Eigentlich gab es Hoffnung: Immer mehr, insbesondere, aber nicht nur europäische Fußballverbände entzogen Gianni Infantino das Vertrauen. Es schien, als käme gerade eine Dynamik auf, die zu einem dringend benötigten Wechsel an der FIFA-Spitze führen könnte. Doch jetzt das: „Der FIFA-Präsident hat im April angekündigt, dass er 2027 zur Wiederwahl antreten wird. Natürlich hat sich daran nichts geändert“, sagte eine Sprecherin der FIFA am Wochenende. Und weiter: „Herr Infantino wird zur Wiederwahl antreten.“
Am deutlichsten wurde die Kritik am FIFA-Präsidenten, nachdem dieser geplant hatte, die Fußball-Weltmeisterschaft an Investoren zu verkaufen, wie FanLeben.de hier berichtete. Doch auch schon wegen der Nähe zu Trump gab es Kritik, die wir unter anderem hier und hier thematisierten. Hinzu kommen Skandale bei der Klub-WM, mehr dazu hier, oder bei der WM-Vergabe an Saudi-Arabien. Kein Wunder, dass die Kritik am 56-jährigen Schweizer zuletzt ohrenbetäubend gewesen ist.
Sogar Infantino selbst hatte zwischenzeitlich Spekulation um seine Zukunft zugelassen. Bei der Eröffnung der U20-Weltmeisterschaft in Polen verließ er eine Medienrunde demonstrativ als Fragen nach seiner Zukunft gestellt wurden. Dabei lächelte er und reckte lediglich den Daum in die Höhe. „Es wird viel zu sagen geben, aber es wird den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt dafür geben“, hatte der FIFA-Boss zudem in Katowice erklärt. Viel zu sagen – das hätte auch eine Abrechnung mit seinen Kritiker*innen, die ihm eine weitere Kandidatur unmöglich machen, sein können. Ist es aber nicht.
Offenbar hat Infantino die wenigen Tage seit seiner Polen-Reise genutzt, um noch einmal seine Machtoptionen zu prüfen. Und da muss man ehrlich sein: Die Chancen auf eine Wiederwahl als FIFA-Präsident stehen trotz allem verdammt gut. Die Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände der FIFA hat sich keineswegs von Infantino distanziert, insbesondere in Asien genießt er weiterhin großen Rückhalt. Und seine Kritiker*innen haben noch nicht einmal einen Gegenkandidaten auftreiben können. Revolution sieht wirklich anders aus.
Nichtsdestoweniger hat die UEFA offen kommuniziert, dass sie eine weitere Amtszeit Infantinos unbedingt verhindern möchte. Doch der UEFA-Präsident, Aleksander Ceferin, selbst will nicht gegen den FIFA-Boss antreten. Der prominenteste und profilierteste Herausforderer hat sich selbst vom Feld gestellt, obwohl er durchaus Chancen haben dürfte, gewählt zu werden. Nicht nur, dass die UEFA der größte Mitgliedsverband der FIFA ist, Ceferin hat auch bewiesen, dass er wirtschaftliches Potenzial im Fußball heben kann, für kleinere Nationalverbände, die auf Entwicklungshilfe der FIFA angewiesen sind, ist das wichtig. Das Problem: Am 18. November läuft die Bewerbungsfrist ab.
Wer also käme noch als Infantino-Herausforderer in Frage? Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name des Kanadiers Victor Montagliani, dem Präsidenten der Verbände aus Nord-, Mittelamerika und der Karibik. Seine Kandidatur wäre zweifellos spektakulär, war Infantino ja auch wegen seiner Nähe zum autokratischen US-Präsidenten Donald Trump in die Kritik geraten. Und wann könnte Montagliani seine Kandidatur ankündigen? Am 15. September tagt das UEFA-Exekutivkomitee in Thessaloniki, am 6. Oktober treffen sich die Präsidenten und Generalsekretäre der 55 europäischen Mitgliedsverbände in Berlin. Gerade letzteren Termin könnte Montagliani als Kandidat nutzen, um weltweit auf Stimmenfang zu gehen. Am 18. März 2027 fällt beim Kongress in Rabat dann die Entscheidung.
Die UEFA bereitet derweil wegen des Investorendeals ein Strafverfahren wegen des Verdachts der untreuen Geschäftsbesorgung vor. Gemeint ist, dass jemand, der mit der Verwaltung fremder Vermögenswerte oder Geschäfte betraut ist, seine Pflichten verletzt und dadurch der betroffenen Person oder Organisation einen Vermögensschaden zufügt. Eine Anklage wurde jedoch noch nicht erhoben, aber der Ton in der Debatte wird damit gesetzt.
Ob die FIFA noch vier Jahre unter Gianni Infantino überlebt? Sicher ist das nicht. Auch deswegen erhöht die UEFA jetzt den Druck. Der Weltfußball braucht in jedem Fall einen Neuanfang – einen ohne Gianni Infantino und ohne alles, wofür dieser Mann steht.
