Immer wieder beschäftigen auch medizinische Fragen uns Fans. Auf FanLeben.de werfen wir deswegen in unregelmäßigen Abständen in unserer Reihe „Medizincheck“ einen Blick hinter die Diagnosen. In Teil eins ging es um die vielfältigen Aspekte eines Kreuzbandrisses, im zweiten um das Verhältnis der Italiener*innen zu Herzproblemen. Heute folgt eine moderne Trainingsergänzung.

Sein Name fehlt in keiner Auflistung von ehemaligen Bundesliga-Spielern mit ausgefallenen Namen: Jan-Ingwer Callsen-Bracker. Doch der frühere Leverkusen- und Augsburg-Profi erarbeitete sich nicht nur aufgrund des ungewöhnlichen Zweitnamens Kultstatus, obwohl er „nur“ knapp 200 Spiele in der Bundesliga und zweiten Bundesliga absolvierte, heute ist er im Fußball vor allem für seine Arbeit im Bereich neurozentrierten Training bekannt. Schon als Spieler beschäftigte er sich mit den entsprechenden Methoden, galt damals in Fachkreisen als Pionier, heute arbeitet er in der DFB-Akademie und baut diesen Trainingsbereich, in dem es vor allem um Verletzungsprävention geht, im deutschen Fußball immer weiter auf. Aber was steckt dahinter?

Callsen-Bracker selbst sagt: „Ich hatte nach einer Verletzung zu Beginn meiner Karriere längere Zeit Kompensationsmuster, die wiederkehrend zu muskulären Problemen geführt haben. Der Kontakt mit neurozentriertem Training war für mich dann ein Wendepunkt. Dadurch bin ich kräftiger, beweglicher und schmerzfrei geworden. Meine Leistungsfähigkeit hat sich aufgrund meiner erhöhten Bewegungsqualität deutlich verbessert. Diese Fortschritte haben mich angetrieben, das Training weiterzuführen und die Drills wurden Teil meines Alltags. Die Erfolge und das damit verbundene Gefühl der Selbstwirksamkeit haben mich motiviert, in das Thema tiefer einzusteigen und mich bereits zu meiner aktiven Zeit auf dem Gebiet weiterzubilden.“ Und richtig ist: Beim neurozentrierten Training, häufig auch Neuroathletiktraining genannt, steht nicht in erster Linie der Muskel im Mittelpunkt, sondern das Nervensystem.

Die Grundidee ist dabei ebenso einfach wie wissenschaftlich nachvollziehbar: Jede willkürliche Bewegung wird durch das zentrale Nervensystem gesteuert. Je besser das Nervensystem Informationen aus dem Körper und der Umwelt verarbeitet, desto präziser, effizienter und möglicherweise auch sicherer können Bewegungen ausgeführt werden. Für den Fußball bedeutet das: Jede sportliche Aktion beginnt lange bevor sich ein Muskel zusammenzieht. Das Gehirn und das übrige zentrale Nervensystem verarbeiten ununterbrochen Informationen aus dem gesamten Körper und der Umgebung. Auf Grundlage dieser Informationen wird gesteuert, wie stark Muskeln aktiviert werden, wie schnell Bewegungen erfolgen und wie der Körper auf Veränderungen reagiert.

Eine besondere Bedeutung haben dabei die Augen, das Gleichgewichtssystem im Innenohr und die Wahrnehmung der eigenen Körperposition. Die Augen liefern Informationen über Mitspieler, Gegenspieler*in, Ball und Raum. Das Gleichgewichtssystem informiert über Beschleunigungen, Kopfbewegungen und die Orientierung des Körpers. Gleichzeitig senden Muskeln, Sehnen und Gelenke fortlaufend Rückmeldungen darüber, wo sich einzelne Körperteile befinden und wie sie belastet werden. Auch weitere Sinnesinformationen wie Berührungsreize oder Schmerzsignale tragen zur Bewegungssteuerung bei.

