Für den 1. FC Köln geht es gerade um nicht weniger als die eigene Zukunft – auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht harmloser wirkt. Denn auf dem ersten Blick geht es „nur“ um die Zukunft des Geißbockheims. Dahinter aber steht die Frage, ob der Effzeh weiterhin bundesligataugliche Trainingsbedingungen, eine moderne Infrastruktur behält. Zur Einordung: Ohne eine ausreichende Anzahl an Trainingsplätzen ist keine angemessene Nachwuchsförderung möglich, ohne eine moderne Infrastruktur mit Raum unter anderem auch für datenbasiertes und sportwissenschaftliches Arbeiten kann langfristig kaum weiter Bundesliga-Fußball gespielt werden. Und beides, ausreichend viele Plätze und Platz für moderne Angebote, gibt es am Geißbockheim gerade nicht.

Im Gegenteil: Die Anlage rund um das Geißbockheim ist schon heute im Vergleich zu anderen Bundesligamannschaften spärlich ausgestattet und platzt doch schon aus allen Nähten. Neben den Büros für Profi- und Nachwuchsabteilungen sowie dem Sitz der medizinischen Abteilung findet man an der Frank-Kremer-Allee nämlich nur vier Naturrasenplätze, zwei Kunstrasenplätze, einen Fußballtennisplatz und einen Fußballkäfig. Außerdem gehört das Frank-Kremer-Stadion zur Anlage, ein sechzig Jahre altes Traditionsstadion, in dem heute die zweite Männer- und die erste Frauen-Mannschaft des Effzeh spielen.

Schon jetzt müssen Nachwuchsmannschaften des ersten Bundesliga-Meisters darum auf Plätze außerhalb des Geißbockheims ausweichen. Die Anlage eines anderen Kölner Vereins wertete der 1. FC Köln sogar mit einem zusätzlichen Kunstrasenplatz auf, den der Effzeh selbst finanzierte und den er deswegen zum Jugendtraining mit nutzen darf. Fest steht darum, dass der 1. FC Köln neben dem Frank-Kremer-Stadion ein neues Leistungszentrum bauen wird. Die entsprechende Baugenehmigung liegt seit Oktober 2024 vor. Aber: Dafür wird einer der vier bestehenden Naturrasenplätze wegfallen. Die wichtige Arbeit neben dem Platz kann also verbessert werden – aber nur auf Kosten der sonstigen Trainingsflächen.

Fakt also ist: Der Platz am Geißbockheim reicht nicht. Und eigentlich sollte das auch kein besonders großes Problem sein. Denn wer sich die Wäldchen und Wiesen rund um den Traditionsstandort ansieht, bekommt nicht das Gefühl, dass eine vorsichtige Expansion des größten Kölner Sportvereins unmöglich wäre. Und eigentlich wollen das auch alle: Der 1. FC Köln ist bereit, hier Flächen anzukaufen. Die Politik im Kölner Stadtrat mehrheitlich willens, den Bebauungsplan der Stadt entsprechend anzupassen. Der neugewählte Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD), ehemaliger Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat sich im Wahlkampf ebenfalls eindeutig hinter das Vorgaben des Effzeh gestellt.

Aber wo ein Grüngürtel bebaut werden soll, da klagen Anwohner*innen. Das ist natürlich legitim. Doch das Engagement, mit dem die Kläger*innen den längst laufenden Prozess in die Länge ziehen, ist zumindest bemerkenswert. Hintergrund: Eigentlich sollte gestern vor dem Oberverwaltungsgericht Münster ein Urteil fallen, ob der 1. FC Köln mehr Fläche rund um das Geißbockheim für den Sport nutzen kann. Aber der Gerichtstermin wurde kurzfristig, Mittwochabend, um genau zu sein, abgesagt. Gerade einmal vier kurzfristig eingereichte Seiten mit Argumenten zum Artenschutzgutachten für den Bebauungsplan sorgen dafür, dass die Kölner weiterhin auf Klarheit warten.

Effzeh-Geschäftsführer Philipp Türoff zeigte sich davon ziemlich genervt: „Das traf mich wirklich vollkommen überraschend“, erklärte Türoff, der mit der Absage „beim besten Willen“ nicht gerechnet hatte und entsprechend „fassungslos“ war, am Donnerstag. „Nichts ist so elend wie ewige Hängepartien“, fuhr der Geschäftsführer fort. „Wir wollen einfach ans Handeln kommen und dafür muss man die Bedingungen kennen, unter denen man das kann.“ Heißt: Es braucht endlich eine verbindliche Entscheidung, ob der 1. FC Köln in den Grüngürtel expandieren darf oder ob die dafür notwendige Änderung des Bebauungsplans aus Naturschutz-Gründen hier unzulässig wäre. Solche Verfahren ziehen sich in Deutschland gerne mal über Jahre, ganz gleich, dass die Politik ebenfalls schon seit Jahren ankündigt, entsprechende Prozesse merklich beschleunigen zu wollen. Hilft weder dem Effzeh noch dem Naturschutz.

„Nichts von dem, woran wir hier konkret arbeiten, kann jetzt pausieren“, macht auch Philipp Türoff klar. Der 1. FC Köln braucht Handlungssicherheit. Denn jedes Jahr ohne Baukran gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit. Zwar spielte der Effzeh zuletzt ein sorgenfreies Jahr in der Bundesliga und gewann zuletzt mit seinen A- und B-Jugendmannschaften gleich mehrere Titel, aber wie soll die erste Mannschaft, die ja auf das Entwickeln und Verkaufen talentierter Spieler wie Said El Mala angewiesen ist, das umsetzen, wenn die Arbeitsbedingungen nicht bundesligatauglich sind? Und wie sollen die besten Jugendspieler der Region weiter vom Effzeh überzeugt und dann auch ideal gefördert werden, wenn das Umfeld ein Provisorium ist? Es ist eine paradoxe Situation: Eigentlich sind die sportlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen beim 1. FC Köln gerade so gut wie lange ist – aber andererseits ist die Gefahr, dass es ins komplette Gegenteil kippt, so groß wie noch nie.

Hinzu kommt, dass der Bebauungsplan zwar geändert werden soll, aber noch nicht geändert ist. Ein Urteil gestern hätte darum auch Druckmittel sein sollen, um den politischen Prozess ums vergrößerte Geißbockheim in Gang zu bringen. Türoff: „Dafür gibt es eben keine Baugenehmigung auf der Gleueler Wiese und dafür ist der Bebauungsplan höchst relevant.“

Dass der 1. FC Köln dabei weiter voll und ganz auf den Standort Franz-Kremer-Allee setzt, ist verständlich. Seit 1953 ist das Geißbockheim die Heimat des 1948 gegründeten Vereins. An dem Standort hängen unglaublich viele Emotionen. Die Geschäftsführer schafft darum weiter Fakten und will das bereits genehmigte Leistungszentrum nun auch tatsächlich bauen, wie Philipp Türoff erklärt: „Wir werden jetzt auch durch den Aufschub dieses Urteils nicht unsere Finalisierung der Planung des Leistungszentrums oder auch den Baubeginn in irgendeiner Weise aufschieben.“ Im Hintergrund läuft bereits die operative Arbeit, im nächsten Jahr soll dann „auch sichtbar etwas passieren“. Seine Begründung: „Ob wir das Ding bauen oder nicht, wir haben am Ende des Tages nicht genügend Plätze. Wir müssen schon heute vieles tun, um auszuweichen. Aber wir können nicht in allem still stehen und uns unserem Schicksal ergeben.“

Und dass man sich beim Effzeh damit – vor allem emotional – im Recht sieht, ist ja auch mehr als verständlich. Immerhin versteht sich der Verein als integraler Bestandteil der Stadtgesellschaft, engagiert sich, wo es nur geht, und ist über die Maßen unverdächtig, rücksichtslos die Kölner Natur beschädigen zu wollen. Gleichzeitig betont Türoff: „Der FC will nicht einen Rechtsstreit gewinnen, der FC will Fußball spielen.“

Und vielleicht ist es gerade deswegen auch fahrlässig, ohne Zweifel am Geißbockheim festzuhalten. Denn alle Vermittlungs- und Gesprächsangebote sind gescheitert, ebenso wie der lange Zeit auf Harmonie und Verständigung ausgerichtete Kurs des Vereins. Vielleicht wäre es so langsam angemessen, sich damit abzufinden, dass an der Frank-Kremer-Allee zwar weiter die Bundesliga-Frauen und Regionalliga-Männer des Effzeh spielen, bestehende Sportplätze genutzt werden können und das Geißbockheim mit seiner Gastronomie Besucher*innen einlädt und vielleicht ja auch mit Museum und Veranstaltungsorten zum Kulturzentrum erweitert wird, aber das Trainingszentrum des 1. FC Köln weiterziehen muss.

Es ist total verständlich, dass diese Perspektive niemanden beim Effzeh gefällt. Die entscheidende Frage aber lautet, ob das Risiko, die sportliche Anschlussfähigkeit zu verlieren, nicht noch schlimmer wäre? Fest jedenfalls steht, dass es der 1. FC Köln nicht verdient hat, sich diese Frage stellen zu müssen. Aber Fußball ist eben manchmal ungerecht.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin