Man ist doch noch nicht einmal mehr überrascht.
Natürlich will FIFA-Präsident Gianni Infantino den Fußball jetzt auch ganz offiziell verkaufen.
Moralisch hat er das ja schon längst.
Darum geht es: Die renommierte US-Zeitung Times hatte berichtet, dass die FIFA plant, ein Unternehmen namens FIFA Forward Enterprise (FFE) zu gründen, das die kommerziellen Rechte an den wichtigsten FIFA-Wettbewerben (Männer- und Frauen-WM sowie Klub-WM) übernimmt und an dem private Investoren 20 bis 30 Prozent der Anteile erwerben können. Weitere Anteile sollen zudem an einige Nationalverbände direkt gehen, Infantino rechnet dabei wohl mit Erlösen von bis zu 20 Millionen Euro für jeden FIFA-Mitgliedsverband.
Und scheinbar stimmt der Bericht. Denn die FIFA bestätigte inzwischen auch offiziell, dass entsprechende Vorschläge geprüft werden. Ein Sprecher betonte, dass „die FIFA stets auf der Suche nach innovativen Projekten ist, die die Entwicklung des Fußballs weltweit vorantreiben können und man immer offen dafür ist, vorgelegte Vorschläge zu prüfen“. Man würde „derzeit einen Konsultationsprozess einleiten“. Widersprochen wird dem Times-Bericht vor allem in einem Punkt: Die FIFA-Mitarbeiter*innen hätten diesbezüglich keine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnet. Na immerhin das.
Überraschend kommt das nicht. FIFA-Präsident Infantino hatte nämlich schon bei einem Treffen aller FIFA-Mitgliedsverbände am 18. Juli erklärt, dass nach dem Erfolg der WM 2026 nun die Priorität sei, „das kommerzielle Potenzial und die Chancen der FIFA voll auszuschöpfen“. Der Vorschlag der WM-Privatisierung solle nun dem FIFA-Rat vorgelegt werden, der die Entscheidung darüber treffen müsse.
Dass dabei ausgerechnet ein US-Medium über den Vorgang berichtet, ist natürlich auch kein Zufall. Denn die FIFA berichtete ebenfalls, dass die US-Investmentbank JP Morgan die FIFA bei diesem Vorhaben unterstützt und der Bruder des Schwiegersohns von US-Präsident Donald Trump die externe Investorengruppe anführen soll: „Thrive, dessen CEO Josh Kushner ist, wird voraussichtlich die vorgeschlagene Investorengruppe anführen.“ Trump und Infantino verbindet seit einiger Zeit eine persönliche Freundschaft.
Gianni Infantino selbst könnte nach seinem Ausscheiden als FIFA-Präsident dann als Geschäftsführer zu der neuen FIFA-Firma wechseln. „Dies wurde nie diskutiert“, schreibt die FIFA zwar in ihrem offiziellen Statement, nur um dann hinterherzuschieben, dass „der FIFA-Präsident und die FIFA-Verwaltung jedoch führende Rollen in dieser Einrichtung – sofern dies genehmigt wird – einnehmen werden und müssen, um gemäß den Statuten und Vorschriften der FIFA stets die Kontrolle über jede FIFA-Tochtergesellschaft zum Wohle der FIFA-Mitgliedsverbände zu behalten.“ Infantino soll sich damit Chancen ausrechnen, gehaltsmäßig zu den mächtigsten US-Sportbossen aufschließen zu können. NHL-Chef Roger Goodell verdient zum Beispiel rund 55 Millionen Euro im Jahr – das zehnfache des FIFA-Chefs.
