Harry Kane ist der beste Stürmer der Bundesliga – vielleicht der Welt. Doch was macht den Kapitän der Englischen Nationalmannschaft, die Nummer 9 des FC Bayern München so stark? Das hat Harry Kane nun selbst beantwortet. Im Sportmagazin „The Athletic“ beschreibt der Stürmer umfassend sein Spiel. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen.
„Immer wenn ich mich im Strafraum aufhalte, besonders am Rand des Strafraums, ist mein erster Gedanke, einen Schuss abzugeben“, beschreibt Harry Kane sein Mindset. „Denn ich weiß, dass ich an jeder Stelle in diesem Bereich, wenn ich den Ball gut annehme und dann einen sauberen Schuss abgeben kann, entweder den Torwart herausfordere oder ein Tor erziele.“ Das ist insofern bemerkenswert, als dass Kane, anders als viele andere klassische Mittelstürmer wie zum Beispiel sein Bayern-Vorgänger Robert Lewandowski, deutlich seltener direkt am oder im Strafraum aufhält. Kane spielt viel mit, zieht sich für den Spielaufbau teilweise bis in die eigene Hälfte zurück, ist stark am Ball. Das macht er – wie diese Aussage enthüllt – offenbar auch in dem Wissen, dass er aufgrund seiner technischen und spielerischen Klasse nicht viele Chancen für ein Tor brauchen wird. Etwas, das auch seinen Kollegen auffällt, wie der Brite selbst trocken bemerkt: „Jemand hat mir kürzlich gesagt – ein anderer Spieler -, dass meine größte Stärke darin besteht, aus ungünstigen Positionen abzuschließen. Selbst wenn ich aus dem Gleichgewicht bin, schaffe ich es also immer noch, meine Schüsse abzugeben. Viele Spieler wären nicht in der Lage, aus dieser Position die gleiche Kraft zu entwickeln.“
Beeindruckend auch, dass Kane immer versucht, das Spiel zu lesen: „Ich versuche, so oft wie möglich aus der Halbdrehung heraus zu spielen, damit ich spüre, dass zwischen mir und dem Verteidiger ein bisschen Platz ist. Sobald ich diese Ballberührung habe, versuche ich dann zu entscheiden, wo der beste Ort ist, um einen Schuss abzugeben – oder wo ich am schnellsten zum Schuss komme.“ Er orientiert sich also nicht bloß zum Tor oder am Torhüter, sondern will Räume schaffen. Diese nutzt Kane aber – anders als das Zitat vermuten lässt – nicht nur für sich: Kane kam nämlich in bislang 94 Bundesliga-Spielen auf 22 direkte Torvorlagen (neben seinen 98 (!) Toren), Robert Lewandowski kam auf 35 direkte Torvorlagen, aber in acht, also fast dreimal so vielen Jahren. Dazu passt diese Selbstbeschreibung seines Spiels: „Ich versuche, das Tempo zu drosseln, eine halbe Ballberührung zu machen, abzuwarten und dann eine größere Ballberührung zu machen und wieder zu beschleunigen.“
Dieser Aspekt von Kanes Spiel lief lange unter dem Radar. In Deutschland wurde er – vor allem aufgrund des Kontasts zu Lewandowski – aber schnell wahrgenommen. Doch für Kane sind seine Spielmacher-Fähigkeiten nichts, was er erst in Bayern an sich entdeckt hätte – im Gegenteil: „Wenn ich an mein Passspiel denke, insbesondere an die Pässe über größere Entfernungen, habe ich daran früher, als ich noch in der Jugendakademie spielte, fast genauso viel gearbeitet wie an meinem Abschluss. Ich erinnere mich, dass ich damals zusammen mit einem meiner Teamkollegen eine Stunde früher zum Training kam; er stand auf der einen Seite des Strafraums, ich auf der anderen, und wir übten einfach nur Pässe. Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß.