Traurig waren die meisten Fußballfans gestern nicht – und das nicht, weil Fußball-Deutschland kollektiv seine Liebe für den SC Paderborn entdeckt hätte. Nein, es war vor allem Schadenfreude, die der erste Bundesliga-Abstieg des VfL Wolfsburg auslöste. 29 Jahre hatte das VW-Team seit seinem Bundesliga-Aufstieg 1997 in der ersten Liga gespielt; nie abgestiegen zu sein, können jetzt nur noch der FC Bayern, die TSG Hoffenheim, der FC Augsburg und – naja – die SV Elversberg von sich behaupten. Auch ein eher weirder Klub.

Die Schadenfreude richtete sich dabei natürlich dagegen, dass der VfL Wolfsburg einer von drei Ausnahmeklubs von der 50+1-Regel in der Bundesliga ist. Der Klub wird vollständig von der Volkswagen AG, die ja ebenfalls in Wolfsburg ansässig ist, kontrolliert. Genauso wie die Bayer AG Bayer Leverkusen kontrolliert. Dritter Ausnahme-Klub ist RB Leipzig, hier kontrolliert zwar formal ein eingetragener Verein die Stimmrechtsmehrheit in der ausgegliederten Spielbetriebsgesellschaft, allerdings hat dieser Verein nur knapp 20 Mitglieder und alle stehen in direkter Verbindung zu Red Bull. Eine Fan- beziehungsweise Aktivenbeteiligung, wie es 50+1 ja eigentlich sein soll, ist auch das nicht.

Entsprechend voll waren die Kommentarspalten des VfL Wolfsburg, in denen es normalerweise eher ruhig zu geht, gestern Abend. Aus allen Teilen des Landes spotteten Ultras über den gestürzten Riesen, der damit übrigens erst der vierte Bundesligist ist, der seit der Wiedereinführung der Relegation 2009 den Gang in die zweite Liga antreten muss. Bislang erwischte es bei der Erstaustragung 2009 Energie Cottbus (gegen den 1. FC Nürnberg), 2012 Hertha BSC (gegen Fortuna Düsseldorf) und 2019 den VfB Stuttgart (gegen Union Berlin). Auch der VfL Wolfsburg selbst hatte schon zwei Mal von der Relegation profitiert und 2017 (gegen Eintracht Braunschweig) wie 2018 (gegen Holstein Kiel) auf diesem Wege die Klasse gehalten.

Das zeigt: Abzusteigen war für die Wölfe gestern keine besonders leichte Angelegenheit. Zumal mit dem achtwertvollsten Kader aller deutschen Fußballmannschaften. Und selbst obwohl Joakim Maehle schon in der 14. Minute mit Gelb-Rot vom Platz gefolgen war, brauchten die Paderborner die Verlängerung (und mehrfach ihren überragenden Torhüter Dennis Seimen), um sich letzendlich wirklich durchsetzen zu können. Das zeigt, wie außergewöhnlich der ostwestfälische Erfolg von gestern ist. Vor allem aber zeigt es, wie dramatisch schlecht es der VfL Wolfsburg in der zurückliegenden Spielzeit gemacht hat. Aber wie bitte schafft man es bei diesen materiellen Voraussetzungen abzusteigen? Gehen wir in die Analyse.

Es begann mit der Verpflichtung von Peter Christiansen als Sport-Geschäftsführer. Christiansen kam vom FC Kopenhagen aus Dänemark, wo es zuletzt auch nicht immer ideal lief. Christiansen rief den „Wolfsburger-Weg“ ins Leben, wollte den Klub zurück in die europäischen Wettbewerbe führen. Christiansens Problem: Weder er noch sein Sportdirektor Sebastian Schindzielorz, immerhin 2009 Meisterspieler in der Autostadt und als Sport-Geschäftsführer an der zwischenzeitlichen Bochumer Bundesliga-Rückkehr beteiligt, konnten erklären, wie ihr „Wolfsburger Weg“ aussehen sollte. Zugegeben: Sie haben es auch kaum versucht, beide galten als extrem medienscheu, dass man aber während eines Umbruchs Haltung und Orientierung braucht, vernachlässigten sie so komplett. Spätestens mit der Entlassung Schindzielorz‘ im November letzten Jahres war dann klar, dass auch Christiansen angezählt ist. Und so richtig stärkte der Aufsichtsrat um Chef Sebastian Rudolph und dem früheren Meisterkeeper Diego Benaglio seine Position dann auch nicht mehr, ließ ihn andererseits aber noch bis März weiterarbeiten. Das Ergebnis: Mehr Chaos, unorientiertes Handeln und obendrein eine verpasste Wintertransferperiode.

Darüber, wie schlecht der Plan der Wolfsburger Klub-Führung von Anfang an war, täuschte dabei allerdings zunächst der neue Trainer Weg: Paul Simonis. Ein 40-jähriger Niederländer, der völlig überraschend mit den Go Ahead Eagles Deventer niederländischer Pokalsieger geworden und den Klassenerhalt in der Erendevise souverän gemeistert hatte. Klang auf dem Papier gut. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Paul Simonis zuvor gerade einmal elf Monate als Chef-Trainer gearbeitet und seinen Deutsch-Crashkurs mal so eben im Kloster absolviert hatte.

Simonis hätte in der Bundesliga funktionieren können, er ist ein moderner Fußballtrainer, der Mannschaften entwickeln und auf den Punkt vorbereiten kann. Aber unter diesen Voraussetzungen war es unmöglich. Denn er fand nicht nur ein desorientiertes Umfeld vor, sondern auch eine vollkommen absurd zusammengestellte Mannschaft, der Führung in der Abwehr, Geschwindigkeit im Mittelfeld und Torgefahr im Angriff fehlte. Simonis wurde mit dem Spielerpotenzial dabei auch nie so richtig warm. Ein Beispiel: Vor der Saison wurde Vinicius Souza für 15 Millionen Euro von Sheffield United verpflichtet, gestern war der 26-jährige Brasilianer auch der mit Abstand beste Wolfsburger auf dem Platz. Souza, das konnte man dabei sehen, ist ein Sechser, erinnert ein wenig an Luiz Gustavo. Simonis aber setzte ihn kaum im defensiven Mittelfeld, dafür auf der Acht, der Zehn und in der Innenverteidigung ein. Das kann man dem Trainer anlasten – klar – es spricht aber auch dafür, dass er außer Souza kaum Spieler vorgefunden hat, die dem Spiel der Wölfe hätten Struktur geben können. Gegen die Kaderplanung sprechen auch die Abgänge: Ein Spielertyp wie Thiago Tomas hätte dem VfL Wolfsburg in dieser Saison sehr geholfen, auch auf den Flügeln fehlte Varianz, trotzdem gab man vor der Saison Jakub Kaminski ohne Not an den 1. FC Köln ab, wo er zum Stammspieler und Leistungsträger bei einem direkten Konkurrenten im Abstiegskampf avancierte.

Mitte Dezember kam dann Pirim Schwegler als neuer Sportdirektor zum VfL Wolfsburg. Schwegler, der zuvor unter Markus Krösche bei Eintracht Frankfurt gearbeitet hatte, sollte Peter Christiansen zuarbeiten, der aber ja wiederum schon stark angezählt war. Entsprechend unkoordiniert lief das Transferfenster: Für mehr als 20 Millionen Euro kamen mit Kento Shiogai, Jonas Adjetey, Jeanuel Belocian und Cleiton vier Spieler aus vier Nationen, Stammspieler wurde lediglich Belocian, Shiogai zeigte gestern immerhin, dass er ein spannendes Talent ist. Adjetey, zehn Millionen Euro teurer Innenverteidiger vom FC Basel, wiederum stand genau einmal in der Startelf. Viel Geld für (fast) nichts. Kein anderer Bundesligist gab im Winter mehr Geld aus als der kriselnde VfL Wolfsburg, direkte Konkurrenten wie der FC St. Pauli oder Heidenheim über Jahre nicht so viel. Man stelle sich vor, Frank Schmidt hätte in Heidenheim mit diesen Möglichkeiten operieren können oder Alexander Blessin hätte einen Vinicius Souza, einen Thiago Tomas oder einen Jakub Kaminski zur Verfügung gehabt. Wolfsburg hätte wahrscheinlich noch nicht einmal Relegation spielen können. Der VfL Wolfsburg hingegen verbrannte den eigenen Nachwuchstrainer Daniel Bauer, der auf Simonis gefolgt war und im März für Dieter Hecking weichen musste.

Zu diesem Zeitpunkt war der VfL Wolfsburg bereits die schlechteste Rückrundenmannschaft der Liga. Hecking machte dabei viel richtig: Verordnete der Mannschaft ein festes Spielsystem, setzte seine Spieler möglichst poistionsgetreu ein und gab den Spielern mit klarer Kommunikation und klaren Entscheidungen, wie der zwischenzeitlichen Suspendierung von Mohamed Amoura, Orientierung. Immerhin: Mit acht Punkten aus den letzten fünf Spielen rette er sein Team so in die Relegation. Da aber trat die Wolfsburger Mannschaft derat lustlos und fußballerisch dermaßen schwach und langweilig auf, dass der Abstieg nicht zu vermeiden war. Zugegeben: Gerade gestern hätte Hecking aber auch mutiger coachen können, hätte früher frische Spieler bringen können, als Paderborn langsam trotz Überzahl müder wurde. Immerhin war die Wolfsburg-Bank trotz allem breiter besetzt. Das Hecking sich diverse Wechsel bis in die zweite Hälfte der Verlängerung aufsparte: unbegreiflich. Trotzdem lag es an ihm nicht.

Der VfL Wolfsburg stürzt ab in die 2. Liga und fällt dennoch weich. 55 Millionen Euro soll der Spieleretat in der zweiten Liga betragen – Volkswagen machts möglich. Mehr Geld hatte in der zweiten Liga noch kein Klub zur Verfügung, einige können noch nicht einmal mit der Hälfte arbeiten und selbst in der Bundesliga kann man mit 55 Millionen Euro eine ordentliche Rolle spielen. Auch daher rührt der Frust vieler Fußball-Fans außerhalb Wolfsburg: Dass rund um die Autostadt einfach weiter gemacht werden kann, sich der Wiederaufstieg scheinbar erkauft statt erarbeitet wird. Das ist wirklich nicht gerecht. Und zeigt, dass nicht die 50+1-Regel das Problem ist und sondern die Ausnahmen von ihr.

Aber gut: Dass der VfL Wolfsburg mit viel Geld auch viel Schaden anrichten kann, haben wir das letzte Jahr über ja gut beobachten können. Manche mit Genuss. Dass die Wölfe direkt wieder aufsteigen – und dann vor allem wieder fast drei Jahrzehnte lang erstklassig spielen – ist da beim besten Willen noch nicht gesagt.

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Von admin