Am letzten Samstag hat Elversberg-Trainer Vincent Wagner seinen ersten Bundesliga-Platzverweis kassiert. Mit dem Pausenpfiff zeigte ihm Schiedsrichter Martin Petersen die Gelb-Rote Karte. Zuvor hatte Wagner sich vehement über eine aus seiner Sicht entscheidende Spielszene aufgeregt – bei welcher der Videoschiedsrichter nicht eingreifen durfte.
Es geht um eine Szene unmittelbar vor dem zwischenzeitlichen 2:1-Führungstreffer von Elversberg-Gegner Borussia Mönchengladbach durch Hugo Bolin. Im Vorfeld hatte Tim Kleindienst nach einem Zweikampf mit Felix Keidel, wobei der Ball im Seitenaus landete, einen Einwurf schnell ausgeführt und damit den Gladbacher Konter eingeleitet. Da aber Kleindienst selbst – und eben nicht Keidel – denn Ball zuvor ins Aus gespielt, hätte es Einwurf für die Saarländer geben müssen. Schiedsrichter Petersen und seine Assistenten bewerteten die Szene – wie Videobilder zeigen – eindeutig falsch.
Doch das Tor zählte. Und es hatte auch Bestand, weil der VAR nicht berechtigt ist, bei falsch zugesprochenen Einwürfen einzugreifen. Heißt: Im Kölner Keller saß ein Schiedsrichter, der mutmaßlich erkannte, dass da ein irreguläres Tor gefallen war, doch er durfte nichts sagen!
In der Halbzeitpause wollte Wagner, zu dem Zeitpunkt bereits mit Petersen auf die Szene ansprechen, sah allerdings schon beim Zulaufen auf den Unparteiischen die Ampelkarte. Eine ziemlich harte Entscheidung, denn Wagner war Petersen weder physisch noch verbal angegangen. Doch das engagierte Zulaufen allein rechtfertigt bereits den Platzverweis, findet zumindest das DFB-Sportgericht, das einen Elversberger Einspruch gegen die aus dem Platzverweis resultierenden Sperre, abgewiesen hat: „In seinem Urteil führt das DFB-Sportgericht aus, dass Trainer Wagner den Angaben des Unparteiischen aus größerer Entfernung auf diesen zugelaufen sei, obwohl der Vierte Offizielle den Trainer zuvor aufgefordert habe, dies zu unterlassen“, erklärt der DFB nämlich in einer Mitteilung. „Wagner habe beim Schiedsrichter reklamieren und ihn zur Rede stellen wollen. Diese Darstellung, so das Sportgericht, werde durch die vorliegenden Fernsehbilder bestätigt. Damit handele es sich bei dem Feldverweis um eine Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters, an die auch die Sportgerichte grundsätzlich gebunden seien.“
Vincent Wagner ist entsprechend unzufrieden mit dem Urteilsspruch: „Gemeckert habe ich nicht. Das möchte ich mal festhalten. Ich bin auch nicht gerannt, habe auch nicht gewunken“, stellt er klar. Das Urteil ist aber auch deswegen zumindest diskutabel, weil Schiedsrichter Petersen selbst im Anschluss an die Partei eingeräumt hat, dass der Platzverweis eine falsche Entscheidung gewesen sei.
Seit dieser Saison dürfen die Videoschiedsrichter*innen auch bei eindeutig falsch vom Gespann ausgesprochenen Eckbällen eingreifen und obendrein zu Unrecht verhängte Gelb-Rote Karten eingreifen, Fouls in der Entstehungsgeschichte eines Tores dürfen ohnehin schon überprüft werden. Nur falsch zugeordnete Einwürfe, die einen Angriff einleiten, der zum Tor führt, bleiben Tatsachenentscheidungen. Wer soll diese Differenzierung noch erklären?
Man muss den deutschen Profi-Schiedsrichter*innen immerhin zu Gute halten, dass sie die neuen VAR-Kompetenzen ohnehin skeptisch gesehen haben: „Das ist nicht das, was wir wollen“, meinte zum Beispiel Jochen Drees, der die Videoschiedsrichter in Deutschland anleitet, als die Änderungen von der FIFA angekündigt wurden. Er argumentierte: „Das läuft entgegen der Richtung, die eingeschlagen wurde. Ich kann zwar den Impuls verstehen, dass man potentiell spielentscheidende Situationen wie eine Gelb-Rote Karte überprüfen lassen will. Aber man eröffnet ein neues Feld und kommt dabei wieder in den Bereich der Ermessensentscheidung des Schiedsrichters hinein.“ Die Idee sei außerdem „nicht konsequent durchdacht“, führte der ehemalige FIFA-Schiedsrichter weiter aus, denn: „Wenn man die zweite Gelbe Karte prüfen kann, müsste man auch die erste Karte prüfen können. Vielleicht war die ja falsch und Gelb-Rot dadurch unangebracht. Auch was die Eckstoßregelung angeht, bin ich höchst skeptisch. Es soll nur korrigiert werden, wenn der Check schnell geht. Doch was heißt das? Fünf Sekunden, zehn Sekunden, 30 Sekunden? Wie reagieren die Mannschaften? Ich vermute, man wird eine künstliche Verzögerung schaffen. Der Schwarze Peter wird dann wieder beim Schiedsrichter abgeladen.“ Ziemlich exakt das ist am Samstag in der Tat passiert.
Die Kritiker*innen am Videobeweis üben deswegen auch Woche für Woche weiter Fundamentalkritik. Nachvollzihebar: Der Videobeweis sollte für möglichst viel Objektivität sorgen – das aber gelingt ihm selbst bei vermeintlichen Tatsachenentscheidungen wie Abseitsstellungen nicht immer. Und immer wieder sind auch Szenen spielentscheidend, bei denen der VAR nicht eingreifen kann, siehe Gladbach gegen Elversberg. Dazu kommen oft gefühlt ewig lange, tatsächlich bisweilen mehr als fünf Minuten dauernde Spielunterbrechungen, wenn besonders kritische Szenen gecheckt werden. So viel übrigens zum Begriff der eindeutigen Fehlentscheidungen, bei denen der Videoschiedsrichter ursprünglich überhaupt nur eingreifen sollte.
Fakt ist aber auch: Jedes Wochenende werden Fehlentscheidungen von Schiedsrichter*innen mit Hilfe des Videobeweises korrigiert. Insgesamt sind die Spiele durch den VAR fairer worden. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Ist näher an der Korrektheit genug für ein Tool, von dem sich alle ursprünglich die Wahrheitfindung versprachen?
Immer mehr VAR-Eingriffe sind jedenfalls keine gute Lösung für den Fußball. Das Spiel dauert länger und wird immer weniger direkt auf dem Spielfeld, dafür mehr auf dem Bildschirm daneben, entschieden. Wir sind hier aber ja nicht bei FIFA 26. Das wiederum spräche eher für die grundsätzliche Abschaffung des Videobeweises, wie sie ja tatsächlich von Ultras in fast allen Stadien deutschlandweit gefordert wird, oder für eine viel grundlegendere Reform.
Wie die aussehen könnte? Bei der U17-Weltmeisterschaft der Männer, die Ende letzten Jahres übrigens, wie sollte es bei einem FIFA-Tunier auch anders sein, in Katar ausgetragen wurde, testete der Weltverband eine ziemlich konkrete Alternative zum Videoschiedsrichter. Eine Alternative, die auch in Deutschland bereits immer wieder diskutiert wurde: Die sogenannte Challange-Regel. Mit einer „Challenge“ können Trainer*innen die Prüfung einer konkreten Schiedsrichterentscheidung einfordern. Pro Halbzeit hat jede Mannschaft einmal die Möglichkeit zur „Challange“. Dafür gibt es auf den Trainerbänken dafür ein Tablet, auf dem Szenen sofort in der Wiederholung angesehen werden können. So geht keine Szene verloren und die Trainer*innen können gut abschätzen, ob sich beim jeweiligen Vorfall eine „Challange“ auch tatsächlich lohnt. Der Schiedsrichter schaut sich dann – wie man es aus der Bundesliga kennt – an einen Monitor am Spielfeldrand die zu überprüfende Szene noch einmal an und bewertet sie gegebenenfalls neu. Gibt er der challangenden Mannschaft Recht, behält die ihre „Challange“-Möglichkeit, bleibt der Schiedsrichter hingegen bei seiner Bewertung, darf der entsprechende Trainer erst in der nächsten Halbzeit wieder eine Schiedsrichterentscheidung überprüfen lassen. So soll für einen sorgsamen Einsatz garantiert werden. Die Idee ist dabei übrigens dem American Football entnommen.
Die Regel kommt dabei nicht nur bei der aktuellen Jugend-WM zum Einsatz. Seit Anfang des Jahres erlaubt das für Regelfragen zuständige International Football Association Board die Anwendung auch bei nationalen Wettbewerben. Und einige sind dabei: In Spanien haben die oberste Liga der Frauen und die 3. Liga der Männer dadurch nun technische Hilfsmittel für die Unparteiischen. Dasselbe gilt für die Serie C der Männer in Italien, die Serie A der Frauen beginnt aktuell mit Tests. Auch in einigen Wettbewerben Brasilien kommt die „Challange-Regel“ zum Einsatz.
Ihr Vorteil: Die Mannschaften können aktiver an der Entscheidungsfindung beziehungsweise der Regelhütung mitwirken. Aktuell fühlen sich viele Trainer*innen und ihre Teams dem VAR ja tendenziell eher ausgeliefert. Beim challangen tragen sie nun selbst mit Verantwortung. Daneben gibt es noch einen Vorteil: Der bisherige VAR ist technisch aufwendig, die Umsetzung entsprechend teuer. Die Video-Support-Lösung hier ist einfacher umzusetzen und dadurch deutlich günstiger, weil kein separates Studio und kein Übertragungswagen gebraucht werden. Außerdem braucht man weniger aktive Schiedsrichter*innen, nämlich keine Videoschiedsrichter*innen, pro Spiel. Ein großes Plus: Die Einheitlichkeit des Spiels kann so gefördert werden. Auch in unteren Spielklassen und in den ersten Spielrunden des DFB-Pokals wäre die Anwendung der „Challange-Regel“ ohne immense Investitionskosten möglich. Der Amateurfußball würde dem Profifußball damit wieder ähnlicher, es würde wieder mehr ein Spiel für alle. Wobei es natürlich den Haken gibt, dass es, je größer das mediale Interesse an einem Spiel ist, es entsprechend mehr Kameras und damit mehr Kameraperspektiven vor Ort gibt und je mehr Kameraperspektiven es gibt, desto einfacher ist es, eine Szene zu überprüfen. Die vollkommene Gleichheit garantiert also auch diese Regel nicht.
Beim DFB ist man mit der „Challange-Regel“ übrigens erheblich glücklicher als mit dem IFAB-Vorstoß jetzt. Aber auch grundsätzlich zeigt man sich – trotz aller Drees-Zweifel – offen für Reformen. Kein Wunder. Der bisherige VAR ist längst zum Politikum geworden. Spieler, Trainer und Fans – alle fühlen sich bei strittigen Videoentscheidungen oft übergangen. Und die Schiedsrichter auf dem Feld wirken in fast jedem Spiel schwächer als sie sind.
Gerade die „Challange-Regel“ würde ihre Rollle nun wieder stärken. Und sie gibt – während sie zu einem verantwortungsbewussten Einsatz anhält – den beteiligten Mannschaften die Möglichkeit, bei kritischen Szenen zu intervenieren. Krasse Fehlentscheidungen können so korrigiert, das Spiel gerechter werden. FanLeben.de meint: Beim DFB sollte man den Erfinder*innen der „Challange-Regel“ darum dankbar sein. Denn sie könnte der Ausweg aus dem Videobeweis-Dilemma sein, in dem sich der DFB seit nun mehr acht Jahren befindet.
Vincent Wagner kann es erst einmal egal sein. Ohne ihn drehte seine Mannschaft das Spiel gegen Mönchengladbach, erzielte kurz vor Schluss den 3:4-Siegtreffer. Vielleicht ja ein gutes Omen für das Spiel, dass Wagner nächstes Wochenende verpasst.
