Aleksandar Pavlović musste vor dem heutigen Auftaktspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft einräumen, dass Auftaktgegner Curaçao für ihn ein ziemlich unbeschriebenes Blatt ist: „Ich kannte das Land gar nicht“, gestand der Mittelfeldspieler des FC Bayern in einem Interview. Macht nichts, denn neben all den Schattenseiten, die ein FIFA-Turnier so mit sich bringt, kann ja gerade das ein großer Gewinn einer Weltmeisterschaft sein: Dass man viel Neues über die Welt lernt. Schauen wir also gemeinsam auf Curaçao – hier alles, was ihr heute Abend wissen müsst.

Curaçao ist seit ungefähr 4000 v. Chr. besiedelt. Ein kleiner Teil der heutigen Einwohner stammt von den indigenen Arawak ab. Seit 1499 ist die Insel von Europäern kolonialisiert. Viele der heutigen Einwohner*innen stammen von ehemals von den Europäern versklavten Afrikanern ab. Die Landessprache Papiamentu erzählt dabei viel von der kolonialen Vergangenheit des Landes. Denn in ihr kommen Einflüsse aus dem Arawak zusammen, das die Indigenen sprachen, die die Spanier bei ihrer Kolonialisierung fast vollständig versklavten und deportierten; aus dem Spanisch der ersten Kolonialherren; aus Portugiesisch, das die westafrikanischen Sklaven sprachen, die von ihnen auf die Insel gebracht wurden; und aus Niederländisch, das die Niederländer mitbrachten, als sie die Kolonie Curaçao von den Spaniern eroberten. Erst 2005 erlangte Curaçao seine politische Selbstständigkeit: Damals stimmte eine große Mehrheit der Einwohner*innen bei einem Volksentscheid für den heutigen Status des Landes, seitdem ist man eine autonome Republik als Teil des niederländischen Königreichs. Dennoch: Bis heute hätten die Curaçaoer*innen keine Entschädigung für die Sklaverei von den Niederlanden erhalten.

Gleichzeitig hat der Autonomie-Status für die Curaçaoer auch Vorteile: Die Menschen haben automatisch die niederländische Staatsangehörigkeit und damit Zugang zur EU. Fast so viele Curaçaoer*innen leben heute in den Niederlanden wie in Curaçao. Der Zugang zur EU fördert dabei aber auch die lokale Wirtschaft, die vor allem vom Tourismus lebt. Aber auch die Erdölgewinnung ist ebenso relevant wie die strategisch relevante Lage als Tor zur Karibik, die Curaçao zu einem wichtigen Logistik-Standort macht.

Politisch ist Curaçao heute eine parlamentarische Demokratie. Seit der Auflösung der Niederländischen Antillen im Jahr 2010 verfügt die Karibikinsel über ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung und eine eigene Verfassung, während Außenpolitik, Verteidigung und Staatsangehörigkeitsrecht weiterhin auf Ebene des Königreichs geregelt werden. Politisch wird Curaçao derzeit von der nationalkonservativen Partei MFK (Movementu Futuro Kòrsou) unter Ministerpräsident Gilmar Pisas dominiert. Bei der Parlamentswahl 2025 errang die Partei erstmals in der Geschichte des Landes eine absolute Mehrheit von 13 der 21 Sitze und regiert seitdem ohne Koalitionspartner. Bestimmende politische Themen sind neben dem Verhältnis zu den Niederlanden aktuell vor allem Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Umweltschutzes.

Und sportlich? Dabei trumpft der Inselstaat durchaus mit einigen bekannten Namen auch aus dem deutschen Fußball auf. Der bekannteste sitzt dabei natürlich als Trainer auf der Bank: Dick Advocaat, der heute 78-jährige kam 2004 als Chefcoach zu Borussia Mönchengladbach und blickt heute optimistisch aufs Turnier: „Wir wollen es jedem Gegner so schwer wie möglich machen. Und wir sind sicherlich nicht chancenlos“, sagte der zwischenzeitliche niederländische Bondscoach. „Jeder kann überraschen. Warum nicht Curaçao?“

Und dabei helfen ihm durchaus einige Spieler, die dem deutschen Fußball ganz gut kennen: Da ist zum Beispiel Jürgen Locadia. Der spielte in der Bundesliga für die TSG Hoffenheim und den VfL Bochum. In elf Spielen für die TSG erzielte er in der Hinrunde 2019/2020 stolze vier Tore. Trotzdem wurde das Leihgeschäft bereits im Januar wieder beendet. Zwei Jahre später kam Locadia ins Ruhrgebiet. Beim VfL Bochum erzielte er in elf Spielen zwei Tore. Erneut war dabei nach einem halben Jahr Schluss. Seitdem spielte im Iran, in China und in Spanien. Die WM jetzt ist für den 32-Jährigen dabei ein sprtliches Heimspiel, immerhin steht er inzwischen bei Miami FC unter Vertrag.

