Aus der Politik halten wir uns raus – dieser Grundsatz prägt die Arbeit des Deutschen Fußballbundes. Doch was während der WM in den USA nervig war und während WM vor vier Jahren in Katar hochnot peinlich, war auch schon einmal ganz konkret tödlich. 1977 um genau zu sein. Dies ist eine Horror-DFB-Geschichte, die niemals vergessen werden darf, sondern eigentlich Mahnung sein sollte.
Elisabeth Käsemann wird in Buenos Aires inhaftiert. Käsemann hatte sich in argentinischen Armenvierteln engagiert und Alphabetisierungskurse gegeben. Dabei sprach sich die Deutsche auch gegen die damals regierende Militärjunta in Argentinien aus. Verständlich – immerhin starben während der Diktatur viele zehntausend Menschen, politische Gefangene verschwanden häufig und wurden später ohne rechtsstaatliches Verfahren hingerichtet.
Herta Däubler-Gmelin war damals schon Mitglied des deutschen Bundestages. Die SPD-Politikerin machte sich vehement für die Freilassung von Käsemann stark: „Ich habe mit parlamentarischen Anfragen die Staatsminister Hildegard Hamm-Brücher und Klaus von Dohnanyi gebeten, sich einzuschalten. Doch die haben nur abgewunken.“ Genauso wie Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der bei einer Besprechung gesagt haben soll: „Ach, das Mädchen Käsemann.“ Die Haltung Deutschlands? Die der größten Waffenlieferanten der argentinischen Diktatur. Für Däubler-Gmelinwar das „eine zutiefst falsche Auffassung für eine Regierung, die für sich Werte in Anspruch nimmt und auch demokratische Institutionen und rechtsstaatliche Institutionen aufrechterhalten will.“
Während es Großbritannien und Frankreich gelingt, durch diplomatische Interventionen ihre Staatsangehörigen aus den Gefangenenlagern zu befreien, bleibt die deutsche Bundesregierung untätig. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die enge Kontakte zu den politischen Gefangenen in Argentinien unterhält, wendet sich deswegen auch an den DFB. Sie ist besorgt, dass auch die Hinrichtung Käsemanns kurz bevor stehen könnte. Doch auch DFB-Präsident Hermann Neuberger äußert sich öffentlich wohlwollend zur Militärjunta. Immerhin soll dort ein Jahr später ja auch eine Weltmeisterschaft stattfinden.
Dabei hätten Neuberger und der DFB ein starkes Druckmittel gehabt: Für den 6.Juni 1977 war ein Freundschaftsspiel zwischen Argentinien und Deutschland in Buenos Aires angesetzt. Deutschland hätte die Freilassung Käsemanns zur Bedingung für das Spiel machen können – gut möglich, dass sie damit Erfolg gehabt hätten. Aber Hermann Neuberger lässt Amnesty ausrichten, dass er sich nicht zuständig fühle. Was für eine Ignoranz.
Doch es wird noch schlimmer: Drei Tage vor dem Freundschaftsspiel erfährt der DFB vom Tod Käsemanns. Ermodert von der Militärjunta. Statt das Spiel abzusagen, wird die Nachricht geheim gehalten. Die deutsche Öffentlichkeit erfährt erst nach dem Spiel davon.
Wenige Monate später singen die deutschen Nationalspieler gemeinsam mit Udo Jürgens ihren WM-Hit: „Buenos Dias Argentina! Guten Tag, du fremdes Land! Buenos Dias Argentina! Komm‘ wir reichen uns die Hand!“ Es klingt bitterböse.
Und auch an der Weltmeisterschaft im immer noch diktatorisch regierten Argentinien nimmt Deutschland selbstverständlich teil. Mehr noch: Die Nationalmannschaft bezieht 1978 ihr Quartier in Ascochinga in der Nähe von Córdoba, in der Nähe eines Folterzentrums des Geheimdienstes. Sportlich scheidet Deutschland dabei nach der „Schmach von Córdoba“ und der 2:3-Niederlage gegen Österreich in der Zwischenrunde aus. Argentinien kommt gleichzeitig durch ein 6:0 gegen Peru weiter – ein Spiel, das immer noch im Verdacht steht, gekauft worden zu sein. Wenige Tage später gewinnt das Team um Trainer César Luis Menotti mit einem 3:1 nach Verlängerung gegen die Niederlande den Titel. Es herrscht Ausnahmezustand im Monumental-Stadion von Buenos Aires, ganz in der Nähe des größten Folterzentrums „ESMA“ (Escuela Mecánica de la Armada). Die Bilder um die jubelnde Junta mit Diktator Jorge Videla gehen um die Welt.
Bis heute haben übrigens weder die deutsche Regierung noch der Deutsche Fußball-Bund bei ihrer Familie von Käsemann um Entschuldigung gebeten. Und bis heute hält der DFB sein Archiv geschlossen und teilt keine Informationen dazu, wieso man sich vor knapp 50 Jahren nicht dazu durchringen konnte, das Leben einer Deutschen, einer Unschuldigen, einer politischen Gefangenen zu retten.
Der DFB hat gesellschaftliche Strahlkraft. Die verleiht im Macht. Und Macht ist immer auch ein politisches Argument. Auch wenn der DFB behauptet, kein politischer Akteur zu sein, bleibt er es dennoch. Nur halt ein solcher, der die bestehenden Verhältnisse verfestigt. Das mag meistens gut gehen – aber ist das wirklich genug?
