Marc Kosiecke hat den deutschen Fußball schon einmal verändert. 2006 war das: Bis zur Heim-Weltmeisterschaft nämlich mussten alle Nationalspieler die Länderspiele immer in Adidas-Schuhen bestreiten. Kosiecke setzte damals durch, dass die Spieler auch beim DFB in ihren eigenen Schuhen auflaufen, heißt: Ihre privaten Ausrüster mit zum Verband bringen, durften. Ein netter Nebenverdienst für die Profis, für die DFB-Berufungen damit noch einmal attraktiver geworden sind.
Damals arbeitete der gebürtige Bremer Marc Kosiecke bei Nike, leitete in der Marketingabteilung die Sparte Fußball. Und hatte gerade – nämlich 2005 – Jürgen Klopp kennengelernt. Klopp hatte da nach dem ersten Bundesliga-Aufstieg des FSV Mainz 05 ebenso spektakulär den Klassenerhalt geschafft und war als Markenbotschafter bei Nike im Gespräch. Zwei Jahre später, also 2007, machte sich Kosiecke dann mit einer eigenen Beratungsagentur selbstständig und wurde unter anderem der Berater von Jürgen Klopp, den er dann zum BVB, nach Liverpool und in den RB-Kosmos brachte, dem er aber auch seine zahlreichen Werbepartnerschaften vermittelte.
Mit dem Job ist jetzt aber Schluss. „Marc ist kein Berater mehr“, gab Jürgen Klopp gestern bei seiner Antrittspressekonferenz als Bundestrainer bekannt. Stattdessen soll er Teil des Klopp-Teams beim DFB werden: „Er wird so etwas wie mein Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Organisation“, erklärte Klopp weiter. Die Begründung: „Es reicht nicht allein, wenn ein neuer Cheftrainer kommt. Wir müssen ganz viele Dinge ändern und da muss man auch Leute haben, die sich darum kümmern. Wir wollen jeden Stein umdrehen.“ Dafür gibt er den Posten als Geschäftsführer seiner Agentur „ProjectFive“ ab. Aber was bedeutet dieser neue Job?
Eine Anstellung beim DFB zumindest nicht – wie Präsident Bernd Neuendorf gestern wiederum deutlich machte: „Es war schnell klar, dass Jürgen und Marc so eng miteinander verwoben sind, dass sie nur im Paket zu haben sind“, sagte Neuendorf nämlich. „Wir haben das gerne gemacht. Marc wird sich um Organisation und Administratives kümmern, um Kommunikation und Sponsoren, so unser Verständnis. Er ist eine wichtige Schnittstelle zum Verband.“ Aber: Kosicke werde eben nicht als Mitarbeiter des DFB angestellt, „erhält aber jeden Zugang“, so der DFB-Präsident. Bei allen Themen hinter dem Team sei Kosicke „eng angebunden, bis hoch in mein Büro“. Einen Machtverlust fürchte er jedoch nicht: „Die Entscheidungen fallen aber natürlich, und das kann nicht anders sein, wenn er ein externerer Mitarbeiter ist, hier in den Gremien.“ Für die enge Anbindung spricht, dass Kosiecke gestern bei der Pressekonferenz in der ersten Reihe saß – neben Sportdirektor Rudi Völler und Generalsekretär Holger Blask.
Trotzdem: So ganz transparent ist die neue Rolle nicht. Auch wenn – in Anführungszeichen – nicht sportliche Co-Trainer im Fußball eine immer größere Rolle spielen. Roger Schmidt hat diesen neuen Berufsstand bei Bayer Leverkusen quasi erfunden, als er mit Jörn Wolf einen Co-Trainer für Kommunikation dazu holte. Den selben Job schaffte Alexander Zorniger für Jurek Rohrberg – wie Wolf zuvor als Sportjournalist tätig. Zorniger erklärte: „Ein Blick von außen ist für den Chef-Trainer enorm wichtig, dadurch können Synergien entstehen. Auch die Unterstützung meines Time-Managements ist ein wesentlicher Bestandteil der Aufgabe.“ Rohrberg wiederum sprach von „blindem Verständnis“, wenn er über seine Zusammenarbeit mit Zorniger spricht. Er sieht sich als organisatorisches und verbindendes Element, nahe am Platz, aber nicht als klassischer Trainer auf dem Feld, unter anderem im Austausch mit den sonstigen Staff-Mitgliedern.
Wieso es solche neuen Stellen braucht? Das begründet Jörn Wolf so: „Der Anspruch an einen modernen Chef-Trainer steigt immer weiter. Er muss die inhaltliche Komponente erfüllen: Taktische, physische und mentale Voraussetzungen schaffen, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Dazu kommt, Mannschaft und Organisation zu führen, sehr sorgfältig zu kommunizieren und eine leistungsfördernde Kultur aufzubauen und Menschen in ihren Stärken miteinander zu verbinden.“ Sein Fazit: Das könne ein Trainer alleine nicht mehr leisten. „Aus meiner Sicht ist die gezielte Unterstützung eines Chef-Trainers – gerade am Anfang der Karriere – von großer Wichtigkeit. In der Wirtschaft sind persönliche Berater von Top-Managern längst üblich.“ Am Anfang seiner Karriere steht Jürgen Klopp nun natürlich nicht mehr, „Jürgen Klopp hat keine Karriere nach dem DFB“, sagte er gestern, aber vor einer komplett neuen Herausforderung in einem neuen Arbeitsumfeld, denn „mit Fußballschuhen haben die mich hier zurecht nie reingelassen“, dafür sei der Bundestrainer-Posten „idealerweise der Höhepunkt meiner Karriere ist“.
Der Job von Marc Kosiecke ist aber natürlich trotzdem nochmal ein anderer. Und es bleibt spannend, wie viel Einfluss der Klopp-Intimus tatsächlich nehmen kann. Und wo: Rudi Völler arbeitet als Sportdirektor für die A-Nationalmannschaft der Männer, um dessen Aufgabenbereich dürfte es Kosiecke also nicht gehen. Sportgeschäftsführer Andreas Retting ist wiederum auch für die Akademie und die Nachwuchsarbeit zuständig, wird aber im Januar von Weltmeister Per Mertesacker abgelöst. Kann es ein Nachteil für den neuen Chef sein, dass bis dahin schon ein Klopp-Vertrauter alle Prozesse hinterfragt? Ein gemeinsamer Start wäre auf jeden Fall wünschenswert gewesen.
Apropos alles umdrehen: Marc Kosiecke war lange auch der Berter von Julian Nagelsmann, bis der 2021 die Agentur wechselte. Dafür trifft Kosiecke im DFB-Nachwuchs auf Hannes Wolf, einen langjährigen Klopp-Vertrauten, den er einst als Jugendtrainer zum BVB holte und der inzwischen als Nachwuchsdirektor für den DFB arbeitet. Wolf hat in den vergangenen Jahren viele Reformen eingeleitet, die noch gar keine Früchte tragen können. Trotzdem ist das fußballerische Nievau im Nachwuchs hoch, entscheidend wird sein, ob es Klopp mit seinem Team schaft, den Übergang in den Männer-Bereich besser zu organisieren. Da könnte Kosiecke ansetzen.
Und bei noch einem weiteren Thema: Der ehemalige Bundestrainer Julian Nagelsmann war nicht an Gesprächen mit Spielern beteiligt, die von einem anderen Verband abgeworben werden sollten. Aus Zeitgründen habe er es nicht geschafft, unter anderem um Can Uzun, der inzwischen für die Türkei spielt, oder Ibrahim Maza, der für Algerien aufläuft, zu werben. Das wird unter Klopp sicher anders. Und das kann nur gut sein.
