Ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Erfolgs: Ultras von Crystal Palace lösen sich auf I Das steckt dahinter

Seit 2005 gab es die Holmesdale Fanatics, die Ultra-Gruppierung des Londoner Fußballvereins Crystal Palace. Mit aufwendigen Choreographien, modernen Gesängen und viel Haltung prägten sie die Entwicklung der Fankultur in England in den letzten 20 Jahren entscheidend mit. Und das, obwohl Palace vor zwanzig Jahren bei weitem noch nicht so bedeutend für den englischen Fußball war, wie es der Klub heute ist. HF – wie die Holmesdale Fanatics kurz genannt werden – schreiben sich ihren Anteil an den positiven Entwicklungen bei Palace dabei durchauch auch selbst selbstbewusst auf die Fahne: „Von unserer zentralen Rolle bei den Protesten, die den Verein 2010 gerettet haben, bis zur Durchsetzung der Preisobergrenze für Auswärtstickets, durch die Menschen aus der Arbeiterklasse Millionen gespart haben, und unserer Unterstützung des Vereins während einer rekordbrechenden Phase hat die HF dazu beigetragen, ein Kapitel in der Geschichte des Vereins zu schreiben, von dem viele nicht geglaubt hatten, dass es möglich wäre.“

Die Gruppe erinnert sich dabei so an ihren Weg in den vergangenen zwanzig Jahren: „Die Gruppe entstand 2005 aus dem Wunsch heraus, eine starke Einheit zu schaffen, die Palace unterstützen, sich gegen die Passivität stellen konnte, die sich auf den Tribünen breitgemacht hatte, und gegen die drakonischen Einschränkungen zu kämpfen, die den Fußballfans auferlegt worden waren. Gegründet wurde sie von einer Gruppe von Palace-Fans, die vom Zustand des Fußballs zunehmend desillusioniert waren.“ Gleichzeitig ist ihr Fazit ein ernüchternes: „Zwei Jahrzehnte später und nach der erfolgreichsten Phase in der Geschichte des Vereins – mit einem FA Cup, unserer ersten europäischen Trophäe und einer Rekordsaison in der höchsten Spielklasse – sind die Bestrebungen, den Fußball zu einem sterilen und kontrollierten Produkt zu machen, stärker denn je.“ Palace ist Teil einer Multi-Club-Ownership-Struktur, was im letzten Sommer sogar die Teilnahme am europäischen Wettbewerb gefährdete, Erfolgstrainer Oliver Glasner verließ den Klub im Streit mit dem Eigentümer.

Deswegen kritisert HF ausdrücklich auch den eigenen Klub: „In einer Gesellschaft, die immer stärker auseinanderdriftet, ist der Fußball einer der letzten Orte, an denen Menschen zusammenkommen und sich für etwas vereinen können, das größer ist als sie selbst. Doch echte Fans, die ihrem Verein ein Leben lang die Treue halten, werden von den Fußballvereinen nicht mehr ausreichend berücksichtigt, und junge Leute waren bei den Institutionen von Anfang an nicht erwünscht.“ Konkret machen die Ultras das den in England weiterhin immens steigenden Ticketpreisen. Gleichzeitig beobachtet die Gruppe einen zunehmenden Eventcharakter bei den Heimspielen: „Bei Palace muss es einen drastischen Wandel zugunsten jüngerer Fans geben. Wir müssen uns von einer Kultur verabschieden, in der Menschen ins Stadion kommen und erwarten, unterhalten zu werden, und stattdessen eine Kultur schaffen, in der Fans ins Stadion kommen, um eine aktive Rolle dabei zu spielen, das Ergebnis zu beeinflussen.“ Aber auch die politischen Insitutionen im Vereinigten Königreich werden kritisiert. HF wirft ihnen „unnötiger Einschränkungen, die darauf abzielen, Fans ihre Würde zu nehmen, sowie ständiger Schikanen“ vor. Dies gilt insbesondere bei Auswärtsspielen: „Die Situation bei Auswärtsspielen ist noch weitaus schlimmer. Bei nationalen Auswärtsspielen wird den Fans verboten, Materialien mit ins Stadion zu nehmen, Reisebusse werden regelmäßig angehalten und Fans werden verhaftet.“

All diese Entwicklungen hat HF dabei in den vergangenen Jahren selbst eng begleitet. Denn auch bei Crystal Palace war man über die jungen Ultras anfangs alles andere als froh: „Von unserem Kampf um die grundlegendsten Rechte – schon in den frühen Tagen ging es darum, überhaupt Materialien mit nach Selhurst nehmen und in Block B stehen zu dürfen – bis hin zu den bis heute andauernden Problemen mit dem Verein haben wir kompromisslos für unsere Überzeugungen und für die Rechte von Fußballfans überall gekämpft.“ Wesentlich für den Erfolg der Gruppe sei dabei ihre Unabhängikeit gewesen: „Es spricht für die Stärke der HF und die Offenheit der Palace-Fans gegenüber neuen Ideen, dass sich trotz dieser Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren bei Palace eine aktive Fankultur entwickelt hat, die auf der Leidenschaft früherer Generationen aufbaut. Wir sind stolz darauf, stets zu 100 Prozent unabhängig gearbeitet und nie einen Penny für uns selbst genommen zu haben.“

„Doch jetzt ist es an der Zeit, anzuerkennen, dass wir die HF unter den derzeitigen Bedingungen so weit gebracht haben, wie sie gehen kann“, heißt es im aktuellen Statement weiter. Die Konsequenz: „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, sämtliche organisierten Aktivitäten der HF innerhalb des Stadions einzustellen. Wir treffen diese Entscheidung nicht leichtfertig. Bei der HF ging es immer um mehr als nur Fußball. Die Gruppe hat dazu beigetragen, unser Weltbild zu prägen, uns unzertrennliche Freundschaften beschert und uns einige der besten Tage unseres Lebens ermöglicht. Es war uns eine Ehre.“

Das Ende der Holmesdale Fanatics ist dabei ohne Frage ein Verlust für die internationale Fußballkultur. Aber die Verantwortlichen des englischen Fußballs sollten es auch als Weckruf verstehen und die von HF benannten Probleme sehr ernst nehmen. Mag ja sein, dass Fußball in England vor allem eine Ware ist, aber eine Ware ist ohne Konsument*innen nichts wert. Und für uns hier in Deutschland heißt das: Wir dürfen nicht zulassen, dass der Fußball allein zur Ware wird. Dafür ist er zu bedeutsam.

Dafür spricht, dass auch HF nicht so ganz loslassen kann. Denn zum Abschluss ihrer Auflösungserklärung heißt es: „Beim nächsten Spiel werden wir wie immer in Selhurst sein. Nicht als aktive Gruppe, sondern als eine Gruppe von Freunden, die Palace gemeinsam mit euch allen unterstützen.“

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Von admin