Wenn ein Sportler sich entscheidet, ein öffentliches Leben zu führen, dann verdient er eine ganzheitliche Betrachtung. Das bedeutet, dass man immer respektvoll mit ihr umzugehen hat. Aber auch, dass man auch über Themen sprechen muss, die Abseits der sportlichen Leistungen der Person für ihre Bewertung Relevanz haben.

Das betrifft auch Alexander Zverev – oder zumindest sollte es auch den Tennisprofi betreffen, aber nach seinem ersten Grand-Slam-Sieg bei den French Open am Wochenende klangen die Kommentare in Deutschland vor allem so: „Der Durchbruch für Zverev: ‚Wir sind Champion‘“, jubelte das ZDF, „Jetzt muss er es keinem mehr beweisen“, gratulierte die Zeit. Und Eurosport analysierte: „Zverev in Paris am Ziel seiner Grand-Slam-Träume!“

Und sicher: Sportlich war das ein einzigartiges Wochenende für Zverev. Er hat herausragendes Tennis gespielt, gerade im Finale eine sportlich beeindruckende Leistung gezeigt, was von Sportkommentator*innen ja auch zu Genüge anerkannt wurde. Aber für einen ganzheitlichen Blick reicht der Blick auf den Sport bei Alexander Zverev eben nicht. Oder haben wir vergessen, dass Zverevs Ex-Freundin die Tennisspielerin Olga Sharypova 2020 schwere Vorwürfe der physischen und psychischen Gewalt gegen ihn erhob? Und auch Brenda Patea, eine zweite Ex-Freundin, ihm ebenfalls Körperverletzung anlastete? Sharypova zeigte Zverev nicht bei der Polizei an, machte die Vorwürfe nur über ein Zeitungsinterview öffentlich. Der Journalist, der über die Vorwürfe berichtete, wurde daraufhin von Zverev verklagt, das Verfahren läuft noch. Patea, die übrigens ein gemeinsames Kind mit Zverev hat, wiederum erstatte Anzeige gegen Zverev. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 200.000€ eingestellt.

In der Berichtserstattung ist dieser Tage überirgens fast überall von „unserem Sascha“, so Zverevs russischer Kosename, die Rede. Schließlich ist Zverev ja Deutscher – wie die Zuschauer*innen von Eurosport und ProSieben Max, die Leser*innen von Zeit und Frankfurter Rundschau und BILD. „Unser Sascha“ ist es aber sicher nicht nur allein deshalb; außer mit „unser“ sind nur Männer gemeint, die Frauen nicht glauben. Dann ist es deren Sascha.

Eigentlich schien es in den letzten Wochen, als seien wir in dieser Diskussion etwas weiter gekommen. Nach den furchtbaren Enthüllungen gegen Christian Ulmen, wirkte es für ein paar Tage so, als sei durch viele Männer ein Ruck gegangen. Als hätten nicht wenige Begriffen, wie wichtig Haltung und Abgrenzung gegenüber mutmaßlichen Tätern und Vertrauen in beziehungsweise Solidarität mit den mutmaßlichen Opfern sind. Aber bei einigen war die Freude an einem Tennis-Triumph eines Landsmanns dann doch wieder verlockender als das Anwenden eines Lerneffekts. Schade drum.

Während der Sportjournalismus also in vielen Berichten versagt, leisten immerhin weibliche Tennisfans in den Social-Media-Kommentarspalten betreffender Medien Erinnerungsarbeit. Sie schreiben unter unkritische Berichte Kommentare wie: „Ich glaube seinen Ex-Freundinnen“ oder „ein dunkler Tag für das Tennis“, „schlimm, heute als Frau Tennisfan zu sein“ und „ich denke an Olga und Brenda„.

Wenigstens sie haben nicht vergessen, dass Zverev kein Held ist.

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Von admin