Endlich: Weniger Sex(sells) in ARD und ZDF

ARD und ZDF sowie die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender aus anderen europäischen Ländern sind in der European Brodcasting Union zusammengeschlossen. Die EBU vertritt die Interessen der Fernsehsender, klar, sie stellt aber auch gemeinsame Leitlinien für ein verantwortungsvolles Programm auf. Letzteres unter anderem in der Zusammenarbeit mit Expert*innen wie European Athletics, der europäischen Athlet*innenvereinigung.

Denn insbesondere den Athletinnen passte so manche TV-Übertragung in der Vergangenheit – zurecht – gar nicht. Denn viel zu oft werden bei Sportübertragen die weiblichen Körper betont, ja, sogar sexualisiert, anstatt die sportlichen Leistungen zu dokumentieren. Deswegen haben sich EBU und European Athletics auf ein gemeinsames Papier geeinigt, dass neue Leitlinien für Sportübertragungen festlegt.

Unter anderem haben die britische Olympia-Stabhochspringerin Holly Bradshaw, die serbische Weitspringerin Ivana Španović und die kroatische Hochspringerin Blanka Vlašić an dem Papier mitgewirkt. Und die verabredeten Regeln – die ausdrücklich keine Verbote sein sollen – sind erfreulich präzise: Zukünftig sollen keine aufdringlichen Nahaufnahmen von Körpern mehr gezeigt werden, keine tiefen Kamerawinkel, die enthüllende Perspektiven einfangen, und keine Zeitlupenwiederholungen, die keinen technischen oder erzählerischen Mehrwert haben.

Konkret benennt „Raising the Bar„, so der Titel des Papiers, drei Kategorien von Aufnahmen, die Produktionsteams künftig vermeiden sollen:

  • Aufdringliche Nahaufnahmen von spezifischen Körperteilen – Brust und Gesäß –, die den Fokus von der sportlichen Leistung ablenken.
  • Tiefe Rückansichten aus sehr niedrigen Winkeln, direkt von hinten oder von unten, besonders verbreitet und nun ausdrücklich unerwünscht bei Hoch- und Weitsprung sowie Sprintrennen.
  • Zwecklose Zeitlupenwiederholungen, die keinen technischen Mehrwert liefern, denn genau diese Clips werden, wie das Dokument festhält, aus dem Kontext gerissen und auf Social Media missbraucht, was zu Online-Belästigungen führt.

Die Begründung von Španović, Vlašić und Bradshaw: Eine übergriffige Kameraarbeit verursacht Angst während des Wettkampfs. Damit muss Schluss sein! Bradshaw macht deutlich: Sie und andere Athletinnen seien in Wettkampfsituationen zuletzt sogar so abgelenkt von den Kamerapositionen gewesen, dass sie sich nicht mehr auf ihre eigene Leistung konzentrieren konnten. Bradshaw berichtet außerdem, dass sie Hasskommentare erhalten und „unangemessene Videos“ von sich und Kolleginnen gesehen hat,  zusammengeschnitten aus Zeitlupenaufnahmen bei Wettkämpfen.

Was stattdessen gezeigt werden soll: der vollständige Anlauf, der Absprungmoment, die Landung. Die Bewegung als Ganzes. Die Technik und Leistung der Athletin. Kurzum: Der Sport eben. Wie es bei männlichen Athleten ja auch funktioniert.

Das Dokument richtet sich an alle, große Produktionen und kleine Crews, und will einen klaren, gemeinsamen Standard schaffen. Glen Killane, Executive Director of EBU Sports, sagt, Frauensport verdiene es, „auf gleicher Augenhöhe gesehen, berichtet und wertgeschätzt zu werden“. Dobromir Karamarinov, Präsident von European Athletics, verweist auf die „Race for Respect“-Initiative seines Verbandes und betont das Ziel, den Sport so zu präsentieren, dass er alle Athlet*innen respektiert und stärkt, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hintergrund.

Das Papier ist überfällig – und hart erkämpft. Jedes Bisschen mehr an Gleichberechtigung, jedes Bisschen weniger an Sexualisierung musste aufwendig von den Athletinnen durchgesetzt werden. Handballerinnen wehrten sich gegen weiße Hosen, Beachvolleyballerinnen forderten, wie ihre männlichen Kollegen auch, im Shirt statt im Bikini antreten zu dürfen. Immer wieder wurden sie zurückgewiesen – weil ihre Sportverbände sich auch über ihre Sexualisierung vermarkten wollten. Da ist es kein Wunder, dass Frauensport gesellschaftlich oft weniger respektiert wird.

In der Leichtathletik wird das jetzt endlich anders. Das ist eine gute Nachricht. Viel zu tun bleibt trotzdem. Um es in Fernsehsprache zu sagen: bleiben wir dran!

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin