Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens, eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé, den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung, den Zerfall Jugoslawiens und das sowjetische Ungarn berichtet haben, geht es heute um einen WM-Torschützen ohne Schuh. Los gehts!
Straßburg, 5. Juni 1938. Es regnet im Stade de la Meinau. Der Platz ist aufgeweicht, der Ball schwer, die Bedingungen schwierig. Tausende Zuschauer sind gekommen, um das Achtelfinale der Weltmeisterschaft zwischen Brasilien und Polen zu sehen.
Sie werden ein Spiel erleben, das bis heute zu den torreichsten der WM-Geschichte gehört. Elf Tore fallen in 120 Minuten. Ein Spieler trifft viermal und verliert trotzdem. Ein anderer erzielt drei Tore und wird zum entscheidenden Mann der Partie. Und um eines seiner Tore rankt sich bis heute die Geschichte, er habe es barfuß im Schlamm erzielt.
Am Ende steht es 6:5 für Brasilien nach Verlängerung. Nur das 7:5 zwischen Österreich und der Schweiz bei der Weltmeisterschaft 1954 brachte in einem WM-Spiel noch mehr Tore.
Die elf Tore sind allerdings nur ein Teil der Geschichte. Denn hinter diesem außergewöhnlichen Ergebnis stehen zwei Stürmer, deren Leben und Nachleben kaum unterschiedlicher hätten verlaufen können: der Brasilianer Leônidas da Silva und der Pole Ernest Wilimowski.
Polen nimmt 1938 zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Die Mannschaft verfügt über einen außergewöhnlichen Angreifer. Ernest Wilimowski ist erst 21 Jahre alt und spielt für Ruch Wielkie Hajduki aus Oberschlesien. Wenige Wochen vor der WM hat er beim 6:0 gegen Irland bereits vier Tore in einem Länderspiel erzielt.
Auf der anderen Seite steht Leônidas, einer der großen Stars des brasilianischen Fußballs. Der „Schwarze Diamant“ ist schnell, technisch versiert und für seine akrobatischen Aktionen bekannt. In Frankreich wird er zum Torschützenkönig des Turniers.
Doch zunächst geht es für beide Mannschaften nur um den Einzug ins Viertelfinale.
Brasilien beginnt besser. In der 18. Minute fällt das erste Tor. Leônidas bringt Brasilien mit 1:0 in Führung. Polen antwortet fünf Minuten später: Nach einem Strafstoß trifft Fryderyk Scherfke zum Ausgleich. Das Spiel ist damit bereits nach 23 Minuten auf seine Grundform reduziert: Brasilien greift an, Polen antwortet. Beide Mannschaften spielen offensiv, und die Partie entwickelt sich zu einem offenen Schlagabtausch. Brasilien ist zunächst die Mannschaft, die daraus mehr macht. In der 25. Minute trifft Romeu zum 2:1, kurz vor der Pause erhöht José Perácio auf 3:1. Zur Halbzeit scheint Brasilien auf dem Weg in die nächste Runde. Doch das Spiel ist noch lange nicht entschieden.
Nach dem Seitenwechsel verändert sich die Partie. Starker Regen erschwert die Bedingungen zusätzlich, und der aufgeweichte Platz macht das Spiel zunehmend unberechenbar. Genau in dieser Phase beginnt Wilimowski, die Begegnung an sich zu reißen. In der 53. Minute verkürzt er auf 2:3. Sechs Minuten später steht es 3:3 – wieder ist Wilimowski der Torschütze. Aus einem scheinbar komfortablen brasilianischen Vorsprung ist innerhalb weniger Minuten ein völlig offenes Spiel geworden. Brasilien findet allerdings erneut eine Antwort. In der 71. Minute trifft Perácio zum zweiten Mal. 4:3 für Brasilien. Damit scheint Polen erneut am Ende. Doch Wilimowski lässt sich nicht abschütteln. In der 89. Minute erzielt er sein drittes Tor des Spiels und stellt den Ausgleich her. 4:4. Nach 90 Minuten ist keine Entscheidung gefallen. Das Spiel geht in die Verlängerung. Und damit beginnt der vielleicht berühmteste Abschnitt dieser ohnehin außergewöhnlichen Partie.
Die Verlängerung ist gerade drei Minuten alt, als Leônidas erneut trifft. 5:4 für Brasilien. Mit diesem Treffer beginnt eine Geschichte, die sich bis heute um die Partie rankt: Leônidas soll im aufgeweichten Straßburger Rasen einen Schuh verloren haben und anschließend ohne diesen Schuh gespielt haben. Die FIFA selbst erzählt die Szene als Teil des Mythos um den brasilianischen Star und beschreibt, wie er im tiefen Schlamm seinen Schuh verliert und anschließend barfuß trifft. Für eine historische Rekonstruktion sollte man diese Episode allerdings mit einer gewissen Vorsicht erzählen. Die Torfolge und der Treffer in der 93. Minute sind dokumentiert; die genaue Geschichte darüber, wie Leônidas seinen Schuh verlor und unter welchen Umständen er anschließend spielte, ist dagegen vor allem durch spätere Berichte überliefert. Sie gehört zur Geschichte dieses Spiels – sie lässt sich aber nicht mit derselben Sicherheit rekonstruieren wie die, Achtung: Wortwitz, nackten Spieldaten.
So oder so: Brasilien führt wieder. Und Leônidas ist noch nicht fertig. In der 104. Minute fällt das 6:4. Wieder ist Leônidas der Torschütze. Damit hat der Brasilianer drei Tore erzielt. Es ist einer der großen Auftritte des Stürmers bei dieser Weltmeisterschaft, bei der er später mit insgesamt sieben Treffern Torschützenkönig wird. Brasilien scheint die Partie nun endgültig entschieden zu haben. Doch Polen hat noch einen letzten Angriff. In der 118. Minute trifft Wilimowski zum 6:5.
Es ist sein viertes Tor des Tages. Vier Treffer in einem WM-Spiel – und trotzdem wird er am Ende als Verlierer vom Platz gehen.
Die letzten Minuten übersteht Brasilien. Dann ist Schluss. Brasilien 6, Polen 5. Elf Tore, 120 Minuten und ein Spielverlauf, der sich kaum dramatischer hätte schreiben lassen.
Wilimowski ist damit der herausragende Torschütze des Spiels. Seine vier Treffer sind bis heute eine der bemerkenswertesten individuellen Leistungen der WM-Geschichte. Erst 1994 erzielt der Russe Oleg Salenko fünf Tore in einem WM-Spiel und übertrifft damit Wilimowskis Marke. FIFA führt Wilimowski entsprechend als Vierfach-Torschützen gegen Brasilien. Bemerkenswert ist auch sein Alter: Wilimowski ist erst 21 Jahre und 347 Tage alt und gehört damit zu den jüngsten Spielern, die bei einer Weltmeisterschaft drei oder mehr Tore in einem Spiel erzielt haben. Seine weitere Geschichte ist allerdings ungleich komplizierter. Wilimowski stammt aus dem politisch und national umkämpften Oberschlesien und spielt nach dem deutschen Überfall auf Polen später für die deutsche Nationalmannschaft. Der DFB führt acht A-Länderspiele für Nazi-Deutschland. Seine Biografie wird dadurch nach dem Krieg zu einem schwierigen Kapitel der polnischen Fußballgeschichte.
Auch Leônidas verlässt den Platz als historische Figur. Drei Tore hat er erzielt: das 1:0, das 5:4 und das 6:4. FIFA führt ihn gemeinsam mit Wilimowski in der offiziellen Übersicht der Hattricks und Mehrfach-Torschützen der WM-Geschichte. Der Brasilianer wird in den folgenden Wochen weiter für Aufsehen sorgen. Im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei erzielt er beim 1:1 im ersten Spiel Brasiliens Tor. Im Wiederholungsspiel setzt sich Brasilien mit 2:1 durch. Im Halbfinale gegen Italien fehlt Leônidas, Brasilien verliert 1:2. Anschließend gewinnt die Mannschaft das Spiel um Platz drei gegen Schweden mit 4:2. Leônidas erzielt dabei zwei weitere Tore und beendet das Turnier mit sieben Treffern als Torschützenkönig. Sein Name wird deshalb eng mit der Weltmeisterschaft 1938 verbunden sein.
