Viele deutsche Sportfans fiebern dem heutigen Vormittag entgegen: Zum ersten Mal wird der neue Männer-Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp einen Kader nominieren, die ersten Länderspiele seit der enttäuschenden Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko stehen an. Doch während Fußball-Deutschland auf den Neustart wartet, begeistert eine andere deutsche Nationalmannschaft ausgerechnet an dem Ort, an dem das prestigeträchtigste Nationalteam so bitter enttäuschte, in Nordamerika.
Und darum geht es: Die deutschen Rollstuhlbasketballer haben bei der Weltmeisterschaft in Kanada für eine historische Überraschung gesorgt. Im Viertelfinale in Ottawa besiegte das Team von Bundestrainer Jan Haller Titelverteidiger USA mit 67 zu 64 Punkten. Nach Bronze bei den Paralympics 2024 und EM-Bronze im darauffolgenden Jahr lebt nun auch der Traum von einer WM-Medaille. Im Halbfinale trifft die Haller-Elf jetzt auf Australien. Bester Werfer der deutschen Mannschaft war Aliaksandr Halouski mit 23 Punkten. Aufseiten der USA kam Jorge Salazar auf 26 Zähler.
„Wir haben von der ersten Sekunde bis zur letzten an den Erfolg geglaubt, stark verteidigt und die US-Amerikaner zu schwierigen Würfen gezwungen“, erklärt Co-Kapitän Thomas Böhme den Erfolg. Sein Fazit: „Heute hat die Defense den Unterschied gemacht.“ Zudem habe sich die Mannschaft auch von Rückschlägen nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Es war einfach eine unfassbar tolle Teamleistung“, so Böhme.
Dabei kamen die USA zunächst sogar besser ins Spiel und gingen zwischenzeitlich mit 10:4 in Führung. Deutschland antwortete durch einen Dreier von Böhme. Kurz darauf verkürzte Matthias Güntner mit seiner ersten Aktion nach seiner Einwechslung auf 9:10 (7. Minute). Mit seinem Treffer zum 13:12 brachte Böhme die deutsche Mannschaft erstmals in Führung. Bis zur ersten Viertelpause wechselte die Führung allerdings erneut. Anschließend entwickelte sich eine ausgeglichene Partie, die vor allem von intensiver Defensivarbeit geprägt war. Sobald sich eine Mannschaft einen kleinen Vorsprung erspielte, schlug der Gegner mit einem Dreier oder einer kurzen Punkteserie zurück. Auch im dritten Viertel blieb das Spiel eng. Gegen Ende konnte sich Deutschland jedoch einen leichten Vorteil verschaffen. Halouski und Böhme überzeugten mit hoher Treffsicherheit, während Brian Bell und Jorge Salazar für die USA punkteten. In der 27. Minute lag Deutschland nach einem 40:35 erstmals mit fünf Punkten vorne. Bis zum Ende des Viertels schmolz der Vorsprung jedoch wieder auf einen Zähler. Im letzten Viertel blieb die Partie bis kurz vor Schluss völlig offen. Bis 37 Sekunden vor dem Ende wechselte die Führung insgesamt fünfmal. Auch Halouski trug mit einem Dreier in der 36. Minute dazu bei, dass Deutschland im Spiel blieb. Dann brachte Alexander Budde die deutsche Mannschaft mit seinem Treffer zum 65:64 erneut in Führung (40. Minute). Kurz vor der Schlusssirene wurde Böhme bei einem Drei-Punkte-Versuch gefoult. Zwei seiner drei Freiwürfe verwandelte er souverän und stellte damit den 67:64-Endstand her.
Deutschland steht damit erstmals seit 53 Jahren Jahrzehnten wieder in einem WM-Halbfinale – und darf weiter von der ersten WM-Medaille seit langer Zeit träumen.
Aber damit noch nicht genug: Auch die deutsche Frauen-Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft steht bereits im WM-Viertelfinale und kann sich mit einem Sieg heute fürs Halbfinale qualifizieren. Daumen drücken lohnt sich. Darum: Nach der Klopp-PK geht vielleicht so mancher Blick deutscher Sportfans zurück nach Nordamerika.
