Heute beginnt sie: Die Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada. Los geht es um 21 Uhr mit dem Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Mexiko und Südafrika im legendären Azteken-Stadion in Mexiko Stadt. Es wird eine beeindruckende Fußball-Kulisse – bei einem Turnier über dem – mal wieder – die Frage steht: Oder soll man es nicht lieber lassen?
Immerhin hat ein Zusammenschluss renommierter Klimaforscher*innen und Aktivist*innen die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 als drohende Klimakatastrophe bezeichnet. Der Bericht “FIFA’s Climate Blind Spot: The Men’s World Cup in a Warming World”, verfasst von Dr. Stuart Parkinson („Scientists for Global Responsibility“), Samran Ali („Environmental Defense Fund“), Freddie Daley („New Weather Institute“) sowie dem „Netzwerk Cool Down – Sport for Climate Action“, legt dar, dass das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko die klimaschädlichste Weltmeisterschaft aller Zeiten werden könnte.
Heißer Sommer mit Folgen
Laut ihrer Analyse werden die Emissionen mindestens 9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent betragen – fast doppelt so viel wie bei den letzten vier Weltmeisterschaften im Schnitt. Verantwortlidlich dafür sind vor allem die Ausweitung des Turniers auf 48 Mannschaften und 104 Spiele sowie der enorme Flugverkehr zwischen den weit auseinanderliegenden Austragungsorten. Rund 7,7 Millionen Tonnen entfallen allein auf internationale und innerkontinentale Flüge, weitere 1,3 Millionen auf Transport, Unterkunft und Verpflegung. Berücksichtigt man zudem die indirekten Klimaeffekte des Luftverkehrs, könnte die Belastung sogar 40 bis 70 Prozent höher ausfallen.
Der Bericht weist außerdem auf erhebliche Umweltrisiken vor Ort hin. Acht der 16 Stadien bräuchten nach Einschätzung der Autor*innen sofortige ökologische Schutzmaßnahmen, mindestens vier seien besonders kritisch. Denn in 14 der 16 Austragungsstädte drohen laut Prognosen Nachmittagstemperaturen, die die Spieler ernsthaft gefährden könnten. Das zeigt neben dieser Arbeit auch eine im Januar im International Journal of Biometeorology veröffentlichte Studie, die auf 20 Jahren Wetterdaten basiert. Die Forscher fordern die Organisatoren daher auf, Nachmittagsspiele zu vermeiden. Besonders kritisch ist der sogenannte „Wet Bulb Globe Temperature“-Wert, kurz: WBGT, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Windgeschwindigkeit kombiniert. In neun Stadien wird er an mehr als der Hälfte der heißen Sommertage über der Sicherheitsgrenze von 28 °C liegen. Besonders riskant sind sechs Austragungsorte mit offenen Stadien: East Rutherford, Foxboro, Kansas City, Miami, Monterrey und Philadelphia. Eine frühere Studie aus dem Oktober hatte bereits ein „sehr hohes Risiko für schwere Hitzestress-Bedingungen“ in 10 der 16 Stadien prognostiziert. „Die Gefahr extremer Hitze wird bei dieser Weltmeisterschaft größer sein als bei der WM 2022 in Katar“, warnt Dr. Donal Mullan, Klimawissenschaftler an der Queen’s University in Belfast und Hauptautor der Studie. Zum Vergleich: Die WM 2022 in Katar war aus den heißen Sommermonaten in den November und Dezember verlegt worden. Der dort gemessene höchste Wert der Feuchtkugeltemperatur lag bei 23 °C – fast 10 Grad weniger als die für die USA prognostizierten Werte.
Auch das Sponsoring der WM steht deswegen in der Kritik. Der Deal mit dem saudischen Ölkonzern Aramco könnte nach Berechnungen zusätzliche 30 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen indirekt anheizen. Für die Autor*innen der Studien ist dies ein Widerspruch zu den eigenen Klimazielen der FIFA, die sich bis 2030 eine Halbierung der Emissionen und bis 2040 Klimaneutralität vorgenommen hat. Tatsächlich seien bislang aber nur elf Prozent der angekündigten Maßnahmen umgesetzt worden. Transparenzberichte fehlen jedoch weitgehend, ebenso wie eine unabhängige Überprüfung. Die Forderungen der Forscher*innen sind deutlich: keine Partnerschaften mehr mit fossilen Konzernen, eine Rückkehr zu einem kleineren Turnierformat, strengere Umweltauflagen für Stadien und verbindliche Regeln statt freiwilliger Absichtserklärungen. Sie mahnen an, dass die FIFA den Schutz von Klima, Spielern und Zuschauer*innen endlich ernst nehmen müsse.
Trump nutzt die Spiele für einen Machtkampf
Doch diese Mahnung kommt bei der FIFA nicht wirklich an – im Gegenteil: Eigene politische Ziele oder aber zumindest ein Mindestmaß an Haltung legt der Weltverband nicht an den Tag. Die US-Regierung dafür schon. Trump bekämpft seit letztem Jahr zum Beispiel diverse Bürgermeister*innen, die sich seiner radikalen Migrationspolitik widersetzen wollen. Und zwar so: Er behauptet, in diesen Städten würde die Kriminalität explodieren, sie seien unsicher. Die Kriminalitätsstatistiken geben das zwar ganz eindeutig nicht her, aber mit dieser Argumentation versucht Trump seit Monaten, den Einsatz von Nationalgardisten in demokratisch regierten US-Metropolen zu legitimieren – und das gegen den ausdrücklichen Willen der dafür eigentlich zuständigen Gouverneure. Unter anderem ließ er Soldat*innen in Los Angeles, einer ebenfalls demokratisch regierten WM-Gastgeberstadt, aufmarschieren. Sie sollten Proteste gegen Razzien der Einwanderungsbehörde ICE eindämmen. Kurz darauf folgten weitere Einsätze in anderen Städten, in denen trotz massiver politischer Bedenken ebenfalls Nationalgardisten mobilisiert wurden. Dabei sind Proteste auch gegen staatliche Behörden wie ICE natürlich legitim, ja, sogar notwendig. Trump aber will sie von Solda*tinnen niederschlagen lassen. Damit untergräbt er nicht den Föderalismus der USA, sondern greift auch die Meinungsfreiheit seiner Bürger*innen an, was eindeutig auf sein Vorhaben, die US-Demokratie zu zerstören, hinweist.
Dabei nutzt Trump immer wieder auch die anstehende Weltmeisterschaft als politischen Spielball: „Wenn jemand einen schlechten Job macht und ich den Eindruck habe, dass die Bedingungen zur Ausrichtung von WM-Spielen unsicher sind, dann würde ich Gianni anrufen, den phänomenalen Chef der FIFA, und ich würde sagen: ‚Lass es uns woanders hin verlegen.‘ Und er würde es machen.“ Die Aussage richtet sich Anfang des Jahres gegen die Bürgermeisterin von Boston, Michelle Wu, eine 40-jährige Demokratin. Neben Boston und Los Angeles sind auch die geplanten WM-Austragungsorte Seattle, San Francisco, New York und Philadelphia demokratisch regiert. Es drohen also weitere Auseinandersetzung – im Zweifelsfall auch noch während des Turniers.
US-Einwanderungspolitik überlagert WM
Doch – anders als bei der FIFA – gibt es im US-Sport auch Widerstand gegen Trump. Denn nur eine Woche vor dem ersten WM-Spiel von Co-Gastgeber USA im SoFi Stadium haben die Mitarbeitenden in der Arena im kalifornischen Inglewood für einen Streik gestimmt. 96 Prozent der Mitglieder der Gewerkschaft UNITE HERE Local 11, die 2.000 Beschäftigte vertritt, entschieden sich dabei für den Streik. Und ihnen geht es dabei nicht um mehr Geld, kürzere Arbeitszeiten oder zusätzliche Urlaubstage – nein, sie wehren sich gegen Trumps-Politik. Hintergrund des Streiks ist nämlich folgender: Von der FIFA und den Stadionbetreibern forderte die Beschäftigten eine Garantie, dass keine Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE das Gelände betreten dürfen. Die Gewerkschaft erklärt: „Die Beschäftigten müssen das Recht haben, die Arbeit niederzulegen, wenn Beamte der US-Einwanderungsbehörde das Stadion betreten und dadurch eine begründete Angst um ihre Sicherheit entsteht – kein Beschäftigter sollte zwischen seinem Arbeitsplatz und seiner Freiheit wählen müssen.“
Die Urabstimmung und mit ihr der Streik wurde möglich, weil ein zentraler Tarifvertrag für die Stadionmitarbeiter*innen zuletzt ausgelaufen war. Das macht die Forderung der Gewerkschaftsmitglieder noch eindrücklicher: Das ICE-Verbot stellten sie kollektiv höher als andere Tarifinhalte, unabhängig davon, dass nicht alle von ihnen einer von der Trump-Regierung marginalisierten Gruppe angehören. Es ist gelebte Solidarität – gelebte Solidarität mit Folgen: Denn Ersatz für die zumeist im gastronomischen Bereich eingesetzten Stadion-Mitarbeiter*innen ist so kurzfristig wohl kaum noch zu organisieren. Auch, da alle für die WM akkreditierten Personen erst noch einen Sicherheitscheck der lokalen Behörden durchlaufen müssen. Nichtsdestweniger sind Stadionbetreiber und FIFA nicht auf die Forderungen der Gewerkschaft eingegangen. Der Co-Präsident von UNITE HERE Local 11, Kurt Petersen, erklärte, dass die Verhandlungspartner „die Bedenken und Forderungen nicht ernst genug nehmen“. Die Konsequenzen werden nun für alle Stadionbesucher*innen sichtbar sein. Kein Getränkeverkauf – gerade bei der Hitze in den USA ist das eine weitere außergewöhnliche Situation.
Die FIFA steht währenddessen ziemlich untätig daneben. Und das sogar während in die Organisation der Austragung seitens der US-Regierung massiv eingegriffen wird. So wurde jüngst der somalische Schiedsrichter Omar Artan, ausgezeichnet bester afrikanischer Schiedsrichter des vergangenen Jahres, trotz gültigem Visums an der Einreise in die USA gehindert. Der Schiedsrichter habe „aufgrund von Bedenken im Rahmen der Sicherheitsüberprüfung“ nicht einreisen dürfen – so teilte es die Grenzschutzbehörde CBP mit. Dabei nannte die CBP keine näheren Informationen zu dem Vorgang, gab keine konkrete Begründung, Somalia steht jedoch auf einer Einreiseverbotsliste der US-Regierung. Und Präsident Donald Trump selbst hat sich in der Vergangenheit mehrfach abschätzig über Menschen aus Somalia geäußert. Die FIFA wiederum bestätigte den Vorgang – und das überraschend emotionslos: Man sei „nicht an den Einwanderungsverfahren des Gastgeberlandes beteiligt, einschließlich der Entscheidung über Visaanträge, und wurde von den Behörden darüber informiert, dass sich der Status von Herrn Artan derzeit nicht ändern wird“, teilte der Verband nämlich mit. Und verschwieg dabei, dass er als Ausrichter der Weltmeisterschaft ja sehr wohl Druckmittel gegenüber der US-Regierung, der man ja immerhin den eigens dafür erfundenen FIFA-Friedenspreis verliehen hat, gehabt hätte. Doch die lässt die FIFA offenbar verpuffen – den vielbeschworenen Sportsgeist gibt es unter Gianni Infantino eben maximal auf dem Rasen.
Zwischen FIFA-Frust und WM-Lust: Was tun?
Apropos: FIFA-Boss Infantino möchte die WM 2034 unbedingt an Saudi-Arabien vergeben. Das aber wäre nach dem eigentlichen Vergabe-Rhythmus gar nicht möglich. Denn eigentlich gilt, dass das Turnier zwischen allen Kontinenten wechseln soll. 2010 fand es in Afrika statt, 2014 in Südamerika, 2018 in Europa, 2022 in Asien – jetzt also in Nordamerika. Doch weil auch Mexiko sich an der Austragung beteiligt, gilt damit auch Mittelamerika als „abgehakt“. Noch krasser wird es aber ja bei der WM 2030, bei der Europa, Afrika und erneut Südamerika bespielt werden: Marokko (für Afrika) sowie Portugal und Spanien (für Europa) sind die Hauptaustragungsländer. Je ein Spiel wird aber auch in Uruguay, Argentinien und Paraguay (für Südamerika) ausgetragen. Damit wäre, zumindest in Infantinos-Logik, der Weg frei für eine erneute WM-Vergabe nach Asien. Das Turnier gehört längst nicht mehr seinem ursprünglichen Sinn, nämlich Austausch und Verbindung zu schaffen, sondern den finanziellen Interessen des FIFA-Chefs.
Genug Gründe also, die anstehende Weltmeisterschaft nicht zu verfolgen. Zumal diese Kritikpunkte auch nur eine Auswahl darstellen und man die Liste sogar noch erweitern könnte. Und das ist richtig bitter. Denn für Fußball-Nerds gebe es sportlich-gesehen nämlich eigentlich verdammt viele Gründe, um sich für das Turnier zu begeistern: Die Mannschaften, die dank der WM-Erweiterung auf 48 Mannschaften, erstmals oder erstmals seit langer Zeit wieder bei einer WM-Endrunde dabei sein werden. Neue Mannschaften kennenlernen, sehen, wie der Fußball in ganz anderen Teilen der Welt interpretiert wird und währenddessen mal schnell bei Wikipedia noch ein paar politische oder kulturelle Fakten dazulernen: Exakt das macht eine WM aus. Völkerverständigung at its best.
Und zu bestaunen gebe es ja vieles: Seit Anfang Juni 2025 ist zum Beispiel auch erstmals überhaupt die zentralasiatische Republik Usbekistan qualifiziert. Ebenfalls gibt es eine Premiere für Jordanien. Aus Europa sind es vor allem Österreich und Schottland, deren Teilnahmen überraschen. Panama, Curacao und Haiti haben sich die Tickets für Nord- und Mittelamerika gesichert. Auch für Curacao ist es eine Premiere. Der karibische Inselstaat mit 156.000 Einwohner*innen ist sogar der kleinste WM-Teilnehmer der Historie nach Island 2018 (353.000 Einwohner*innen). Und über die erstmalige WM-Quali der afrikanischen Mannschaft aus Kap Verde hat FanLeben.de ebenfalls bereits berichtet. Hinzu kommen unter anderem Tschechien, Bosnien-Herzegowina, endlich wieder die Türkei, Schweden, Ghana, der Senegal, Südafrika und die Elfenbeinküste. Und natürlich ist auch Guillermo Ochoa wieder mit dabei – für den mexikanischen Torhüter ist es wie für Lionel Messi und Cristiano Ronaldo schon die sechste WM-Teilnahme. Der Schotte Craig Gordon wird mit seinen 43 Jahren übrigens wohl der älteste WM-Teilnehmer ever, der Mexikaner Gilberto Mora mit seinem 17 Jahren – wie einst Pelé – als einer der jüngsten Spieler in die Geschichte eingehen.
Kurzum: Die FIFA kann mit der Weltmeisterschaft einen Beitrag zu internationalem Austausch und Völkerverständigung leisten – aber sie entscheidet sich immer wieder dafür, mit dem Turnier Anti-Demokrat*innen eine Bühne zu bieten und auch bei der konkreten Ausgestaltung des Turniers nicht auf ihre gesellschaftliche Verantwortung zu achten. Und sie sorgt ganz nebenbei auch noch für massive Umweltverwerfungen, denn auch ein Turnier mit größerem Teilnehmendenfeld wäre ja ohne diese weitreichenden Klimafolgen organisierbar gewesen.
Es gibt verdammt viele Gründe, die Weltmeisterschaft zu boykottieren. Das ist unstrittig.
Es gibt aber auch mindestens zwei Gründe, trotzdem die Spiele zu verfolgen: Der erste ist, dass man nur so hinsehen kann, was rund um die Spiele insbesondere in den USA passiert – und die öffentliche Aufmerksamkeit ist der beste Schutz gegen Trump-Willkür. Der zweite ist, dass man sich all das Gute, das eine WM bedeuten kann, nicht von der FIFA nehmen lassen will. Wobei der Grund natürlich etwas naiv ist.
Heute Abend beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft.
Hoffen wir, dass sich im Fußball ansonsten irgendwann mal etwas zum Besseren verändert.
