Stell Dir vor, Du bist 90 Jahre alt und verwitwert – was würdest Du tun?
Vielleicht ja Tischtennis-Weltmeister werden! Denn genau diese Antwort hat sich Hans Nolte auf diese Frage gegeben. Bei den Senioren-Weltmeisterschaften in Südkorea holte sich der Kirchweyher im Juni gleich zwei Medaillen – die Goldmedaille im Einzel und Silber im Doppel.
Dabei begann die Weltmeisterschaft für Nolte gleich mit einem wirklich glücklichen Zufall: „Als ich meine Startnummer gesehen habe, da habe ich gedacht, das muss doch was bedeuten. Es hat mir gleich Sicherheit gegeben. Ich dachte, das kann ja nur was Gutes werden, und tatsächlich, es hat geklappt.“ Über 2.500 Teilnehmer*innen nahmen an der WM teil und Nolte bekam durch Zufall Startnummer 1935 – sein Geburtsjahr. Weitere Glücksbringer: Seinen Tischtennis-Freundinnen Beate Koch, Joanna Jerominek und Danuta Brennecke, die mit ihm nach China gereist waren. Wie „Cheerleader“ haben sie ihn am Spielfeldrand angefeuert und motiviert, berichtet den Senior. Und weiter: „‘Hans, der kanns!‘, haben sie geschrien und mit Lametta gewunken. Sie haben auch das Publikum animiert und das war wirklich toll.“
Doch eine Extra-Portion Mut hätte Nolte dabei eigentlich gar nicht nötig gehabt. Immerhin nahm er bereits 2006 bei der Weltmeisterschaft in Bremen teil, nach langer Pause folgte 2024 dann die Reise nach Rom. Seinen bis dato größten Erfolg heimste der Rentner bei den Senioren-Europameisterschaften 2025 im serbischen Novi Sad ein, wo er in der Ü90-Konkurrenz sowohl im Einzel als auch im Doppel die Goldmedaille holte. Die lange Reise nach Asien zu den Weltmeisterschaften schreckte den gebürtigen Nienburger nicht ab. Mit einer klaren Mission meldete er sich schließlich für das Turnier an: „Ich bin ja zweifacher Europameister, im Doppel und im Einzel. Da habe ich mir gedacht, einer muss Europa vertreten. Ich hatte den Anspruch darauf und dachte mir: Melde dich einfach an“, lacht Nolte. Auch aus sozialen Gründen sei das wichtig: „Mit dem Tischtennis habe ich immer Bekannte gehabt, auch Freunde. Und das hat mir immer geholfen, denn ich hatte immer gleich Kontakt.“
Beim SV Kirchweye trainiert Nolte dabei ganz regelmäßig mit den Senior*innen des Vereins – also Spieler*innen, die bis zu 70 Jahren jünger sind als er selbst. Ein Geheimnis seines Erfolgs. Das nächste? Seine Gegnerbeobachtung: „Ich beobachte immer. Ich schaue mir die Gegner an und merke, der kann gefährlich werden, er bewegt sich anders, er läuft die Treppen anders hoch und so weiter.“ Diese Mischung zahlt sich offenbar aus, denn in seiner Klasse, den Senioren Ü90, verlor Nolte im gesamten Turnierverlauf kein einziges Spiel. Selbst gegen die harte Konkurrenz aus China setzte gewann der ehemalige Postbeamte . Im Halbfinale bezwang er so den Chinesen Tong Ling mit einem knappen 3:2, ehe er sich im Finale gegen Zongxi Zhang, ebenfalls aus China, mit einem klaren 3:0 zum Weltmeistertitel krönte. Wow! „Als ich dann aber gewonnen habe, da war ich schon sehr erleichtert und habe mich sehr gefreut“, sagt Nolte.
Doch dass Nolte überhaupt an der Weltmeisterschaft teilnehmen konnte, hat einen traurigen Hintergrund: „Meine Frau war sehr krank. Wir konnten deshalb nicht weit weg sein. Ich habe da meine Pflichten als Ehemann erfüllt und sie gepflegt. Und das habe ich auch nie bereut.“ Nolte verzichtete daher – seit 2006 immerhin 20 Jahre – lang auf die Teilnahme an internationalen Großturnieren, konnte aber immerhin regelmäßig bei nationalen Turnieren wie den Senioren-Landesmeisterschaften mitspielen. Nun ist Nolte seit vier Jahren Witwer. Der Tischtennissport habe ihm in der Zeit nach dem Tod seiner Frau besonders geholfen. „Hätte ich meinen Verein, den SV Kirchweyhe, nicht gehabt, dann wäre das für mich extrem schwierig gewesen. Von Anfang an hatte ich aber dadurch Ablenkung. Meine Vereinskollegen haben mich immer motiviert, weiterzumachen.“ Als sein Doppelpartner Horst aus Salzgitter ebenfalls Witwer wurde, kamen die beiden auf eine wegweisende Idee: Sie fliegen nach Rom zu den Senioren-Weltmeisterschaften 2024! „Ich war ja alleine. Ich konnte machen, was ich wollte. So bin ich darauf gekommen, nach Rom zu fliegen“, erinnert sich Nolte. Und so etwas kann schnell süchtig machen: „Da habe ich Lust bekommen, viel trainiert und bei den Europameisterschaften im nächsten Jahr klappte es ja auch sofort. Drei Veranstaltungen, vier Medaillen, das ist doch ein wirklich positives Ergebnis.“
Das Fazit des frischgebackenen Weltmeisters: „Tischtennis hat mich immer fitgehalten“, lacht Nolte. „Ich kann nur jedem empfehlen, sich zu bewegen. Hierfür muss man auch kein Spitzensportler sein.“ Auch wenn so eine Senioren-WM natürlich besonders Spaß macht. Gleichzeitig zeigt sich Nolte aber auch dankbar, denn Gesundheit ist für ihn nicht selbstverständlich: „Ich habe auch einfach Glück gehabt. Mein Schicksal ist eben so gelaufen, dass ich immer noch gesund bin und mich bewegen kann.“
Mittlerweile hat Hans Nolte einen eigenen Medallienschrank angesammelt. In diesem Jahr wurde er in seiner Heimatgemeinde zudem als Sportler des Jahres ausgezeichnet. Ein schöner Schlusspunkt der Sportkarriere? Mitnichten: „Ich werde öfter gefragt: ‚Warum machst du das eigentlich noch?‘ – aber es macht mir einfach Spaß. Wenn es mir kein Spaß machen würde, dann würde ich es ja auch nicht machen. Ich habe auf jeden Fall noch sportliche Ziele.“
Schön, wenn Sport Menschen Hoffnung gibt!
