„Ich bin sehr stolz und glücklich, Teil des technischen Teams von Trabzonspor zu sein. Jeden Tag lerne ich von Thomas Reis und dem Team, teile meine eigenen Erfahrungen und habe die Möglichkeit, auf dem Feld und außerhalb des Feldes mit den Spielern zu arbeiten, was für mich sehr wertvoll ist“, verkündete Jerome Boateng am Wochenende in den sozialen Medien. Der Weltmeister übernimmt damit also seinen ersten Trainer-Job als Co-Trainer in der SüperLig. Eigentlich wäre das keine Meldung wert oder wenn dann eine, in der man dem früheren Nationalspieler viel Glück für die zweite Karriere wünscht, aber so einfach ist es bei Jerome Boateng nicht – im Gegenteil: Immer wenn der frühere Verteidiger öffentlich in Erscheinung tritt, bekommt ein Täter eine Bühne.
Für die, die nicht wissen, worum es geht, noch einmal die Kurzfassung: Es geht vor allem um den Fall Kasia L. Das Model hatte sich 2021, mit 25 Jahren, das Leben genommen, kurz nachdem Boateng in einem Interview in der Bild-Zeitung mit ihr abgerechnet hatte und sie in der Folge Opfer von Cybermobbing wurde. Auch sie hatte Gewaltvorwürfe gegen ihn erhoben. Ein mehrteiliger Spiegel-Podcast erzählt auf Basis der Chatverläufe Lenhardts von diesen Vorwürfen. Auch ein Strafverfahren gegen Boateng wurde eingeleitet. Doch außer Chats und Bildern von Verletzungen hatte die Staatsanwaltschaft kaum belastende Beweise gegen Boateng. Auch deswegen: Die Staatsanwaltschaft München I teilt dazu unter anderem mit, dass eine Zeugin, die sich im Januar 2025 gemeldet hatte und erklärt hatte, zu einer Vernehmung bereit zu sein, zum vereinbarten Vernehmungstermin Ende Februar 2025 „unentschuldigt nicht“ erschienen sei. Für die Ermittlungsbehörden sei die Frau nun nicht mehr erreichbar. Es wurde berichtet, dass aus dem Umfeld von Jerome Boateng Druck auf Frauen ausgeübt wurde, die potenzielle Zeugin könnte, erst Recht nach dem Tod von Kasia L., ebenfalls Opfer von existenzbedrohenden Cybermobbing werden. Bewiesen wurde das nicht. Das Verfahren gegen Boateng wurde darum eingestellt – aus Mangel an Beweisen. Boateng hat Kasia L. nach der Verfahrenseinstellung auf Instagram weiter verhöhnt, seine eigene Rolle nie kritisch reflektiert. Das allein sollte ihn eigentlich schon zur persona non grata bei einem Verein machen, der es ernst meint mit dem Schutz von Frauen vor Gewalt.
Aber es sind ja nicht nur diese Vorwürfe. Jerome Boateng ist auch tatsächlich wegen häuslicher Gewalt verurteilt. Und darum geht es: Während eines gemeinsamen Urlaubs auf den Bahamas soll es zwischen Boateng und der Mutter seiner Zwillinge zu einem handfesten Streit gekommen sein. Laut Anklage soll der Fußballer seine Partnerin geschlagen, sie mit einem kleinen Glas angegriffen, gebissen und beleidigt haben. Sie erlitt dabei Verletzungen an Lippen und Auge. Boateng bestritt die Tat bis zuletzt. Im September 2021 verurteilte das Amtsgericht München I den Verteidiger wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 30.000 Euro – insgesamt 1,8 Millionen Euro. In der Begründung hieß es, die Aussagen der Geschädigten seien glaubhaft und durch Zeugenaussagen sowie Chatverläufe gestützt worden. Boateng ließ das Urteil anfechten. Das Berufungsverfahren vor dem Landgericht München I im Oktober 2022 führte zu einer Milderung, aber nicht zu einem Freispruch: Das Gericht reduzierte die Strafe auf 120 Tagessätze à 10.000 Euro, also 1,2 Millionen Euro, bestätigte jedoch den Schuldspruch. Der Vorsitzende Richter betonte, Boateng habe die Frau geschlagen, wenn auch nicht so schwer wie ursprünglich angenommen. Eine Revision zum Oberlandesgericht scheiterte im Jahr 2023 – das Urteil ist damit rechtskräftig. Und Jerome Boateng offiziell vorbestraft.
In Trabzon spielt all das offenbar keine Rolle. Der amtierende Pokalsieger belegt in der Süper Lig aktuell Rang fünf, seit dem Reis-Antritt im September stehen zwei Siege aus zwei Partien zu Buche. Eine Bilanz, die eine Nachverpflichtung für den Trainerstab auch sportlich eigentlich unnötig erscheinen lässt. Nichtsdestoweniger wird Boateng bei Trabzonspor zukünftig mit dem viertwertvollsten Team der Liga zuammenarbeiten, zu dem unter anderem der im Sommer aus Liverpool gekommenen ägyptischen Star Mohamed Salah gehört.
Doch über seine Vergangenheit kann all das nicht wegtäuschen.
Und so bleibt die Frage, wie der Fußball ein Safer Space sein kann, wenn er Tätern immer weiter prestigeträchtige Jobs gibt? Oder viel eher: Warum es Trabzonspor nicht wichtig ist, ein Safer Space zu sein?