“ Und weiter: „Ich glaube, das Passspiel war schon immer da. Ich habe auch in der Jugend oft als Mittelfeldspieler gespielt, daher verstehe ich die verschiedenen Bereiche des Spielfelds und bin gerne in diesem Bereich. Ich habe das Gefühl, dass ich der Mannschaft helfen kann, indem ich den Ball unter Druck annehme und dann mit effektiven Pässen nach vorne spiele.“ Einsetzen durfte er diese Fähigkeit aber lange nicht: „Ich glaube also, dass ich das schon immer hatte. Selbst in den letzten Jahren bei den Spurs haben wir das immer öfter gesehen, weil ich etwas mehr Freiheit hatte, tiefer in das Spiel zu kommen. Vielleicht war ich früher unter Mauricio Pochettino eher eine Nummer 9, die auf den Spielaufbau wartete und sich dann hinter die Abwehr schob. Ich denke, seit José Mourinho zum Verein kam, hat man gesehen, wie ich mehr Vorlagen gegeben und diese Verbindung zu Heung-Min Son aufgebaut habe. Bei Antonio Conte war es dann genauso, und ich spielte (aus tiefen Positionen) auf den Außenverteidiger- oder Flügelverteidigerpositionen.“ Trotzdem hat er auch in diesem Bereich in der Bundesliga nochmal ein ganz neues Level erreicht: Allein in der letzten Saison spielte Kane 84 Pässe, die die gegnerische Abwehr durchbrachen. Der nächstbeste Mittelstürmer kam auf 29. Das liegt schlichtweg daran, dass Vincent Kompany ihn zunehmend zu Beginn von Ballbesitzphasen einsetzte. In der Saison 2025/26 war es keine Seltenheit, dass Kane den Ball zwischen seinen Innenverteidigern direkt von Torhüter Manuel Neuer erhielt.
Neben der unübersehbaren Qualität, die Kane damit ins Spiel des deutschen Rekordmeister einbringen kann, hat das übrigens noch einen weiteren Zweck: „Wir testen gerne das Engagement des Gegners, gegen den wir spielen“, erklärt Kane. „Es ist leicht für eine Mannschaft, zu sagen, dass sie uns Mann gegen Mann pressen wird, aber es erfordert viel, das tatsächlich umzusetzen. Wenn du als Innenverteidiger mich deckst und ich mich dann in die Nähe der Mittellinie zurückziehe, fühlst du dich vielleicht noch wohl dabei, so weit mitzukommen. Aber wenn ich mich dann noch etwas tiefer zurückziehe und du als Innenverteidiger plötzlich als höchster Presser agieren musst, erfordert es viel Training seitens des Gegners und seines Trainers, um das wirklich durchzuziehen.“
Im Aufbauspiel sieht Kane dabei seine Spielübersicht als seine vielleicht wichtigste Stärke an: „Ich mache mir in meinem Kopf ein Bild davon, was um mich herum passiert. Ich achte darauf, ob sich ein weiterer Mittelfeldspieler oder Verteidiger auf meiner toten Seite befindet. Habe ich einen Mitspieler, den ich direkt anspielen kann, wenn ich den Ball erhalte? Man macht sich ständig solche Bilder von der Situation um sich herum.“ Kane weiß dabei um seine Rolle auf dem Spielfeld und wie er sie für die Mannschaft nutzen kann: Selbst im Mittelkreis bindet der Stürmer meist mindestens einen direkten Gegenspieler, das schafft Räume, von denen häufig zum Beispiel Bayerns Flügelstürmer Luis Diaz und Michael Olise profitieren. Manchmal zieht Kane nach einer Balleroberung dabei bewusst nicht selbst zum Sprint an, um Diaz oder Olise Zeit für eine Eins-Gegen-Eins-Situation zu geben. Dabei profitiert Kane von seiner Handlungsschnelligkeit, denn deckt man ihn nicht permanent, müssen seine Gegenspieler ihn trotzdem jederzeit im Blick haben, um bei Bedarf blitzschnell in den Zweikampf zu kommen. Das ist für kaum eine Abwehrreihe zu schaffen. Und das nutzt Kane – für seine Mannschaft.
