Die Chicago Bears sind eine der traditionsreichsten Mannschaften im American Football. Schon seit 1920, dem Jahr der Gründung der NFL, sind sie Teil der Liga. Das trifft sonst nur noch auf die Arizona Cardinals zu. Und doch ist die Geschichte der Bears auch eine brüchige – was durch eine aktuelle Entscheidung noch einmal untermauert wird. Aber der Reihe nach.
Denn die Geschichte des Franchises beginnt gar nicht in Chicago, sondern in Decatur. Beide Städte liegen zwar im US-Bundesstaat Illionois, aber doch drei Stunden Autofahrzeit voneinander entfernt. Hier jedenfalls gründete A. E. Staley schon 1919 eine unternehmensfinanzierte Football-Mannschaft, ein Farmteam also. Es hieß Decatur Staleys. Und er installierte George Halas als Trainer und Manager des Teams. Halas wirkte ein Jahr später auch entscheidend an der Gründung der NFL, die ursprünglich American Professional Football Association hieß, mit, ihm wird sogar die spätere Umbennenung in den heute legendären Namen zugeschrieben.
1921 ging Staley wiederum das Kapital für den Unterhalt seiner Unternehmensmannschaft aus. Und er musste verkaufen. Halas und Dutch Sterneman, der bis dahin selbst für das Team aus Decatur gespielt hatte, wurden gemeinsam die neuen Eigentümer. Sie beschlossen daraufhin den Umzug nach Chicago. Aus Sponsoringgründen musste das Team noch ein Jahr nach Staley benannt bleiben, trat also als Chicago Staleys an. Dann konnten Halas und Sterneman ihre Mannschaft umbenennen. Aus Dankbarkeit gegenüber den Besitzern der Chicago Cubs, die dem Team mit ihrem Baseball-Stadion Wrigley Field eine Spielstätte zur Verfügung stellten, wollte Halas das Team zunächst ebenfalls Chicago Cubs benennen. Cubs – zu Deutsch: Bärenkinder – fanden die beiden allerdings nicht imposant genug für ein Football-Team, also entschied man sich für eine Anlehnung – und die Chicago Bears – zu Deutsch: Bären – waren geboren.
Als Chicago Bears konnten sechs NFL-Meisterschaften vor der Einführung des Super Bowls gewonnen werden, darunter ein legendärer 73:0-Sieg gegen die Washington Redskins. 1985 konnte außerdem der zwanzigste Superbowl gegen die New England Patriots mit einem ebenfalls spektakulären 46:10-Erfolg gefeiert werden. 18 Trainer hatte die Mannschaft in über 100 Jahren, damit stehen die Bears durchaus für Konstanz.
Sterneman schied übrigens 1932 als Co-Eigentümer aus, auch er geriet in finanzielle Probleme und verkaufte seine Anteile an Halas. George Halas wiederum starb am 31. Oktober 1983 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Doch seine Familie führt das Franchise bis heute. Allerdings erwarben 1990 Pat Ryan Sr. (Aon plc) und Andrew J. McKenna (McDonald’s) insgesamt 19,7% der Anteile an dem Franchise.
Kommen wir damit zum angekündigten erneuten Umbruch: Die Bears werden Chicago verlassen und ihr neues Stadion in Hammond, Indiana bauen. Damit verlassen sie erstmals Illionois, aber die Distanz des Umzugs ist dieses Mal nicht ganz so weit, gerade einmal knapp vierzig Minuten liegen mit dem Auto zwischen beiden Städten. Hintergrund: Das bisherige Stadion der Bears, das „Soldier Field“, ist das älteste Stadion der NFL. Klubbesitzer George McCaskey, ein Nachfahre Halas‘, und Präsident Kevin Warren wollten daher schon länger ein neues, moderneres Stadion bauen.
Den Umzug aus Chicago hatten sie dabei allerdings urspünglich nicht geplant: 2023 kauften sie stattdessen ein Grundstück im Chicagoer Vorort Arlington Heights. Allerdings kam es nie zu einem Baubeginn dort. Der Grund: Die Bears hatten wohl auf finanzielle Unterstützungen gehofft, welche der Bundesstaat Illinois allerdings nicht bereitstellen wollte. Warren sah die Planungen dadurch gefährdet und wandte sich Ende letzten Jahres in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit: „Wir haben keine Steuergelder des Bundesstaates für den Bau des Stadions in Arlington Park gefordert.“ Man habe lediglich um Unterstützung für „wesentliche lokale Infrastruktur (Straßen, Versorgungsleitungen und Erschließungsmaßnahmen)“ gebeten. Diese sei jedoch ausgeblieben. „Unsere Bemühungen sind auf keine gesetzgeberische Partnerschaft gestoßen“, schrieb Warren weiter. Zudem habe die Politik angedeutet, dass das Projekt im Jahr 2026 keine Priorität haben werde. Deswegen weitete das Franchise die Standortsuche weiter aus.
Gestern dann folgte das nächste Statement: „Gestern trat der Vorstand der Chicago Bears zusammen und beschloss, unser Stadionbauprojekt in Hammond, Indiana, voranzutreiben, wobei der genaue Standort noch festgelegt werden muss.“ Und weiter: „Wir sind überzeugt, dass ein Stadionprojekt von Weltklasse in Hammond die Region verändern wird, indem es den Nordwesten von Indiana über den Loop mit der South Side von Chicago verbindet und sich über Stadtteile und Vororte bis in den Norden der Stadt erstreckt. Es wird die Region Chicagoland zusammenbringen und ihren Einwohnern und Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnen.“ Ein solcher Umzug wäre bei uns kaum denkbar – aber da, wo Eigentümer und Investoren statt Fans die Teams besitzen, erscheint so etwas fast schon rational.
Die Bears werden bei diesem Umzug aber wohl nicht ihren Namen ändern, auch wenn sich die Teambezeichnung Indiana Bears anbieten würde. Chicago bleibt als gigantische Metropole ja im Einzugsgebiet. Und auch New Yorker Sport-Franchises spielen oft gar nicht wirklich im Bundesstaat New York, sondern im angrenzenden New Jersey.
