Eine Neuheit! Aber noch viel zu tun – So startet die neue Frauen-Eishockey-Saison

Das Warm-up-Trikot der Frauenmannschaft des ERC Ingolstadt ist ein ganz besonderes Stück Stoff. Auf ihm steht: „Dieses Trikot ist der Stoff, aus dem die Träume gemacht sind. Wer es trägt, spielt in der besten deutschen Eishockey-Liga und hat die Aussicht, deutscher Meister zu werden.“ Doch auch wenn es im ersten Moment vielleicht so klingt, eine Kampfansage ist es nicht – im Gegenteil: Mit dem Entwurf will der Ingolstädter Künstler Alexander „Schukti“ Schuktuew nämlich auf die oftmals schwierige Situation aufmerksam machen, in der sich viele professionelle Eishockeyspielerinnen und andere Sportlerinnen befinden. Ihr Engagement steht zwar sportlich dem ihrer männlichen Kollegen in nichts nach, gleichzeitig verdienen sie nur einen Bruchteil dessen, was Männer im Profisport kassieren – wenn sie überhaupt etwas bekommen. Auch Förderprogramme sind meist auf männliche Sportler ausgerichtet. Und selbst die finanzstarken Investoren hinter den Männerteams, darunter in der DEL unter anderem die Anschatz Entertainment Group, SAP-Erbe Daniel Hopp und NIUS-Gründer Frank Gotthardt, tun auch viel zu wenig für mehr Geschlechtergerechtigkeit auf den Eisflächen ihrer Organisationen.

Die strukturellen Probleme im deutschen Frauen-Eishockey ziehen sich dabei hoch bis in die Nationalmannschaft. In diesem Jahr kehrte das Team zwar nach zwölf Jahren zu den olympischen Winterspielen zurück, im Aufgebot standen aber nur fünf Profispielerinnen: Sandra Abstreiter, Laura Kluge und Nina Jobst-Smith aus der nordamerikanischen PWHL, Emily Nix, die in Schweden aktiv ist, sowie Kapitänin Daria Gleißner, die als einzige vor zwölf Jahren bereits dabei war. Hinzu kommen die Zwillingsschwestern Luisa und Lille Welcke (Boston University), Svenja Voigt (St. Cloud State University) und Nina Christof (Rensselaer Polytechnic Institute), die für ihre Universitäten auflaufen und dabei auch fast unter Profi-Bedingungen trainieren. Die weiteren Spielerinnen arbeiten bestenfalls unter Halbprofi- beziehungsweise gehobenen Amateurbedingungen – im Leistungssport, bei Olympia. Trotzdem qualifizierte Deutschland sich fürs Viertelfinale, in dem die Mannschaft jedoch nach einem 1:5 gegen Kanada ausschied.

An der DFEL (Deutsche Frauen Eishockey Liga) nahmen in der vergangenen Saison nur fünf Mannschaften teil, darunter der HK Budapest aus Ungarn. Die meisten Mannschaften kommen aus dem Süden Deutschlands, weil die Reisekosten für die ehrenamtlichen Strukturen der Eishockey-Stammvereine im Westen nicht zu stemmen wären, verzichten Traditionsklubs wie die Kölner Haie oder die Düsseldorfer EG sogar trotz Einladung oder sportlicher Qualifikation auf den Aufstieg. Nachhaltig sind diese Strukturen nicht.

Und damit zurück nach Ingolstadt. Dort nämlich versucht man jetzt mit einem neuen Weg die Entwicklung des deutschen Frauen-Eishockeys voranzutreiben: Die Französin Marion Allemoz wird zur neuen Spielzeit die erste hauptamtliche Trainerin der Liga. Die heute 36-jährige Stürmerin war eine der ersten französischen Spielerinnen im Profi-Eishockey in Nordamerika. Viele Jahre war sie auch Kapitänin der französischen Nationalmannschaft.  Als Trainerin arbeitete sie bereits in der schwedischen Profi-Liga und als Video-Coach der französischen Frauen-Nationalmannschaft. Für Ingolstadt charmant: Allemoz ist mit Lore Baudrit verheiratet. Baudrit war bis zum Sommer selbst Profi-Eishockeyspieler, spielte beim ERC, die Familie braucht also nicht umzuziehen. „Wir haben uns entschieden, dass Budget umzulagern – nicht auf teure Importspielerinnen, sondern in eine hauptamtliche Trainerposition“, erklärt Teammanger Thorsten Krestel. Und weiter: „Für mich ist das ein wichtiges und richtiges Signal, wie wir hier am Eishockeystandort Ingolstadt weitermachen wollen.“

Mit der hauptamtlichen Trainerin sollen sich jetzt also auch die Schwerpunkte bei der Kaderplanung verlagern, die Talententwicklung in den Vordergrund rücken. Dafür sieht Krestel in Allemoz jedenfalls genau die richtige: „Sie war über 20 Jahre aktiv, hat eine Menge wissen. Sie kann und wird jungen Spielerinnen in ihrer Entwicklung helfen.“ Das soll die Investition nachhaltig machen. Kleiner Wehrmutstropfen: Auf der ERC-Website ist zumindest auf der Startseite keine Meldung mehr über die Allemoz-Verpflichtung zu finden. Dabei gehört auch Öffentlichkeitsarbeit zu einer ganzheitlichen Sportförderung zwingend dazu.

Aber zurück zum Sport. Denn wie die Liga in der kommenden Saison aussehen wird, ist noch unklar – über eine Ausweitung mit mehr Teams wurde immer wieder spekuliert. Klar ist aber, dass der Verband einen „Fördertopf Fraueneishockey“ ausgerufen hat – 100 000 Euro werden an die Liga ausgeschüttet. Unter welchen Voraussetzungen die Vereine hier partizipieren, ist noch nicht klar. Fakt ist: Mehr Mannschaften und professionellere Rahmenbedingungen sind unabdingbar, wenn man das Frauen-Eishockey in Deutschland stärken will. Das kann der Verband allein nicht lösen. Da gehören auch die Männer-Investoren in die Pflicht genommen.

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Von admin