Tino Chrupalla mag also Eishockey? Warum das Widerspruch verdient

Eigentlich klingt die Geschichte der Lausitzer Füchse ziemlich romantisch: Denn schon seit 1932 wird in Weißwasser Eishockey gespielt. Damals gründeten die „Jungs von der Osram-Straße“ ihren Eissportverein. In der Presse wurde das seinerzeit so kommentiert: Ein Teich am Rande der Stadt war „im Winter das Domizil junger Burschen. Ausgerüstet mit Schirmmütze, Pullover und Spazierstock holländerten (!) sie mit angeschraubten Schlittschuhen über die zugefrorene Fläche. Sie spielten Eishockey!“  Und ab 1957 stand in Weißwasser das größte Freiluftstadion Europas mit über 12.000 Plätzen. Und auch sportlich lief es lange außergewöhnlich gut: Mit 25 DDR-Meisterschaften haben die Füchse nämlich die meisten nationalen Eishockey-Titeln aller Teams überhaupt – also weltweit! – gewonnen.

Doch der Verein ist in all den Jahren eben immer auch ein Spiegelbild seines gesellschaftlichen Umfelds gewesen. Schließlich sind die 25 Meistertitel eng mit dem Sportverband Dynamo verbunden, der damals Träger der Eissportmanschaft war und unter direkter Kontrolle der Stasi stand. Und auch heute, in der Lausitz ist die neonazistische AfD extrem stark, trifft man bei Heimspielen im „Fuchsbau“ nicht nur auf viel DDR-Nostalgie, sondern bisweilen auch auf rechtsradikale Politiker. Nach dem Heimspiel am vergangenen Freitag gegen die Düsseldorfer EG (3:4 n. P.) gaben die Lausitzer Füchse nach öffentlichen Druck eine Pressemitteilung raus, in der sich gleich zu Beginn bestätigten: „Tino Chrupalla ist Einwohner unserer Region und besucht die Spiele der Lausitzer Füchse wiederholt als regulärer Zuschauer mit erworbenen Tickets.“ Der AfD-Chef sei zwar nicht explizit eingeladen worden, aber durchaus willkommen: „Die Eisarena Weißwasser steht allen Besuchern offen, sofern sie die geltenden Regeln einhalten und kein Stadionverbot gegen sie vorliegt. Wir beurteilen unsere Zuschauer nicht nach ihrer politischen Zugehörigkeit oder persönlichen Überzeugung.“

Eine Haltung, die viele Eishockey-Fans, insbesondere die aus Düsseldorf mitgereisten, ärgerte. Die man aber zumindest noch irgendwie nachvollziehen könnte. Würden die Verantwortlichen der Füchse im weiteren Verlauf ihrer Erklärung nicht doppelzüngig. Denn einerseits schreiben sie: „Als Sportclub wollen wir das Stadion nicht zum Austragungsort parteipolitischer Auseinandersetzungen machen. Deshalb verfolgen wir den Grundsatz, politische Botschaften und parteipolitische Positionierungen auf Spruchbändern im Stadion unabhängig von ihrer politischen Richtung und ihrem konkreten Inhalt nicht zuzulassen.“ Andererseits aber wies der Geschäftsführer der Lausitzer Füchse, Dirk Rohrbach, den Sicherheitsdienst im Stadion persönlich an, ein Banner der DEG-Fans mit der Aufschrift ‚gegen rechts‘ entfernen zu lassen. Der Schriftzug gehört bei jedem Spiel zum Erscheinungsbild der Düsseldorfer-Fankurve, war also keine Reaktion auf die Anwesenheit Chrupallas.

Das Problem ist: Die Anwesenheit von Tino Chrupalla, dessen Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird und über deren Verbot selbst CDU-Ministerpräsidenten laut nachdenken, ist natürlich für sich genommen bereits ein politisches Statement. Chrupalla postete im Anschluss aber sogar noch ein gemeinsames Foto mit dem Vorsitzenden der AfD-Jugendorganisation, inszenierte den Stadionbesuch also bewusst auch politisch. Und überhaupt: Alles, was AfD-Funktionär*innen in der Öffentlichkeit tun, ist Teil ihrer Selbstvermarktung. Hier soll zum Beispiel eine Normalität im Umgang mit der AfD suggeriert werden: ‚Seht her, wenn wir doch ganz normal Eishockey gucken, können wir ja wohl weder böse noch verfassungsfeindlich sein‘. Dass gleichzeitig eine die allgemein-gehaltene Positionierung der DEG-Fans nicht zugelassen wurde, rückt die Lausitzer Füchse in der Wahrnehmung vieler Beobachter*innen damit klar in die Nähe der AfD. Das Kalkül von Tino Chrupalla dürfte also vollständig aufgegangen sein.

Dabei ist es im übrigen doch auch ziemlich absurd, dass Chrupalla ausgerechnet Eishockey in seiner Freizeit anschaut. Chrupalla ist ein Vertreter der ostdeutschen AfD, auch sein Landesverband bekennt sich zum Konzept der „Remigration“ also der millionenfachen Abschiebung von Menschen, auch solcher mit deutschen Pass. Die AfD richtet sich dabei insbesondere gegen Doppelstaatler*innen, also Deutsche, den deutschen Pass erst im Verlauf ihres Lebens neben ihrem Ursprungs-Pass hinzuerworben haben. Bei den Lausitzer Füchsen stehen regelmäßig bis zu zehn solcher Doppelstaatler auf dem Eis. Hinzu kommen vier Spieler ganz ohne deutschen Pass. Wie verlogen ist es bitte für ein Team zu jubeln, dessen wichtigste Spieler man eigentlich entrechten und abschieben möchte?

Die DEG hinterfragen die Aussagen aus Weißwasser.

Der Schriftzug ‚gegen rechts‘ der DEG-Fans wiederum ist zwar eine Spruchband-kompatible Verknappung, aber als solche ein geflügeltes Wort, mit dem eindeutig die Ablehnung jeder rechtsradikaler, verfassungs- und menschenfeindlicher Gesinnung gemeint wird. Es ist kein parteipolitisches, sondern pro-demokratisches Statement. Und dafür sollte es immer Raum gaben. Beim Heimspiel gestern positionierten sich die DEG-Ultras darum auch noch einmal eindeutig pro Meinungsfreiheit. Mit Recht: Wer schon Rechten wortwörtlich Raum bietet, muss zumindest auch Widerrede zulassen. Wobei eigentlich auch ganz generell gesellschaftliche Debatten auf den Stadionrängen bereichernd sind für eine Demokratie.

Die Lausitzer Füchse hingegen schreiben zwar auf ihrer Website: „Die Lausitzer Füchse stehen für Weltoffenheit, Toleranz und einen respektvollen Umgang miteinander. Diese Werte sind für uns nicht verhandelbar. Wir möchten, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Überzeugungen und Lebensweisen bei uns gemeinsam Eishockey erleben können.“ Wie glaubwürdig dieser Satz ist, während gleichzeitig ein Rechtsextremist gern gesehener Gast ist, kann jede*r selbst beurteilen. Fest steht, dass er komplett unglaubwürdig wird, wenn pro-demokratische und vielfaltsfördernde Statements zur selben Zeit verboten sind.

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Von admin