Was ist eigentlich los bei Rot-Weiss Essen? Der Saisonstart in der Dritten Liga ist mit einem Sieg und einer Niederlage aus den ersten beiden Spielen eher okay bis durchwachsen, dafür wurde in der ersten Runde des DFB-Pokals der FC St. Pauli mit 2:0 besiegt. Doch immer wieder sorgen Essener Fans vor allem abseits des Rasens für Aufmerksamkeit. Man muss es so deutlich sagen: RWE hat ein Rechtsaußen-Problem!
Die Liste entsprechender Vorfälle ist fürchterlich lang, hier nur ein Auszug: 2023 wurden eigene Spieler rassistisch beleidigt. Ende Dezember 2024 wurde während einer Schweigeminute aufgrund des Anschlags in Magdeburg „Deutschland den Deutschen“ skandiert. Vor nicht einmal zwei Wochen feierte zudem ein Essen-Fan in Saarbrücken den RWE-Treffer durch Zeigen des Hitlergrußes, wie 11Freunde berichtet. Widerspruch aus dem Block gab es kaum. Nach einem Spiel gegen Cottbus letztes Jahr schallten rassistische Gesänge (u.a. „Hey, was geht ab? Wir schieben euch alle ab!“) durch das Stadion. Laut WDR stimmten damals rund 100 Fans diese an, es handelt sich also auch nicht um eine Kleingruppe. Auch das ARD-Magazin Monitor berichtet darüber, dass rechtsradikale Szene-Kleidung und das Zeigen verfassungsfeindlicher und verbotener Symbole zum Alltag an der Hafenstraße gehören. Hinzu kommen immer wieder auch queerfeindliche und sexistische Vorfälle, wie die „Kurvelregel“ „Keine Weiber in den ersten Reihen“ und sexistische Gesänge gegen Fabienne Michel.
Das Problem bei Rot-Weiß Essen ist längst keine Ansammlung von Einzelfällen mehr, es ist strukturell. „Wir sehen bei uns am Standort Essen, dass es eine emporkommende junge Generation von Rechten gibt, die in die bereitgelegten Spuren von den älteren Hooligans zum Beispiel treten“, erklärt darum auch ein Szene-Insider im „Monitor“-Beitrag, in dem darüber hinaus auch davon berichtet wird, wie Rechtsextreme versuchen, mehr Einfluss in den deutschen Fankurven zu erlangen. Die Verantwortlichen bei RWE versuchen sich der Entwicklung mit starken Worten und Aktionen wie „Essen ist bunt“ entgegenzustellen. Doch ihr Engagement bleibt nahezu wirkungslos. Andererseits wird die Stadionordnung, die rechtsradikale Szenekleidung ebenso untersagt wie verfassungsfeindliche Symbole, bislang auch nicht konsequent, zum Beispiel mit strengen Einlasskontrollen, durchgesetzt. Die rechtsradikalen Fans fühlen sich deswegen sicher.
Was also tun? Die aktive Fanszene des FC St. Pauli hat sich rund um das Pokalspiel ebenfalls mit genau dieser Frage beschäftigt. Das Fanzine „MillernTon“ schreibt: „Es ist leicht, als Fan des FC St. Pauli mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen: ‚Ey, du hast da Nazis in deiner Fanszene – kümmere dich mal drum, ansonsten bist du auch scheiße.‘ Was es aber bedeutet, sich aktiv gegen solche Leute im eigenen Fanblock zu stellen, vor allem in dem Wissen, dass dort mehr als nur ein paar davon stehen, wissen sicher die wenigsten jener Leute, die im Kern Hamburgs leben und dort ins Stadion gehen. Am Millerntor kannst du ohne Probleme offen gegen Nazis sein, in anderen Stadien verlangt es Mut und Courage.“ Und weiter: „Daher gilt es die zu stärken, die genau das machen. In Cottbus, in Chemnitz, in Essen, wo auch immer. Dort müssen jene unterstützt werden, die mit verschiedenen Aktionen darauf aufmerksam machen, dass diese Clubs mehr sind als der Verein mit Rechtsextremen im Fanblock, die vom Rest akzeptiert, teilweise sogar geschützt werden.“
Bei Rot-Weiss Essen gibt es zum Beispiel die Initiative „Rot-Weisse Solidarität“, die sich seit 2025 gegründet hat, um über grenzüberschreitendes und diskriminierendes Verhalten im Kontext Fußball aufzuklären und sich für eine solidarische, respektvolle Fankultur rund um ihren Verein Rot-Weiss Essen einzusetzen. Ziel ist es einerseits selbst aktiv Aufklärungs- beziehungsweise Bildungsarbeit in der Kurve zu leisten und andererseits Druck auf den Verein auszuüben, damit RWE die eigene Verantwortung selbst stärker wahrnimmt. „Generell kann man sagen, dass wir verhindern möchten, dass das Stadion weiter von Rechten eingenommen wird. Wir wollen den Fans, die diesen Frust ebenfalls schon lange spüren, eine Perspektive geben und ihnen vermitteln, dass sie sich weder machtlos noch allein mit ihren Problemen fühlen müssen“, erklärt die Gruppe außerdem.
Und das ist auch bitter nötig. Denn RWS berichtet zwar von viel positivem Zuspruch für diese wichtige Arbeit, aber leider auch von Drohungen und Gewalt gegen ihre Mitglieder. Entsprechende Vorfälle würden dabei immer an den Verein gemeldet, so dass dieser noch stärker mit dem Problem konfrontiert ist.
Dass Rechte versuchen, wieder verstärkt an Einfluss in den Kurven zu gewinnen, ist dabei natürlich nicht verwunderlich. Ein Fußballstadion ist (zumindest in Teilen) immer auch ein Abbild der Gesellschaft. Und gesellschaftlich entwickelt sich Deutschland seit Jahren nach rechts(außen).
Umso wichtiger ist es gerade auch im Stadion dagegen zu halten! Neonazi-Fans gehören dabei natürlich aus dem Stadion gedrängt, klar, aber um rechte Fans, deren Weltbild noch nicht ideologisch geschlossen ist, lohnt es sich gerade im Stadion zu kämpfen. Denn hier haben Fans einen leichteren Zugang zueinander, weil zumindest die Leidenschaft für den eigenen Verein verbindet. Außerdem gibt es unter den Fans viele politische Themen, wie die Verteidigung der 50+1-Regel oder den Kampf um den traditionsreichen, sponsorenfreien Stadionnamen, die einerseits Konsens und andererseits eindeutig progressiv besetzt sind. Das stärkt Demokrat*innen in der Auseinandersetzung. Abgrenzung und Bildungsarbeit, Aufklärung und Empowerment für konstruktivere Strukturen gehören darum in die Kurven. Und die Vereine sind verpflichtet, dafür Raum zu schaffen und entsprechende Initiativen zu fördern.
Denn der Fußball hat nicht nur seine viel beschworene gesellschaftliche Verantwortung – er kann auch Raum für positiven Wandel sein.
