Sanktionen für Roter Stern Belgrad: Warum die UEFA jetzt handeln muss

Über die politische Dimension des Fußballs in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens hat FanLeben.de zuletzt bereits am Beispiel eines Aufeinandertreffens zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad vom 13. Mai 1990, also kurz vor Beginn des Jugoslawien-Krieges, berichtet. Gestern aber rückte eine weitere Ebene des Jugoslawien-Krieges zurück in die kollektive Erinnerung: Denn mit dem Tod des bosnisch-serbischen Ex-General Ratko Mladic gestern in einem Hochsicherheitsgefängnis in Den Haag wurde bei vielen auch die Erinnerung an das Massaker von Srebrenica, für das Mladic die Verantwortung trug, wieder ganz präsent. Über 8.000 Bewohnern der ostbosnischen Enklave Srebrenica, hauptsächlich Männer und männliche Jugendliche, ließ Mladic im Juli 1995 von seinen Truppen verschleppen und ermorden. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag benannte das als Genozid.

Formell führte Mladic während des Jugoslawienkrieges die Bosnisch-Serbischen Armee, die Truppe der bosnisch-serbischen Republika Srpska, die es aber ohne den Willen der serbischen Regierung selbst niemals gegeben hätte. Belgrad bezahlte Mladic und er gehörte den offiziellen militärischen Gremien Serbiens an. Zusammen mit dem politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und eben im Sinne des damaligen serbischen Machthabers Slobodan Milosevic, wollte er den größeren Teil Bosniens erobern, um das Gebiet an Serbien anzuschließen. Ihr Ziel war es darüber hinaus „ethnisch reine“ Gebiete zu schaffen, in denen nur ethnische Serben leben sollten. Dabei verübten sie bereits vor Srebrenica Kriegsverbrechen: Schon im ersten Kriegssommer wurden tausende Muslime, sogenannte Bosniaken, und Kroaten im Osten und im von Mladics Truppen kontrollierten Norden Bosniens massakriert. In Gefangenenlagern wurden zudem nicht-serbische Zivilist*innen gequält, gefoltert und getötet. Sie betrieben Vergewaltigungslager für nicht serbische Frauen und Mädchen. Die bosnische Hauptstadt Sarajevo wurde mehr als drei Jahre lang belagert, unter anderem machten Scharfschützen in dieser Zeit Jagd auf fliehende Zivilist*innen, darunter auch Frauen und Kinder. Allein rund um Sarajevo starben mehr als 11.000 Menschen, hunderttausende wurden vertrieben.

Srebrenica stand dabei vor der Einnahme durch die Bosnisch-Serbische Armee eigentlich unter Schutz von UN-Blauhelmsoldaten aus den Niederlanden. Doch diesen gelang es nicht die Stadt, in der vor allem Bosniaken lebten, zu verteidigen – im Gegenteil: Nachdem die BSA Srebrenica eingenommen hatte, stießen die UN-Kommandeure mit Mladic an. Sie ließen zu, dass sich Mladic dabei filmen lassen konnte, wie er, vermeintlich freundlich, Schokolade an Kinder verteilte und Frauen beruhigte, während gleichzeitig die Vorbereitungen für das Massaker von Srebrenica liefen. Später wurde der niederländische Staat in mehreren Gerichtsverfahren teilweise für das Schicksal von rund 350 Männern und Jungen verantwortlich gemacht, die das Dutchbat-Gelände verlassen mussten und anschließend von bosnisch-serbischen Kräften ermordet wurden. Auch politisch beziehungsweise moralisch erkennen die Niederlande heute ihre Mitverantwortung an.

Nach dem Ende des Jugoslawien-Kriegs konnte Mladic noch bis 2011 nahe Belgrad untertauchen. Erst dann wurde er gefasst und nach Den Haag überstellt, wo er zu 2017 einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Das Urteil wurde 2021 bestätigt. Mladic zeigte dabei bis zuletzt keine Reue, sondern bepöbelte das Gericht. In Serbien ist die Anerkennung und gesellschaftliche Aufarbeitung des Genozids von Srebrenica und der weiteren Kriegsverbrechen bis heute hoch umstritten; einflussreiche Politiker*innen und Teile der Öffentlichkeit leugnen oder relativieren es weiterhin, offiziell hat sich Serbien entsprechend immer noch nicht zu seiner Verantwortung bekannt oder bei den Opfern und Angehörigen entschuldigt. Immer wieder versuchte die serbische Regierung stattdessen Mladic‘ Freilassung zu erwirken, Den Haag hat diese jedoch stets abgelehnt.

Mit all dem im Kopf schockiert es doch sehr, wie serbische Fußballfans gestern auf die Nachricht vom Tod Ratko Mladic reagierten: Während des Play-off-Spiels um die Champions League Qualifikation gegen Viktoria Pilsen, das Roter Stern 5:1 verlor, zeigten die Ultras des Klubs ein Banner, auf dem sie Mladic „ewigen Rum und Dank“ zusicherten. Ein Foto davon teilte anschließend sogar der offizielle Twitter-Account von Roter Stern Belgrad, der es mit einem salutierenden Emoji kommentierte.

Auch in regierungs-nahen Fernsehsendern Serbiens wurde Mladic gestern als „ewiger Kommandant“ bezeichnet. Aleksandar Vulin, bis letztes Jahr Vize-Regierungschef Serbiens und heute noch einer der einflussreichsten Politiker des Landes, forderte sogar ein Staatsbegräbnis für den Kriegsverbrecher. Er findet: „Alle Serben schulden ihm Dankbarkeit und Liebe.“ Das zeigt, dass der Fußball auch hier Spiegel gesellschaftlicher Stimmungen ist.

Nichtsdestoweniger ist es schockierend, wie auch nach 30 Jahren – und damit auch von einer jungen Generation Fans – schwerste Kriegsverbrechen, darunter ein Genozid, nicht aufgearbeitet wurden. Dass es keine kritische Auseinandersetzung gibt – im Gegenteil: Dass ein verurteilter Kriegsverbrecher großen Teilen der serbischen Gesellschaft und der serbischen Fußballfans bis heute als Vorbild dient.

Die UEFA hat für den Umgang mit solchen Vorkommnissen übrigens klare Regeln: Nicht nur das politische Parteiergreifung den Klubs verboten ist, erst recht sind es die Verherrlichung von Gewalt und Diskriminierung. Es muss jetzt also empfindliche Sanktionen gegen Roter Stern Belgrad und seine Anhänger*innen geben. Alles andere wäre vollkommen inakzeptabel.

Anmerkung der Redaktion: Vielleicht fragt sich jemand, was dieser Text in einem Sportmagazin soll. Die Antwort ist einfach: Sport ist politisch. Fußball kann Zugänge zu gesellschaftlichen Fragen oder Verständnis für Kultur und Politik in anderen Ländern schaffen. Das ist oft schön. Manchmal aber – so wie heute – auch unbequem, ja, grausam. Trotzdem dürfen wir nicht wegsehen, sondern müssen Wandel einfordern, damit der Fußball – auch in Serbien – irgendwann wieder ein Ort der Verständigung werden kann anstatt Zuhause des Hasses zu bleiben.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin