Das wäre was! Manchester City droht im Finanzskandal, über den FanLeben.de hier bereits berichtet hat, laut Premier-League-Insidern ein so hoher Punktabzug, dass der englische Spitzenklub tatsächlich aus Englands höchster Spielklasse absteigen würde. Und das wäre noch nicht alles: Zudem solle ein weiterer gravierender Punktabzug in der kommenden Saison dafür sorgen, dass eine direkte Rückkehr in die Premier League für die Cityzens unmöglich wird. Dafür müsste sich die English Football League, die den Spielbetrieb unterhalb der Premier League organisiert, allerdings der Strafe anschließen – was jedoch nur als Formsache gilt.
Und darum geht es konkret: Der von der Premier League jetzt untersuchte Zeitraum reicht von 2009 bis 2018 und fällt damit in eine entscheidende Phase der Entwicklung von Manchester City. Nachdem der Klub von Investoren aus Abu Dhabi übernommen worden war, stiegen die finanziellen Möglichkeiten des Vereins logischerweise massiv. City entwickelte sich innerhalb weniger Jahre von einem eher durchschnittlichen Klub zu einer europäischen Spitzenmannschaft. Genau in diese Zeit fallen die Vorwürfe des Verstoßes gegen die Finanzregeln der Liga, die nun Gegenstand des langjährigen Verfahrens sind. Exakt 115 Vorwürfe hat die Premier League untersucht – und City dabei in 114 Fällen schuldig gesprochen.
Die Premier League wirft Manchester City dabei unter anderem vor, der Liga wichtige und teilweise grundlegende Finanzinformationen nicht vollständig zur Verfügung gestellt zu haben. Dabei geht es nicht lediglich um die Frage, ob bestimmte Summen korrekt verbucht wurden. Im Kern steht der Vorwurf im Raum, dass die Liga über die tatsächlichen finanziellen Verhältnisse des Klubs nicht ausreichend informiert gewesen sein könnte. Das ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Finanzregeln der Premier League darauf abzielen, die wirtschaftliche Stabilität der Vereine zu sichern und ihnen Grenzen bei ihren Ausgaben zu setzen.
Ein zweiter Komplex betrifft Zahlungen an Spieler und Trainer. Nach den Vorwürfen könnten dabei Vergütungen so gestaltet oder ausgewiesen worden sein, dass sie nicht mit den geltenden Finanzregeln der Premier League beziehungsweise den damaligen Financial-Fairplay-Vorgaben der UEFA vereinbar waren. Roberto Mancini, Pep Guardiolas Vorgänger als City-Trainer und inzwischen zum zweiten Mal italienischer Nationaltrainer, hat beispielsweise zugegeben, neben seinem Gehalt als City-Trainer ein zweites Salär in nahezu gleicher Höhe, jedoch direkt von den Eigentümern, bezogen zu haben als Gegenleistung für angebliche Beratungsleistungen eines Vereins in Abu Dhabi. Doch Mancini hat als Berater nachweislich nur wenige Tage im Jahr gearbeitet. Der Vorwurf lautet also, dass die City-Verantwortlichen das Gehalt ihres Trainers an Regeln und Einflussbereich der Premier League vorbei heimlich erhöhen wollten. Guardiola wiederum solidarisierte sich bereits mit Manchester City und seinen Eigentümern.
Erwartet wird, dass die Premier League ihr Urteil schon in den kommenden Wochen spricht. Und damit sogar noch vor Ablauf der Einspruchsfrist gegen den generellen Schuldspruch Ende Januar. Dabei gilt auch der Einspruch der Cityzens als reine Formsache. Allerdings könnte die Strafe auf diese Weise vorläufig vollstreckt werden, und die Liga hätte bis zum Ende der laufenden Saison Zeit, die Rechtssicherheit des Urteils herzustellen. Die Premier League macht ernst!
Allerdings: Die UEFA wollte Manchester City wegen ähnlicher Verstöße schon 2020 für zwei Jahre vom Europapokal ausschließen. Dieses Urteil wurde jedoch vom Internationalen Sportgerichtshof CAS kassiert, die damit verbundene Geldstrafe von 25 auf acht Millionen Pfund reduziert. Das Image beziehungsweise die Glaubwürdigkeit der UEFA litt. Dennoch nahm die Premier League vor sechs Jahren eigene Ermittlungen auf. Diese sind unabhängig vom UEFA-Urteil, beruhen teilweise auf neuen Beweisen und könnten deswegen auch vom CAS anders bewertet werden. Außerdem würde die Premier League mit den Punktabzügen nicht das härteste mögliche Strafmaß wählen. Auch ein genereller Ausschluss aus der Premier League, der mit einem Neustart in Liga vier verbunden wäre, sowie das Aberkennen der im Tatzeitraum gewonnenen Titel standen zur Disposition.
