„Aber warum genau“, fragt meine Freundin und sieht mich irritiert an: „Warum genau machen wir das?“
Ich sitze mit meiner Freundin vor dem Fernseher, neben mir steht eine Flasche Bier und die Mannschaft, für die ich halte, hat gerade in der 87. Minute eines WM-Spiels das vielleicht entscheidende Tor erzielt.
Ich juble – also überhöre ich ihre Frage.
Also fragt sie erneut: „Warum sitzen wir seit fast drei Stunden nahezu bewegungslos auf der Couch, haben währenddessen erst zwei Männern dabei zugesehen, wie sie darüber reden, dass gleich zweiundzwanzig andere Männer einem Ball hinterher laufen werden und hören seitdem zwei anderen Männern dabei zu, wie sie das hinterherlaufen der zweiundzwanzig Männer kommentieren, während diese zweiundzwanzig Männer – naja – einem Ball hinterlaufen?“
Und weil sie in Fahrt ist, fährt sie fort: „Und warum bitte trinkst du Bier dabei? Warum ist das so viel Werbung? Warum ist die FIFA so korrupt? Und vor allem“, fragt sie dann, „warum findest du da bitte so viel Freude dran?“
Ich muss schlucken.
Denn irgendwie hat sie recht.
Aber für mich war Fußball einfach immer da. Also wirklich: Als ich gerade einmal fünf oder sechs Jahre alt war, fanden meine Eltern, dass ich in einem Verein Sport treiben sollte. Also meldeten sie mich in einem Fußballverein an. Und vor dem Spiel standen sich die Mannschaften im Mittelkreis gegenüber, der Kapitän sagte: „Wir begrüßen den Schiedsrichter und die gegnerische Mannschaft mit einem kräftigen Schuss…“ und wir anderen erwiderten schreiend „…Tor!“
Und auch in der Schule wurde gespielt. Niemand brauchte Trikots oder Leibchen – Man wusste schließlich, wie die eigenen Freund*innen aussehen. Und meistens, endeten die Spiele nur mit einem Tor Differenz, denn das letzte Tor entscheidet. Das ergab Sinn, weil es vorher wirklich häufig unentschieden stand, immerhin konnte man während des Spiels, die besten Spieler so oft Tauschen, bis es ausgeglichen ist.
Anekdote: Diese Spielertäusche während des Spiels betrafen dabei oft auch mich – Ging eine Mannschaft zu hoch in Führung, bekam sie mich als Neuzugang. Diese oft beschriebene Position des modernen 6er, der für das Gleichgewicht im Spiel verantwortlich ist, die habe also praktisch ich erfunden. Nur halt anders.
Gleichzeitig begann ich gemeinsam mit meinem Vater zu den Spielen des örtlichen Fußballvereins, der SG Wattenscheid 09, zu fahren. Immer öfter war Spieltag. Und einmal sind wir an einen Tag vor meiner entscheidenden Abiturklausur sogar aus dem Ruhrgebiet bis hinters Siegerland gefahren, nur um den eigenen Verein in – kein Witz – Erndtebrück absteigen zu sehen.
Damals war es der Stürmer von Erndtebrück der anlief und naja:
Schuss.
Tor.
Scheiße.
Fußball lebt von der Emotionalität. Von den Schulkindern, die mit Ranzen als Toren auf dem Schulhof kicken, von den Fans, die zu absurden Zeiten an absurde Orte wie Erndtebrück reisen und von den geteilten Erinnerungen, die zu gemeinsamen Erfahrungen werden.
Immer wieder hat mir mein Opa davon erzählt, wie er als Kind heimlich mit dem Fahrer quer durch die ganze Stadt gefahren ist, um Fußballspiele im Stadion zu besuchen. Immer wieder hat mir die SG Wattenscheid mit Abstiegen und Insolvenzen das Herz gebrochen. Aber am lautesten gejubelt haben mein Opa, mein Vater und ich, als meine Schwester letzten Monat mit ihrer Mannschaft zum ersten Mal den Kreispokal gewonnen hat.
Fußball verbindet und bringt zusammen, denn in der Kurve und auf der Tribüne sind alle das gleiche – Egal ob Akademiker oder arbeitslos, alt oder jung und jeweils alles dazwischen: Wenn deine Mannschaft das Spiel gewinnt, wird mit dem Nachbarn abgeklatscht und wenn sie verliert, wird auf dem Weg nachhause wahlweise über den Trainer, den Schiedsrichter oder die fehlende Mentalität des eigenen Teams geschimpft, wobei was genau mit Mentalität gemeint ist, unabhängig vom Schulabschluss, kein Fan so ganz versteht.