Ein Fehler die durch das Verzögern häufig entsteht, ist der, dass er relativ viel freien Raum an der Strafraumgrenze bekommt. Denn gehen Olise oder Diaz in ein Eins-Gegen-Eins müssen andere Verteidiger nachlaufen, um sie abzusichern, die Ordnung bricht. Kane freut das: „Wenn ich sehe, dass der Flügelspieler weit von mir entfernt ist und dieser Verteidiger nach vorne läuft, weiß ich, dass ich den gesamten Rand des Strafraums für mich allein haben werde.“ Dabei kennen seine Mitspieler Kanes Schusstechnik perfekt, können ihm dadurch die Bälle so auflegen, dass er direkt abschließen kann, keinen zusätzlichen Kontakt für die Ballan- und -mitnahme braucht. Das zeigt die ultimative Klasse seiner Mannschaft.
Ein Beispiel? Kane schoss in der Championsleague beim 2:1-Heimsieg gegen Real Madrid das zweite Tor der Münchener. Dieser Treffer hatte einen erwarteten Torwert (xG) von nur 0,07. Doch die verschiedenen Variablen – die Geschwindigkeit des Bayern-Konterangriffs, die Qualität von Olises Abschlusspass und die Art und Weise, wie Kane die Positionen der Verteidiger und des Torhüters nutzte, um seinen Abschluss zu lenken – ließen es viel, viel einfacher aussehen.
Aber wie zielt man eigentlich als Weltklasse-Stürmer? Hier kommt für viele Hobby-Fußballer ein wichtiger Tipp: „Wenn ich auf den kurzen Pfosten ziele, denke ich immer, dass ich den Schuss wahrscheinlich außerhalb des kurzen Pfostens ansetzen muss. In dieser Situation nutze ich also tatsächlich den Verteidiger aus. Wenn man spielt und alles so schnell geht, sieht man eher die Position des Verteidigers als die Person selbst. Deshalb trainiere ich so viel gegen Trainingspuppen: Damit man das periphere Sehen trainiert. Da ich nun weiß, dass er einen Teil des Tores versperrt, denke ich, dass ich kraftvoll vorgehen, den Schuss außerhalb seiner Reichweite ansetzen und dann sehen muss, wie viel Kraft ich aufbringen kann.“
Leistungsdaten von STATSports zeigen zudem, dass er in der letzten Saison in 30 Spielen mehr als 10 Kilometer pro Spiel gelaufen ist, während Elite-Stürmer in der Regel etwa 9,2 bis 9,4 Kilometer zurücklegen. In 18 dieser Spiele legte er 11 Kilometer oder mehr zurück. In der vergangenen Saison verzeichnete er seine Höchstgeschwindigkeit in der Bundesliga (32,2 km/h) und führte über das gesamte Jahr hinweg mehr Beschleunigungsmanöver durch sowie längere Strecken bei Höchstgeschwindigkeit zurück als jemals sonst in seiner Karriere. Das sind erstaunliche Zahlen für einen Spieler, der gerade erst 33 Jahre alt geworden ist. Für Kanes Spiel ist das aber auch erforderlich, immerhin ist Kanes Hauptarbeitsort als Mittelstürmer noch immer der gegnerische Strafraum. Und da ist Kane nun einmal unbestritten einer der Abschlussstärksten Spieler der Welt.
In wenigen Wochen wird entschieden, wer in diesem Jahr den „Ballon d’or“ gewinnt. Bei The Athletic findet man, dass an Kane dabei kaum ein Weg vorbei führen dürfte. Naja. Zu den besten Spielern der Welt gehört er jedenfalls zweifelsohne.
