Spanien und Schweden den Weltmeister im Modus „Jeder gegen jeden“ ausspielten. Gespielt wurde also ein geschlossenes Ligasystem mit Punkten und Tabellen, keine KO-Runde.
Vor dem letzten Spieltag führte Brasilien die Tabelle an. Nach einem 7:1 gegen Schweden und einem 6:1 gegen Spanien schien die Seleção unaufhaltsam. Die Ausgangslage war darum auch denkbar einfach: Brasilien genügte im letzten Spiel gegen Uruguay ein Unentschieden zum Titelgewinn, Uruguay hingegen musste nach einem 2:2 gegen Spanien und einem 3:2-Sieg gegen Schweden auch gegen Brasilien gewinnen, um aufgrund des bei Punktgleichheit entscheidenen direkten Vergleichs zum zweiten Mal nach dem Triumph bei der WM-Premiere 1930 noch Weltmeister zu werden. Dadurch wurde die letzte Partie der Finalrunde faktisch doch zu einem Endspiel.
Die Brasilianer waren aber überzeugt, dass ihnen der Titel nicht mehr zu nehmen war. Nicht nur die Fans, sondern auch Politiker, Journalisten und Funktionäre behandelten die Mannschaft bereits wie den neuen Weltmeister. Der Bürgermeister von Rio de Janeiro, Ângelo Mendes de Moraes, hielt vor dem Spiel eine Ansprache und begrüßte die Spieler sinngemäß als kommende Weltmeister. Zeitungen veröffentlichten Titelseiten, die Brasilien bereits zum Champion erklärten. Selbst eine eigens komponierte Siegeshymne wartet nur noch darauf, abgespielt zu werden
Uruguays Kapitän Obdulio Varela sammelte Berichten zufolge übrigens einige dieser Zeitungen ein und legte sie in der Kabine auf den Boden aus. Die Botschaft an seine Mitspieler war eindeutig: Die Brasilianer hielten den Titel bereits für ihr Eigentum. Ein nicht unwesentlicher Motivationsschub.
Die Rahmenbedingungen jedenfalls waren legendär: Das Maracanã war erst wenige Wochen zuvor eröffnet worden. Vor einer der größten Zuschauerkulissen der Fußballgeschichte verfolgten offiziell rund 174.000 Zuschauer*innen die Partie. Zeitgenössische Schätzungen gingen teilweise sogar von knapp 200.000 Menschen im Stadion aus. Kurzum: Eine ganze Nation war gekommen, um Weltmeister zu werden.
Aber die elf Brasilianer auf dem Platz konnten da zumindest zu Beginn irgendwie nicht so richtig mitziehen. Zur Halbzeit steht es 0:0. Erst kurz nach dem Wiederbeginn erzielt Friaça das 1:0 für Brasilien. Jetzt explodierte das Stadion vor Begeisterung. Die Party, die bereits vor dem Anpfiff begonnen hatte, nahm jetzt nochmal so richtig Fahrt auf.
Doch – vielleicht auch gerade deswegen – gab Uruguay noch nicht auf. Und kam wieder besser ins Spiel. Und wie: Juan Alberto Schiaffino erzielte den Ausgleich. Und plötzlich beginnt das Zittern. In der 79. Minute dann stieß Alcides Ghiggia über die rechte Seite in den Strafraum vor. Viele erwarten eine Flanke. Stattdessen schloss er selbst ab. Der Ball schlug im ungedeckten kurzen Eck ein. Uruguay führte plötzlich mit 2:1.
An die Reaktion des Maracanã erinnerte sich Obdulio Varela später so: „Die Stille war so groß, dass wir selbst eine vorbeifliegende Fliege gehört hätten.“ Auch Ghiggia vergaß diesen Moment nie. Jahrzehnte später sagte er: „Nur drei Menschen haben das Maracanã jemals zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich.“
Brasilien jedenfalls gelang unter diesen Eindrücken in den letzten Minuten kein Ausgleichstreffer mehr. Uruguay wurde Weltmeister.
Die Niederlage erhielt in Brasilien einen eigenen Namen: Maracanazo. Bis heute gilt sie dort als eines der größten Dramen der Fußballgeschichte. Für viele Brasilianer*innen war sie schließlich weit mehr als ein verlorenes Fußballspiel. Es war der Zusammenbruch einer Gewissheit.
Besonders hart traf es Torhüter Moacir Barbosa. Obwohl elf Spieler auf dem Platz gestanden hatten, wurde er über Jahrzehnte hinweg zum Sündenbock der Niederlage gemacht, weil der 2:1-Siegtreffer Uruguays ja neben dem kurzen Pfosten, also in der Torwartecke, eingeschlagen war. Noch Jahrzehnte später sagte Barbosa darum den berühmten Satz: „In Brasilien beträgt die Höchststrafe 30 Jahre. Ich habe mehr als 50 Jahre für ein Verbrechen bezahlt, das ich nicht begangen habe.“ Kaum ein anderes WM-Spiel hat das Leben einzelner Beteiligter so nachhaltig geprägt.
Doch es geht noch weiter. Denn die Folgen des Maracanazo reichten weit über den Fußballplatz hinaus. Brasilien spielte damals in weißen Trikots mit blauem Kragen. Nach der Niederlage wurde die weiße Spielkleidung für viele Fans zum Symbol des Scheiterns. 1953 schrieb die Zeitung Correio da Manhã deshalb einen landesweiten Wettbewerb für ein neues Nationaltrikot aus. Die Vorgabe lautete lediglich: Das neue Trikot sollte alle vier Farben der brasilianischen Flagge enthalten.
Gewonnen hat ein damals erst 19-jähriger Illustrator namens Aldyr Garcia Schlee. Sein Entwurf sah ein gelbes Trikot mit grünen Abschlüssen, eine blaue Hose und weiße Stutzen vor. Damit war das heute weltberühmte Erscheinungsbild der Seleção geboren. Eigentlich bedeutet das, dass Brasiliens ikonisches Trikot letztlich nur wegen seiner schmerzhaftesten Niederlage existiert. Ohne den Maracanazo würde Brasilien möglicherweise bis heute in Weiß spielen. Jedes Mal, wenn die Seleção in Gelb aufläuft, lebt deshalb ein kleines Stück dieser Geschichte weiter.
Die neue Spielkleidung, Amarelinha genannt, ist damit irgendwie immer auch ein Hoffnungsversprechen. Dass es besser werden kann. Dass es manchmal vielleicht auch das Dunkel braucht, um das Licht finden zu können. Und immerhin: 1958 wurde Brasilien in gelb, grün, blau und weiß erstmals Weltmeister. Vier weitere Titel folgten 1962, 1970, 1994 und 2002. Damit ist Brasilien bis heute Rekordweltmeister. Die Geschichte geht eben immer weiter.