Aber in Wahrheit stimmt das natürlich schon lange nicht mehr. In Wahrheit lebt der Fußball längst von der Irrationalität aller, die sich mit ihm befassen. Denn in Wahrheit lebt der Fußball längst nicht mehr von den Schulkindern, den Hobbykickern und ihren Fans – sondern davon, aus ihren Emotionen das große Geld zu machen. Selbst in Wattenscheid kicken auf Schulhöfen Kinder in Ronaldos Al-Nassr-Trikots.
Meine Freundin hat währenddessen das Etikett vom Bier abgeknibbelt und kickt es auf mich.
Und zwar direkt ins Gesicht. „Also“, fragt sie noch mal, „warum gucken wir uns das bitte an?“
Eine Zeit lang weiß ich keine gute Antwort, denn natürlich hat sie Recht.
Denn natürlich hat jede Liebe Grenzen. Und vielleicht ist es manchmal wirklich eher ein FIFA-Stockholmsyndrom als ehrliche Freude.
Dafür spricht, dass ich, wie so viele andere, die WM in Katar natürlich auch ganz entschieden boykottiert haben – also außer es lief irgendwo ein Spiel im Hintergrund. Es war ein bisschen wie mit so Neujahrsvorsätzen.
Also: Wann ist denn der Moment, an dem wir uns wirklich – wortwörtlich – abwenden werden? Bei der WM in Saudi-Arabien 2036 oder erst 2040, wenn die WM vermutlich in Mordor ausgetragen werden wird?
Und es ist natürlich auch in der Zwischenzeit unerträglich, dass autoritäre Regime, die permanent das Menschenrecht brechen, Fußball für Sportwashing nutzen. So wie jetzt gerade. Ehrlich gesagt: Das spricht alles nicht gerade gegen die Stockholmsyndrom-These.
Doch fest steht ja auch: Wenig erreicht so viele unterschiedliche Menschen so sehr wie Fußball. Deswegen mag ich diesen Sport nicht aufgeben, selbst wenn meine Freundin mich beim gemeinsamen Gucken oft böse ansieht.
Also sage ich: Es braucht eine Fußballrevolution!
Manche sagen, damit der Fußball spannender wird, müsste die 50+1-Regel, die den Einfluss von Investoren begrenzt, fallen. Doch das Gegenteil ist richtig. Denn schon ein bisschen weniger explodierenden Preisen bei Tickets, Transfers und Gehältern, gar keinen Handel mehr mit kleinen Kindern und keine auch Werbespots direkt nach dem Spiel, wenn man gerade sehen will, wie sich Pep Guardiola oder – je nachdem – auch Julian Nagelsmann über die entscheidende Niederlage ärgert, wären ja schon mal ein guter Anfang. Und weil der Fußball so viele Menschen erreicht, muss er ein Spiegelbild der Gesellschaft sein: Sorgt für mehr Vielfalt bei den und durch vielfältigere Übertragungen. Ahndet Rassismus konsequent statt bloß konsequent das Selbstbewusstsein von Dietmar Hopp oder Martin Kind zu schützen. Beendet Korruption und setzt dafür einen Wertekompass auch tatsächlich um.
Und wenn jemand die Macht hat, diesen Fußball zurückzugewinnen, dann ja wohl wir: Als die DFL das Spiel an Investoren verkaufen wollte, haben die Fans Bundesliga-Spiele mit Tennisbällen lahmgelegt. Und auch in Kalifornien streiken gerade Stadionmitarbeiter*innen – nicht für höhere Gehälter, sondern gegen Trump und seine Einwanderungspolitik.
Das macht doch Mut: Nicht umsonst sitzt die Stadtgesellschaft bei jedem Dorfverein auf der Tribüne und die Nation bei großen Spielen regelmäßig vor dem Fernseher. Auch da kann zivilgesellschaftliches Engagement stattfinden. Auf riesigen Transparenten oder in der Schlange vor dem Bierwagen genauso wie bei Diskussionen auf dem Fernseher.
Apropos Fernseher: Den schalte ich jetzt erstmal aus. Denn auf Championsleaque habe ich gerade keine Lust mehr. Stattdessen schreibe ich meiner Freundin diesen Text über das, was Fußball eigentlich für mich bedeutet. Und vielleicht ist es ja mehr als eine Ausrede für geplatzte Neujahrsvorsätze.
