Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurdewie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurdeüber eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichteüber Liebe und Hassüber das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasilienseine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé, den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung und den Zerfall Jugoslawiens berichtet haben, geht es heute um das sowjetische Ungarn. Los geht’s!

Am 1. November 1956 verließ Honvéd Budapest. Die Mannschaft war damit bereits außerhalb Ungarns, als sowjetische Truppen am 4. November erneut in Budapest einmarschierten. Am 23. Oktober hatte in Budapest eine Demonstration begonnen, aus der ein bewaffneter Aufstand gegen die kommunistische Regierung und die sowjetische Kontrolle über das Land entstanden war. Die Kämpfe dauerten mehrere Tage.

Honvéd war zu diesem Zeitpunkt aber eben bereits außerhalb des Landes. Und im Kader standen mehrere Spieler der ungarischen Nationalmannschaft, die in den Jahren zuvor zu den erfolgreichsten Mannschaften des europäischen Fußballs gehört hatte. Ferenc Puskás war Kapitän von Honvéd und der Nationalmannschaft. Sándor Kocsis und Zoltán Czibor gehörten ebenfalls zum Stamm der ungarischen Auswahl. József Bozsik stand im Mittelfeld. Im Tor des Vereins spielte Lajos Faragó.

Die Reise nach Spanien wurde nicht abgebrochen. Am 22. November trat Honvéd im Hinspiel in Bilbao an. Athletic gewann im San Mamés mit 3:2. László Budai und Sándor Kocsis erzielten die Treffer für die Ungarn, für Bilbao trafen José Luis Artetxe, Félix Markaida und Eneko Arieta.

Das Rückspiel hätte in Budapest stattfinden sollen. Wegen der politischen Situation war das jedoch nicht möglich. Die Partie wurde nach Brüssel verlegt. Honvéd sollte am 20. Dezember im Heysel-Stadion antreten. Rund 30.000 Zuschauer kamen.

Für die Spieler hatte sich die Situation inzwischen verändert. Honvéd war nicht mehr einfach auf einer Europapokalreise. Die Spieler wussten, dass die politische Lage in Ungarn weiterhin unsicher war. In den folgenden Wochen versuchten einige von ihnen, ihre Familien in den Westen zu holen.

Sportlich war die Ausgangslage klar. Honvéd musste das 2:3 aus dem Hinspiel drehen. Ein 1:0 hätte für den Einzug in die nächste Runde genügt.

Das Spiel begann denkbar ungünstig.

In der zweiten Minute erzielte Armando Merodio das 1:0 für Athletic Bilbao. In der sechsten Minute glich László Budai aus. Zur Pause stand es 1:1.

Nach der Pause blieb die Partie offen. Honvéd benötigte weiterhin mindestens einen Treffer, Athletic reichte ein Unentschieden zum Weiterkommen.

In der 67. Minute traf Eneko Arieta zum 2:1 für Bilbao. Fünf Minuten später erhöhte Merodio auf 3:1. Damit führte Athletic im Rückspiel mit zwei Toren und im Gesamtergebnis mit 6:3.

Dann kam es zu einer ungewöhnlichen Szene.

Honvéds Torhüter Lajos Faragó wurde am Kopf getroffen. Er blutete und konnte zunächst nicht weiterspielen. Auswechslungen waren im Europapokal zu dieser Zeit nicht erlaubt. Zoltán Czibor, eigentlich linker Flügelspieler, übernahm deshalb vorübergehend die Torwartposition. Faragó schilderte später, dass er nach der Verletzung zunächst kaum sehen konnte und behandelt werden musste.

Czibor stand währenddessen im Tor. Athletic erzielte in dieser Phase die beiden Treffer zum 2:1 und 3:1. Faragó kehrte später ins Tor zurück.

Honvéd gab die Partie trotzdem nicht auf.

Kocsis verkürzte auf 2:3. Wenig später erzielte Puskás den Ausgleich zum 3:3.

Mehr gelang Honvéd aber nicht.

Athletic Bilbao gewann den Vergleich mit 6:5 nach Hin- und Rückspiel und zog ins Viertelfinale ein. Dort traf der damalige spanische Meister auf Manchester United. Athletic gewann das Hinspiel in Bilbao mit 5:3, verlor das Rückspiel in Manchester mit 0:3 und schied aus.

Für Honvéd war das 3:3 dennoch nicht das Ende der Reise – auf wie neben dem Platz: Denn die Mannschaft blieb zunächst außerhalb Ungarns und bestritt weitere Spiele in Europa. Im Januar 1957 reiste Honvéd nach Südamerika. Die Tour war vom ungarischen Fußballverband auch aus politischen Gründen nicht genehmigt worden. Die Mannschaft spielte dennoch unter anderem gegen Flamengo und Botafogo.

Im Februar 1957 kehrte Honvéd nach Europa zurück. Zu diesem Zeitpunkt war die Zukunft der Mannschaft bereits ungewiss. Die Spieler mussten entscheiden, ob sie nach Ungarn zurückkehren oder zu politischen Flüchtlingen werden wollten.

Ein Teil kehrte zurück. Andere blieben im Westen.

Puskás, Kocsis und Czibor gehörten zu den Spielern, die nicht nach Ungarn zurückkehrten. Auch Gyula Grosics blieb zunächst im Ausland, kehrte später jedoch nach Ungarn zurück. Puskás, Kocsis und Czibor wurden nach ihrem Verbleib im Ausland von der UEFA auch aufgrund sowjetischen Drucks gesperrt, bevor sie wieder für neue Vereine spielen konnten.

Für Puskás begann damit eine neue Phase seiner Karriere. Nach einer längeren Zeit ohne Pflichtspiele wechselte er zu Real Madrid. Dort gewann er 1960 und 1966 den Europapokal der Landesmeister. 1959 hatte Real Madrid den Wettbewerb ebenfalls gewonnen, Puskás wurde in diesem Finale jedoch nicht eingesetzt.

Kocsis und Czibor gingen zum FC Barcelona. Dort spielten sie unter anderem gemeinsam mit dem ebenfalls aus Ungarn stammenden László Kubala. Mit Barcelona gewannen beide die spanische Meisterschaft und den Messestädte-Pokal. 1961 erreichten Kocsis und Czibor mit Barcelona das Finale des Europapokals der Landesmeister, verloren dort aber gegen Benfica mit 2:3.

Die Konsequenzen der neuen politischen Situation und der Flucht einige der bedeutendsten Spieler des Landes waren aber natürlich auch für die ungarische Nationalmannschaft erheblich. Puskás bestritt bis zu seiner Flucht 85 Partien und erzielte 84 Tore. Kocsis kam auf 68 Länderspiele und 75 Tore. Czibor bestritt 43 Länderspiele und erzielte 17 Treffer. Keiner der drei spielte danach noch einmal für Ungarn.

Das 3:3 in Brüssel war damit das letzte Europapokalspiel dieser Honvéd-Mannschaft. Und eine Wende im ungarischen Fußball.

Am Ende stand ein 3:3.

Athletic Bilbao kam weiter.

Und für Honvéd begann eine Reise. Für Puskás, Kocsis und Czibor führte sie nicht mehr zurück nach Budapest.

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Von admin