Ein weiteres Beispiel: Tahith Chong stand er bei Manchester United unter Vertrag, doch dem trickreichen und pfeilschnellen Außenbahnspieler gelang bei den Red Devils nie wirklich der Durchbruch. 2020 wurde er darum an Werder Bremen ausgeliehen. Doch auch an der Weser konnte sich Chong nicht wirklich durchsetzen. Heute spielt er bei Sheffield United in der zweiten englischen Liga, in der abgelaufenen Saison kam er da auf 21 Einsätze und eine Torvorlage. Trotzdem steckt situation viel in Chong: Beim letzten Test Curaçaos vor dem heutigen Spiel gegen Schottland traf er nämlich spektakulär zur 1:0-Führung. Dabei eroberte er in der 17. Minute als Rechtsaußen im Zentrum gekonnt den Ball, übersprintete dann nahezu die gesamte Abwehr der Schotten und zog anschließend in die Mitte, wo er Innenverteidiger John Souttar alt aussehen ließ, bevor er seinen sehenswerten Angriff mit einem erfolgreichen Torabschluss vollendete.

Weiter geht es mit Gervane Kastaneer. Der spielte in der Saison 2017/2018 beim 1. FC Kaiserslautern. Damals stieg man aus der 2. Bundesliga ab. Jetzt war er Curaçaos erfolgreichster Torschütze in der Qualifikation. Fünf Tore in sechs Spielen gelangen dem Angreifer. Joshua Brenet wiederum wurde mit der PSV Eindhoven dreimal niederländischer Meister, bevor er sich 2018 der TSG Hoffenheim anschloss, vier Jahre blieb er im Kraichgau, kam aber auch verletzungsbedingt kaum zum Zuge. Und Riechedly Bazoer wechselte Anfang 2017 zum VfL Wolfsburg und wurde auf anhieb Stammspieler beim Werksklub, den er mit guten Leistungen zum Klassenerhalt in der Bundesliga führte. Seine Rolle als Rechtsverteidiger verlor er daraufhin jedoch wieder und zog 2019 nach zwei zwischenzeitlichen Leihen deswegen weiter.

Jordi Paulina ist der einzige Profi Curaçaos, der aktuell in Deutschland spielt. Im Januar 2026 wechselte der Mittelstürmer von Borussia Dortmunds U23 zu Fortuna Düsseldorf. Ein Treffer gelang ihm für den Absteiger nicht, dafür ist seine Quote im Nationalteam stark: Zwei Tore in zwei Spielen, beide erzielt als Joker beim 7:0-Kantersieg in der WM-Qualifikation gegen Bermuda. Kurios: Innenverteidiger Roshon van Eijma wurde 2021 vom damaligen Regionalligisten Preußen Münster sogar aussortiert, nachdem er in die Nationalmannschaft Curaçaos berufen worden war. Peter Niemeyer, seinerzeit Sportdirektor der Preußen, erklärte: „So schön es ist, einen Nationalspieler in den eigenen Reihen zu haben, so groß sind auch die damit verbundenen Schwierigkeiten. Für einen Regionalligisten, der in seinem Spielplan keine Länderspielpausen vorgesehen hat, waren die vielen Abstellungen am Ende leider nicht mehr realisierbar.“ Heute spielt von Eijma in der niederländischen Erendivision, da sind Länderspielabstellung natürlich kein Problem mehr.

180.000 Menschen leben in Curaçao – weniger als in jedem anderen WM-Land jemals. Die Geschichte des Landes aber ist bedeutsam und es lohnt sich mehr über sie und das Land heute zu lernen, gerade für uns Europäer*innen. Für Aleksandar Pavlović hat sich die WM damit auf jeden Fall schon mal gelohnt.

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Von admin