Koordinierte Bewegungen beruhen wesentlich auf dem Zusammenspiel dieser Systeme. Der Sprint eines Flügelspielers, die Landung nach einem Kopfball oder ein schneller Richtungswechsel im Dribbling erfordern die Verarbeitung einer Vielzahl von Informationen innerhalb von Sekundenbruchteilen. Deswegen sieht DFB-Experte Callsen-Bracker auch einen so hohen Bedarf für sein Herzensthema: „Viele Spieler, die das Training täglich ausüben, spüren sofort einen Effekt und machen in der Regel weiter. Deshalb ist der Neurozentrierte Trainingsansatz zwar im Fußball angekommen, aber noch nicht vollständig etabliert. Wir beobachten aber ein steigendes Interesse in Spielerkreisen und innerhalb der Funktionsteams. Die Neugierde wächst und der Mehrwert, das eigene Training effizient zu unterstützen, wird immer mehr erkannt.“ Und immerhin: „Mit der Nachfrage wird auch das Angebot für neurozentriertes Training immer größer. Um diesen Ansatz aber effektiv anzuwenden, braucht es zwei Dinge: ausgeprägtes und fundiertes Wissen über neuronale Zusammenhänge sowie die praktische Erfahrung. Beides muss sich erst über Jahre entwickeln. Die Ausbildung neuer Experten auf diesem Gebiet ist sehr wichtig, um das Bewusstsein für das Training und gleichzeitig auch dessen Qualität weiter zu stärken.“

Aber zurück zu den wissenschaftlichen Hintergründen: Aus sportwissenschaftlicher Sicht hängt Bewegungsqualität nicht allein von Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer ab. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit des Nervensystems, Informationen präzise zu verarbeiten und daraus angemessene Bewegungen abzuleiten. Wenn ein*e Fußballspieler*in mit hoher Geschwindigkeit die Richtung wechselt, muss sein Nervensystem gleichzeitig die Position des Gegners, die Lage des Balls, die Beschaffenheit des Untergrunds und die Stellung seiner Gelenke berücksichtigen. Bereits kleine Ungenauigkeiten in dieser Informationsverarbeitung können dazu führen, dass Bewegungen weniger effizient oder weniger stabil ausgeführt werden. Genau an diesem Punkt setzt neurozentriertes Training an. Ziel ist es, die Qualität sensorischer Informationen und deren Verarbeitung zu verbessern.

Anders als klassisches Kraft- oder Ausdauertraining arbeitet Neuroathletik dabei häufig mit sehr spezifischen Übungen. Dabei werden gezielt Systeme angesprochen, die für Wahrnehmung und Bewegungssteuerung verantwortlich sind. Manche Übungen konzentrieren sich auf die Augen und trainieren beispielsweise die Fähigkeit, bewegte Objekte zu verfolgen oder den Blick zwischen verschiedenen Entfernungen zu wechseln. Andere Übungen beziehen das Gleichgewichtssystem ein, indem Kopfbewegungen mit Blickfixationen oder Gleichgewichtsaufgaben kombiniert werden. Wieder andere Übungen fördern die Wahrnehmung der eigenen Körperposition und sollen die Bewegungssteuerung verbessern.

Für Außenstehende wirken die Übungen dabei entsprechend oft unspektakulär. Aber können sie tatsächlich helfen, Verletzungen vorzubeugen? Beim DFB ist man davon überzeugt und bindet Callsen-Bracker entsprechend auch an verantwortlichen Stellen, nah an den Spieler*innen ein: „Zum Beispiel begleite ich die Frauen-Nationalmannschaft und mehrere U-Teams im weiblichen und männlichen Bereich auf Lehrgängen, Länderspielreisen und ins Trainingslager und entwickle in Workshops und Einheiten eine Akzeptanz und Sensibilität für das Thema. Ich unterstützte die Spieler*innen und gebe ihnen individuelle Drills mit.“

Und tatsächlich gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass bestimmte Trainingsformen, die häufig mit Neuroathletik in Verbindung gebracht werden, das Verletzungsrisiko reduzieren können. Besonders gut untersucht sind Gleichgewichtstraining, propriozeptives Training und neuromuskuläre Trainingsformen. Zahlreiche Studien zeigen, dass solche Maßnahmen insbesondere das Risiko von Sprunggelenksverletzungen und bestimmten Knieverletzungen senken können.

