Für den ESV Olympia ging es am 7. Juni sportlich um nichts mehr, für Pesch II hingegen ging es darum, den Klassenerhalt in der Kreisliga A zu sichern. Dafür hätte Pesch ein Unentschieden gereicht. Und nach dem sah es auch bis in die Nachspielzeit aus, nach 90 Minuten stand es nämlich 2:2. Doch in der Nachspielzeit erzielte Olympia das 3:2, bei diesem Ergebnis wäre Pesch sportlich abgestiegen. Dass da die Nerven blank liegen – verständlich.
Doch das Ausmaß, in dem dies im Kölner Gleisdreieck zur Schau gestellt wurde, ging eindeutig zu weit. Ein Spieler aus Pesch, der bereits die Rote Karte gesehen hatte, stürmte nach dem Tor nämlich zurück auf den Platz und bedrohte den Schiedsrichter. Dieser versuchte zwar noch wieder Herr der Lage zu werden, musste das Spiel aber rasch abbrechen. Gewalt gegen Unparteiische geht gar nicht.
Die Konsequenz: Das Kölner Kreissportgericht wertete das Spiel in erster Instanz nach einer mündlichen Verhandlung mit 2:0 für Olympia Köln und der beschuldigte Spieler wurde für sechs Spiele gesperrt. Doch der FC Pesch legte Berufung ein. Fast ein Monat später, am 5. Juli, bekam der Verein vom Bezirkssportgericht Recht. Das Gericht änderte das Urteil mit der Begründung, dass der Schiedsrichter nicht alle Mittel ausgeschöpft habe, um das Spiel fortzusetzen. „Das Urteil bestätigt, dass wir nicht im Unrecht waren. Das ist mir wichtig, denn unser Ruf hat in den letzten Wochen arg gelitten“, sagte Pascal Ervens, der 1. Vorsitzende des FC Pesch.
Das neue Urteil lautete: Wiederholungsspiel.
Allerdings von Anpiff an, nicht erst ab dem Zeitpunkt des Spielabbruchs. Und vor allem zur neuen Saison, nämlich am 19. Juli. Das bedeutet: Es dürfen auch Neuzugänge auflaufen. Und: Anders als im Juni ist ein Einsatz von Spielern aus der ersten Mannschaft des FC Pesch, die in der Landesliga antritt, nicht ausgeschlossen, da während der jetzt ja laufenden Saisonvorbereitung natürlich noch kein Landesliga-Spiel stattfindet, bei dem sie sich höherklassig festspielen könnten. Heißt: Neuzugänge und Landesliga-Spieler könnten über den Klassenerhalt in der Kölner-Kreisliga entscheiden. Ist das gerecht?
Des ESV Olympia machte den Vorgang öffentlich, zehntausende sahen einen entsprechenden Beitrag auf dem Instagram-Account des Vereins. Olympia-Trainer Victor Eboa nannte die Entscheidung in diesem Zusammenhang einen „Skandal“. Zahlreichen Rückmeldungen aus der Liga würden zeigen, „dass wir mit dieser Einschätzung keineswegs alleinstehen“. „Pesch erhält nun eine komplett neue sportliche Chance, obwohl die Situation, die zum Spielabbruch geführt hat, aus den eigenen Reihen entstanden ist“, kritisierte Eboa. „Damit zieht Pesch aus diesem Vorfall letztlich einen Vorteil und genau das ist für uns das völlig falsche Signal.“ Sein Fazit: „Wir würden dieses Spiel am liebsten nicht spielen. Aber uns wurde klar kommuniziert: Treten wir nicht an, droht uns ein Punktabzug für die kommende Saison.“ Gleichzeitig geht Olympia vor allem auf die Drohungen gegen den FC Pesch ein, die sich in der Debatte um die Ereignisse auch Bahn gebrochen haben: „Wer droht“, schreibt der Verein, „fällt genau der Sache in den Rücken, um die es hier geht: Den Schutz der Schiedsrichter.“ Das geschehe darum „nicht in unserem Namen. Niemals.“
Dennoch blieb die Haltung des Verbandes klar: Das Spiel wird wiederholt. Trotz aller Kritik – an der Entscheidung des Verbandsgerichtes generell und an der sportlich-fragwürdigen Umsetzung des Urteils.
Das Wiederholungsspiel fand dabei auf Antrag des FC Pesch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur die Polizei und die offiziellen beider Teams sowie das Schiedsrichtergespann und Verbandsvertreter*innen waren vor Ort. Pesch II setzte auf viele Spieler des Landesliga-Kaders, insgesamt fanden sich in der Startelf nur drei Spieler, die in den letzten Partien der abgelaufenen Saison für die zweite Mannschaft aufgelaufen waren. Über den richtigen Umgang mit dem Spiel ist beim ESV auch deswegen im Vorfeld eifrig diskutiert worden, auch nachdem feststand, dass man in jedem Fall antreten würde, um einen Punktabzug zu vermeiden: „Viele von euch schreiben uns, wir sollen Eigentore schießen oder das Spiel ins Lächerliche ziehen. Das haben wir tatsächlich in Betracht gezogen. Wir haben uns aber entschieden, sportlich und ernsthaft anzutreten. Wir haben dieses Spiel im Juni schon einmal gewonnen und schenken nichts her.“ Und weiter: „Und eine Farce würde allen recht geben, die behaupten, uns ginge es nie um die Sache. Unser Protest findet nicht auf dem Rasen statt. Auf dem Rasen spielen wir Fußball.“
Geändert hat auch das natürlich nichts. Und wenig überraschend gewann Pesch das Spiel dann auch mit 4:2 (2:1) und kann jetzt – zumindest vorläufig – doch noch den Klassenerhalt feiern.
Vorläufig deswegen, weil nun der SC Köln-West, der anstelle von Pesch II absteigen soll, Protest gegen die Spielwertung eingelegt hat. Köln-West fordert, dass „jede Spielberechtigung und jeder Transfer unter die Lupe genommen“ wird. Ein verzögerter Abstieg, mitten in der Saisonvorbereitung, wirft zudem alle Planungen beim SC Köln-West über den Haufen. Deswegen hat der Vereinen auch noch einen weiteren Antrag gestellt, in dem er fordert, dass die Kreisliga nächste Saison von 16 auf 17 Mannschaften aufgestockt wird.
Die Staffel-Aufstockung könnte natürlich ein Kompromiss sein, um das entstandene Chaos irgendwie noch zu heilen. Aber es stellt sich natürlich auch dann weiterhin die Frage, was der Schutz von ehrenamtlichen (!) Schiedsrichtern den Fußballverbänden eigentlich wert ist, wenn Sportgerichte solche Entscheidungen treffen. Der 19-jährige Nachwuchs-Schiedsrichter, der die Juni-Partie zwischen Europa und Pesch leitete, hat seine Karriere inzwischen beendet. Nachvollziehbar, wenn auch bitter. Ehrenamtliche Schiedsrichter verdienen Schutz. Wenn sie in einer Bedrohungssituation ein Spiel abbrechen, darf das nicht solche absurde Konsequenzen nach sich ziehen. Wer findet sich denn noch bereit, sich aus Spaß an der Aufgabe unentgeltlich als Schiedsrichter zu engagieren, wenn der eigene Fußballverband, dessen Wappen man auf dem Trikot trägt, einem so in den Rücken fällt? Das Sportgericht hat dem Schiedsrichterwesen hier eindeutig einen Bärendienst erwiesen.
Gleichzeitig ist es natürlich auch mit der sportlichen Integrität des Wettbewerbs nicht weit her, wenn Landesliga-Spieler und Neuzugänge über den Kreisliga-Klassenerhalt entscheiden – nicht umsonst dürfen Spieler aus den höherklassigen Mannschaften eines Vereins im Regelfall nicht an den letzten Spieltagen in den Zweitvertretungen aushelfen. Die Entscheidung des Kölner Sportsgerichts könnte also im schlimmsten Fall sogar Nachahmer provozieren, die ihrerseits Abstiegsspiele in die neue Saison verlagern wollen. Damit hätte es dem gesamten Fußball einen Bärendienst erwiesen.
Wieso der zuständige Fußballverband nicht von sich aus eingegriffen, vermittelt und eine für alle Beteiligten faire Lösung gefunden hat, ist deswegen unverständlich.
So sieht es im übrigen auch der ESV Olympia – wenn auch etwas hoffnungsvoller. Er schreibt an die Leser*innen auf Instagram: „Ihr habt aus einem Kreisliga-Spiel eine Debatte für ganz Fußball-Deutschland gemacht. Danke dafür.“