Das Paradoxe ist: Manchester City ist nicht erst durch die Investoren aus Abu Dhabi zu einem bedeutenden englischen Fußballverein geworden. In Manchester war City schon lange vorher die Nummer eins – zumindest in der Gunst der Fans. Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2001 zeigt beispielsweise, dass 40 Prozent der City-Dauerkarteninhaber aus dem Raum Manchester kamen, gegenüber rund 30 Prozent bei Manchester United. City hatte also anteilig mehr lokale Dauerkartenkund*innen als der Stadtrivale. Wie tief Citys Verankerung schon damals reichte, zeigte sich besonders in der Saison 1998/99: Obwohl der Verein damals in der dritten englischen Liga spielte, kamen zu einem Heimspiel gegen Stoke City 30.487 Zuschauer*innen – so viele, wie die Maine Road damals fassen konnte. Beide Vereine sind zudem fast gleich alt: Manchester United wurde 1878 gegründet, Citys Geschichte beginnt nur zwei Jahre später. In Deutschland ist City außerdem durch Bert Trautmann schon lange berühmt: Der Torhüter, der als Kriegsgefangener in den Nordwesten Englands kam und gegen dessen Verpflichtung zunächst 20.000 Fans demonstriert hatten, spielte sich in die Herzen der Cityzens und schrieb während des FA-Cup-Finals 1956 Geschichte, als er trotz Genickbruchs (!) weiterspielte. City gewann damals den Pokal. Über 500 Spiele machte Trautmann insgesamt bis 1964 für Manchester City; später wurde er für seine Verdienste um die britisch-deutsche Aussöhnung mit dem Order of the British Empire (OBE) ausgezeichnet.
Die Fans von Manchester City sind also treue Anhänger*innen eines bedeutenden Traditionsvereins. Und dass sie den Einstieg der Scheichs nicht allzu kritisch sehen, kann man nach all den sportlichen Krisen, die sie mit ihrem Verein durchmachen mussten, ja auch irgendwie verstehen – zumal im englischen Fußball nahezu jedes Team einem externen Investor gehört. Nichtsdestotrotz hat auch bei Manchester City in den letzten Jahren das Eventpublikum zugenommen. Man könnte auch sagen: Die Stamm-Fans wurden – unter anderem durch die Preispolitik der Investoren – verdrängt. Die neuen Eigentümer gaben dem Verein dabei übrigens auch ein neues Wappen und zogen mit dem Vereinsgelände in einen anderen Stadtteil um. Vor allem aber machten sie aus einem lokalen Fußballklub ein Franchise mit Filialen unter anderem in New York und Melbourne: die City Football Group.
Wie es für die nach einem möglichen Abstieg weiterginge? Das ist noch unklar. Aber sicher ist, dass viele sportliche Aushängeschilder wie Erling Haaland Manchester City verlassen dürften. Ein Neuaufbau über mehrere Jahre frisst Ressourcen und kostet Reputation. Es ist darum denkbar, dass sich die Eigner aus Abu Dhabi zurückziehen würden, wenn sich ein Kompromiss zu einer Nachfolgeregelung findet. Das hätte auch Symbolwirkung über den Standort Manchester hinaus: Denn auch anderen (potenzielle) Investoren würde gezeigt, dass das künstliche Aufpumpen von Klubs zum Scheitern verurteilt ist. Bei City war es bis zum Schuldspruch vielleicht sportlich erfolgreich, aber wie viele Trittbrettfahrer, die auch von einer City-Story geträumt haben, haben stattdessen ihre Klubs in den Abgrund gerissen? Gelingt es der UEFA darüber hinaus, endlich ein Verbot von Multi-Club-Ownership durchzusetzen, wäre auch ihre Reputation in diesem Verfahren wiederhergestellt.
Und gerade deswegen ist das Urteil der Premier League jetzt so wichtig. Weil es einerseits Investoren endlich mal die Grenzen aufzeigt. Das ist überfällig, weil alles andere langfristig die Seele des Spiels raubt und damit seine Existenzgrundlage zerstört. Aber auch, weil es den wahren Anhänger*innen von Manchester City die Möglichkeit gibt, sich darauf zu besinnen, was die Cityzens tatsächlich ausmacht, und so ihren Klub zurückzugewinnen.
