Eine der sehenswerteren Szenen ereignete sich beim Spiel zwischen England und Ghana am Dienstagabend bereits vor dem Anpfiff: Nachdem alle 52 einen Halbkreis um den Mittelkreis gebildet und den beiden Nationalhymnen gelauscht hatten, schritten die Spieler Ghanas die englische Mannschaft ab, um jeden Kontrahenten, wie üblich, per Handschlag zu begrüßen. Eigentlich also ein ziemlich unspektakulärer Vorgang. Bis Ghanas Mittelfeldspieler Thomas Partey auf Englands Rechtsverteidiger Djed Spence traf. Denn als Partey Spence begrüßen wollte, zog der die Hand zurück. Eine bewusste Entscheidung, denn gegen Partey gibt es schwerwiegende Vorwürfe.
Partey wurde im Juli 2025 wegen fünffacher Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Die Taten soll er in den Jahren 2021 und 2022 in England begangen haben, damals spielte der Profi des spanischen Erstligisten Villareal nämlich noch für Arsenal London. Im Februar dieses Jahres kamen zwei weitere Anklagen wegen Vergewaltigung hinzu. Zeitweise befand sich Partey sogar in Untersuchungshaft. „Die Anklage ist das Ergebnis einer Untersuchung, die im Februar 2022 begonnen hat, nachdem die Polizei einen ersten Bericht über eine Vergewaltigung erhalten hat“, ordnet die Metropolitan Police die Vorwürfe ein. Auch die Staatsanwaltschaft ist von der Schuld Parteys überzeugt und hat deswegen Anklage erhoben.
Partey hingegen streitet die Vorwürfe vehement ab. Sein Anwalt teilt mit, dass der Mittelfeldspieler über die dreijährige Untersuchung „immer mit Polizei und den Behörden kooperiert“ habe. Jetzt begrüsse er die Möglichkeit, seinen Namen vor Gericht „endlich reinwaschen zu können“. Das Verfahren läuft aktuell noch, mit einem Urteil wird in diesem Jahr nicht mehr gerechnet.
Die Vorwürfe gegen Thomas Partey stehen mit dem Nicht-Handschlag Spences dabei übrigens nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Denn der Nationalspieler verpasste das erste Spiel seiner Mannschaft gegen Panama, weil er aufgrund der Vorwürfe nicht nach Kanada einreisen durfte. In Kanada kann Personen nämlich schon bei laufenden Ermittlungsverfahren in schweren Strafsachen die Einreise verweigert werden. „Wir appellieren an die kanadische Regierung, ihre Entscheidung zu überdenken“, hatte Ghanas Außenminister Samuel Okudzeto Ablakwa dieser Entscheidung erbittert widersprochen. Natürlich akzeptiere Ghana, dass jedes souveräne Land selbst entscheiden könne, wen es einreisen lasse und wen nicht. Aber Partey reise nicht als Privatmann nach Kanada. „Er vertritt unsere Nationalfarben, trägt das Trikot Ghanas und soll im Namen unseres Landes, der Regierung und der ghanaischen Bevölkerung eine Aufgabe erfüllen“, so Ablakwa weiter. Das Fazit des Ministers lautete: „Wir sind der Ansicht, dass die Regierung Ghanas sich dieser Angelegenheit annehmen muss.“ Dabei würden sie alle verfügbaren diplomatischen Strategien prüfen.
Andererseits hat sich die Regierung Ghanas seit bekanntwerden der Vorwürfe gegen Partey noch kein einziges Mal zu eben diesen geäußert – und das obwohl Vergewaltigungen in Ghana mit Haftstrafen zwischen fünf und fünfunzwanzig Jahren bestraft werden. Und auch der ghanaische Fußballverband reagierte nicht auf die Anschuldigungen: Carlos Queiroz nominierte Partey sogar als Vize-Kapitän in seinen WM-Kader, eine Rolle, die er auch unter Queiroz‘ Vorgänger Otto Addo inne gehabt hatte.
Sollte jemand, der wegen dem Vorwurf der fünffachen Vergewaltigung angeklagt ist, zumal während des laufenden Gerichtsverfahrens, wirklich sein Land repräsentieren, Vorbild für Millionen junger Menschen sein? Wäre es nicht ein Zeichen von Größe und Glaubwürdigkeit, wenn Partey bis zu einem Freispruch freiwillig auf Berufungen ins Nationalteam verzichten würde?
Der Fußball wäre ein besserer Ort, wenn diese Fragen mit einer Haltung beantwortet würden, die Gewalt gegen Frauen bedingungslos verurteilt und zu einer Gesellschaft beiträgt, in der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, geglaubt wird.
Sportlich ist die Situation in jedem Fall paradox, weil die FIFA es nicht geschafft hat, für einheitliche Regeln bei der Einreise von Nationalmannschaften in die Gastgeber-Länder zu sorgen. Für die beiden weiteren Gruppenspiele gegen England und Kroatien, die jeweils in den USA stattfinden, beziehungsweise bereits stattgefunden haben, steht Partey schließlich zur Verfügung. In den USA gelten nämlich andere Einreisebestimmungen. (Und andere Maßstäbe: In den Vereinigten Staaten ist es ja sogar möglich, trotz eines Urteils wegen sexuellen Missbrauchs Präsident zu werden.) Für England und Kroatien ist das gegenüber Panama ein unfairer Wettbewerbsnachteil. Vergleichbar: Die Nationalmannschaft Irans darf zu ihren Spielen in den USA nur mit sehr kurzem Vorlauf einreisen und muss die Vereinigten Staaten bereits in der Nacht des Spiels wieder verlassen. Ungerechtfertigter zusätzlicher Reisestress.
Die Nationalmannschaft Haitis darf währenddessen nicht in den eigentlich vorgesehen Trikots spielen, weil auf diesen eine Szenerie abgebildet war, die an den Unabhängigkeitskrieg des Landes erinnerte. Und politische Botschaften seien bei einem FIFA-Turnier nun mal grundsätzlich verboten. Das stimmt aber ja einfach nicht, wenn es bei einem FIFA-Turnier noch nicht einmal einheitliche Einreisebestimmungen gibt. Zum ersten Mal übrigens – und das obwohl die FIFA Weltmeisterschaften, vorsichtig formuliert, schon an politisch deutlich schwierigeren Orten ausgetragen hat.
Haltung zeigen wird von der FIFA damit an die Spieler ausgelagert. Gianni Infantino versagt – und viele Spieler spüren eine Verantwortung, die sie ohne den Weltverband im Rücken kaum tragen können. Gesten wie die von Djed Spence macht das umso wertvoller.