Jetzt kann man natürlich fragen, was daran eigentlich so schlimm wäre. Schließlich ist zum Beispiel die Männer-WM schon jetzt ein Milliarden-schweres Großereignis, ein Geschäft. Die Antwort liefert der europäische Fußballkontinentalverband UEFA. Sie antwortete auf die FIFA-Pläne: „Damit wird eine Grenze überschritten, die die Führungsgremien des Fußballs niemals überschreiten sollten. Die UEFA nimmt dies äußerst ernst. Das sollte auch jeder nationale Fußballverband tun. Das sollte auch jeder Beteiligte tun: Ligen, Vereine, Spieler, Fans, Regierungen und alle, denen die Zukunft des Sports am Herzen liegt.“ Und weiter: „Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Handelsgüter – insbesondere nicht, wenn keinerlei Transparenz darüber besteht, wer finanziell davon profitiert. Keiner von uns ist Eigentümer des Fußballs. Es steht der Fifa nicht zu, ihn zu verkaufen.“
Die FIFA verdient mit den FIFA-Wettbewerben viel Geld. Und mit diesem Geld finanziert sie dann ihre Arbeit und subventioniert ihre Mitgliedsverbände. Dabei wendet sie sogar einen Solidaritäts-Mechanismus an. Das erwirtschaftete Geld bleibt also im Fußball-Kosmos und hilft kleineren Verbänden überproportional. Privatisiert man aber die Turniere würden eben nicht mehr die Fußballverbände profitieren, sondern externe Kapitalgeber, die Trump-Familie.
Kurzfristig mag es für den einen oder anderen Fußball-Funktionär attraktiv sein viel Geld auf einen Schlag einzunehmen – langfristig aber würde es den Fußball gerade in wirtschaftlich-schwächeren Regionen ausbluten lassen.
Mit solchen Plänen will Infantino sich Einfluss erkaufen, seine Wiederwahl als FIFA-Präsident steht vor der Tür. Vor allem aber will er sich am Fußball bereichern. Bleibt die Frage: Warum – wenn nicht aus Gier und Korruption – sollte der Fußball das zulassen?
Was also tun? Bloomberg, ein weiteres US-Medium, berichtet, dass die UEFA den Boykott aller FIFA-Wettbewerbe erwägt. Und genau das wäre richtig. Ohne Frankreich, England und Spanien bei den Weltmeisterschaften, den FC Bayern, Real Madrid und Paris St. Germain bei der Klub-WM wäre die neue FIFA-Firma kaum noch etwas wert. Die UEFA muss darum schon beim anstehenden FIFA-Kongress deutlich machen: Macht ihr das, sind wir weg! UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat den Boykott ins Spiel bringen lassen – jetzt muss er zeigen, wie viel Durchsetzungsfähigkeit er hat.
Und noch etwas: Infantino muss dieses Jahr noch als FIFA-Präsident wiedergewählt werden. Der DFB hat ihn nicht offiziell für eine dritte Amtszeit nominiert. Trotzdem gilt seine Wiederwahl als Formsache: Mehr als 200 Mitgliedsverbände der FIFA sollen hinter ihm stehen. Beim FIFA-Kongress gilt: Kandidiert nur eine Person als FIFA-Präsident, findet keine Wahl statt. Stattdessen wird der Kandidat per Applaus akklamiert. Das wäre – gerade jetzt – hochnot peinlich. Die Infantino-kritischen Verbände müssen darum jetzt noch einen Gegenkandidaten für das Amt des FIFA-Präsidenten finden, allein schon, damit der sich einer tatsächlichen Wahl stellen muss. Und als Signal, dass sich eine klare Opposition gegen dessen Politik formiert.
Fanproteste gegen die FIFA und Infantino wird es weiterhin geben. Und auch sie sind bitter nötig. Aber auch auf UEFA, DFB und DFL braucht es jetzt Druck: Damit sie in ihrer Ablehnung der FIFA-Politik standhaft bleiben. Seit gestern Abend haben sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Liga-Boss Hans-Joachim Watzke beispielsweise anders als die UEFA noch nicht geäußert – Zeit wird’s!
Denn der Fußball gehört den Menschen. Nicht der FIFA, nicht Infantino, nicht Trump.