Auch bekannte Präventionsprogramme im Fußball greifen genau diese Prinzipien auf – nicht nur beim DFB: Das FIFA-11+-Programm kombiniert Stabilisationsübungen, Koordinationstraining und neuromuskuläre Elemente und gilt als eines der wissenschaftlich am besten untersuchten Programme zur Verletzungsprävention im Fußball. Die zugrunde liegende Annahme ist plausibel: Wer Bewegungen präziser steuern kann, reagiert in kritischen Situationen oft schneller und kontrollierter. Dadurch lassen sich ungünstige Belastungen von Gelenken und Muskeln möglicherweise reduzieren. Wichtig ist jedoch die Unterscheidung zwischen den gut untersuchten neuromuskulären Trainingsformen und der breiteren Neuroathletik-Szene. Für viele klassische Präventionsmaßnahmen existiert eine solide wissenschaftliche Grundlage. Für einzelne spezifische Neuroathletik-Methoden ist die Evidenz dagegen teilweise deutlich begrenzter. Jan-Ingwer Callsen-Bracker widmet sich deswegen auch der Forschung: „Ich bin inhaltlich für den Aufbau des Bereiches innerhalb der DFB-Akademie verantwortlich und Ansprechpartner. In dieser Funktion fungiere ich auch als Referent auf Fortbildungsformaten. Außerdem begleite ich als Experte und Praktiker Studien im Rahmen des PHD- Programmes ‚Neurozentriertes Training im Fußball‘ in Kooperation mit den Universitäten Saarbrücken und Paderborn und verschiedenen Fußballmannschaften.“

So plausibel viele Grundannahmen des neurozentrierten Trainings sind, so wichtig ist eine nüchterne Einordnung. Die zentrale Rolle des Nervensystems für Bewegung und Leistung ist wissenschaftlich unbestritten. Ebenso gut belegt ist die Wirksamkeit von Gleichgewichts-, Koordinations- und neuromuskulärem Training in verschiedenen Bereichen des Sports. Weniger eindeutig ist die Datenlage bei einigen weitreichenden Behauptungen, die gelegentlich im Umfeld der Neuroathletik verbreitet werden. Die Vorstellung, einzelne Augenübungen könnten nahezu jedes Leistungsproblem lösen oder Verletzungen generell verhindern, wird durch die aktuelle Forschung nicht gestützt. Sportwissenschaftler*innen betrachten neurozentrierte Methoden in Summe deshalb vor allem als sinnvolle Ergänzung etablierter Trainingsformen. Krafttraining, Athletiktraining, Technikschulung und Belastungssteuerung bleiben weiterhin die zentralen Bausteine einer langfristigen Leistungsentwicklung.

Nichtsdestoweniger gilt: Im modernen Leistungssport entscheiden häufig Nuancen über Erfolg und Misserfolg. Bereits kleine Verbesserungen bei Reaktionsfähigkeit, Bewegungsqualität oder Stabilität können im Wettkampf einen Unterschied machen. Außerdem wächst gerae in einer Zeit, in der Spielgeschwindigkeit und körperliche Belastung stetig zunehmen, das Interesse an allen Methoden, die Leistung steigern und Verletzungen vorbeugen können. Genau deshalb dürfte die Neuroathletik den Fußball in den kommenden Jahren weiter begleiten – auch wenn viele ihrer Methoden wissenschaftlich noch genauer untersucht werden müssen.

Fazit

Neurozentriertes Training basiert auf einer wissenschaftlich gut belegten Erkenntnis: Bewegungen werden durch das Nervensystem geplant, gesteuert und fortlaufend angepasst. Die Qualität von Wahrnehmung und Informationsverarbeitung beeinflusst maßgeblich, wie Menschen sich bewegen und auf Belastungen reagieren.

Viele Methoden, die heute unter dem Begriff Neuroathletik zusammengefasst werden, greifen Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Bewegungswissenschaft und Sportmedizin auf. Besonders Gleichgewichts-, Koordinations- und propriozeptive Trainingsformen besitzen eine solide wissenschaftliche Grundlage und können einen sinnvollen Beitrag zur Leistungsentwicklung sowie zur Verletzungsprävention leisten.

Gleichzeitig sollte neurozentriertes Training nicht als Ersatz für bewährte Trainingsformen verstanden werden. Seine größte Stärke entfaltet es dort, wo es als Bestandteil eines ganzheitlichen Trainingskonzepts eingesetzt wird. Wer die Muskulatur trainiert, sollte auch die Systeme berücksichtigen, die jede Bewegung steuern. Genau darin liegt der eigentliche Gedanke hinter der Neuroathletik.

Und Jan-Ingwer Callsen-Bracker? Der bleibt dem Fußball auf diese Weise verbunden. Zwar nicht im Fokus des öffentlichen Interesses, aber an entscheidender Stelle – fast so wie früher also.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin