Alexander Zverev hat die US Open gewonnen und binnen weniger Monate seinen zweiten Grand-Slam-Titel gefeiert. Im Finale in New York besiegte der Hamburger den US-Amerikaner Ben Shelton mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7 und 6:2. Auch Platz eins der Weltrangliste, auf dem aktuell der Italiener Jannik Sinner liegt, rückt damit immer näher. Zverev ist dabei erst der zweite deutsche Einzelchampion in New York nach Boris Becker 1989, rund 4,7 Millionen Euro Preisgilt nimmt er nun mit nach Hause.
Ein besonderer Moment gestern: Nach der finalen Aktion wusste Zverev erst gar nicht, was geschehen war. Ein Ball von Shelton segelte ins Aus und der Hamburger realisierte erst nach einigen Sekunden, dass er die US Open gewonnen hatte. Entsprechend emotional waren seine Worte nach dem Match: „Wir haben fast 13 Jahre keinen Grand-Slam-Titel geholt und jetzt zwei in drei Monaten, das ist unglaublich. Gott hat gesehen, wie hart wir gearbeitet haben und wie viel Schmerz wir hereingesteckt haben. 2026 ist das Ergebnis von all dem.“ Besonders rührend auch der Gruß an Zverevs Mutter: „Wenn herauskommt, dass dein Sohn mit vier Jahren Diabetes hat, dann braucht es eine starke Mutter, die dagegen angeht und sagt: ‚Mein Sohn wird das sein, was auch immer er sein will. Wenn er Tennisspieler sein will, wird er das sein.‘ Ich bin glücklich, dass wir da durchgegangen sind und die Sachen so machen, wie wir sie jetzt tun. Meine Mutter ist die wichtigste und stärkste Person, die ich kenne. Großen Dank an sie.“ Kurzum: Pathos pur.
Sportlich war es also ein einzigartiges Wochenende für Zverev. Er hat herausragendes Tennis gespielt, gerade im Finale eine sportlich beeindruckende Leistung gezeigt, was von Sportkommentator*innen ja auch zu Genüge anerkannt wurde. Aber für einen ganzheitlichen Blick reicht der Blick auf den Sport bei Alexander Zverev eben nicht. Oder haben wir vergessen, dass Zverevs Ex-Freundin die Tennisspielerin Olga Sharypova 2020 schwere Vorwürfe der physischen und psychischen Gewalt gegen ihn erhob? Und auch Brenda Patea, eine zweite Ex-Freundin, ihm ebenfalls Körperverletzung anlastete? Sharypova zeigte Zverev nicht bei der Polizei an, machte die Vorwürfe nur über ein Zeitungsinterview öffentlich. Der Journalist, der über die Vorwürfe berichtete, wurde daraufhin von Zverev verklagt, das Verfahren läuft noch. Patea, die übrigens ein gemeinsames Kind mit Zverev hat, wiederum erstatte Anzeige gegen Zverev. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 200.000€ eingestellt.
In der Berichtserstattung ist dieser Tage überirgens fast überall von „unserem Sascha“, so Zverevs russischer Kosename, die Rede. Schließlich ist Zverev ja Deutscher – wie die Zuschauer*innen von Eurosport und ProSieben Max, die Leser*innen von Zeit und Frankfurter Rundschau und BILD. „Unser Sascha“ ist es aber sicher nicht nur allein deshalb; außer mit „unser“ sind nur Männer gemeint, die Frauen nicht glauben. Dann ist es deren Sascha.
Eigentlich schien es in den letzten Wochen, als seien wir in dieser Diskussion etwas weiter gekommen. Nach den furchtbaren Enthüllungen gegen Christian Ulmen, wirkte es für ein paar Tage so, als sei durch viele Männer ein Ruck gegangen. Als hätten nicht wenige Begriffen, wie wichtig Haltung und Abgrenzung gegenüber mutmaßlichen Tätern und Vertrauen in beziehungsweise Solidarität mit den mutmaßlichen Opfern sind. Aber bei einigen war die Freude an einem Tennis-Triumph eines Landsmanns dann doch wieder verlockender als das Anwenden eines Lerneffekts. Schade drum.
Während der Sportjournalismus also in vielen Berichten versagt, leisten immerhin weibliche Tennisfans in den Social-Media-Kommentarspalten betreffender Medien Erinnerungsarbeit. Sie schreiben unter unkritische Berichte Kommentare wie: „Ich glaube seinen Ex-Freundinnen“ oder „ein dunkler Tag für das Tennis“, „schlimm, heute als Frau Tennisfan zu sein“ und „ich denke an Olga und Brenda„.
Wenigstens sie haben nicht vergessen, dass Zverev kein Held ist.
