Rückblick: Schiedsrichter-Chaos schwächt sportliche Integrität

Es war auch eine WM der absurden Schiedsrichter-Entscheidungen. Das begann schon am ersten Gruppenspieltag im Spiel zwischen Frankreich und dem Senegal. In der 58. Minute kam es dort zu einem Zweikampf zwischen Sadio Mané und Kylian Mbappe im senegalisesischen Strafraum. Mané traf dort nicht den Ball, sondern nur den Gegner. Sah auch der VAR so, der Schiri Alireza Faghani in die Review-Area schickte. Dort blieb der iranische Referee aber auch nach Studium der TV-Bilder bei seiner Meinung: kein Elfer.

Diese Entscheidung war vielleicht auch ein Omen für weitere kuriose Schiedsrichter-Entscheidungen und überraschende VAR-(-Nicht-)Einsätze. Immer wieder im Fokus stand dabei vor allem die argentinische Mannschaft – und hier insbesondere Superstar und GOAT-Anwärter Lionel Messi: Schon im ersten Spiel der Argentinier hätte Messi nämlich für einen Tritt mit offener Sohle auf die Wade von Aissa Mandi die Rote Karte sehen müssen, doch Schiedsrichter Szymon Marciniak zeigte noch nicht einmal Gelb. Weiter ging es im Spiel gegen Ägypten: Hier war es Argentiniens Alexis Mac Allister, der unmittelbar vor dem Angriff, der zum Siegtreffer des Titelverteidigers in der Nachspielzeit führte, den Ägypter Hamdy Fathy im Strafraum der Südamerikaner klar erkennbar am Trikot gezogen hatte. Allerdings abseits des Balls. Schiri Francois Letexier blieb untätig und auch der VAR meldete sich nicht. Auch im Spiel gegen Österreich und selbst im Finale gegen Spanien gab es immer wieder (über)hartes Einsteigen der Argentinier, das nicht geahndet wurde. Der Eindruck: Hier half die FIFA bei der Messi-Mannschaft nach.

Zurück zum vermeintlichen Messi-Rot: Florin Balogun sah nach einer VAR-Intervention im Spiel der USA gegen Bosnien tatsächlich für eine vergleichbare Szene die Rote Karte. US-Boy Balogun landete im Zweikampf mit Tarik Muharemovic unbeabsichtigt auf Unterschenkel und Knöchel des Bosniers. Schiedsrichter Raphael Claus verwies Balogun deswegen in der 64. Minute des Feldes. Und es schloss sich die größte Schiri-Posse dieser Weltmeisterschaft, naja, eigentlich überhaupt im FIFA-Fußball an: Denn nach einer Intervention von US-Präsident Donald Trump annullierte die FIFA Sperre und Balogun durfte im nächsten Spiel direkt wieder mitspielen, FanLeben.de berichtete.

Aber auch sonst schienen Schiedsrichter-Entscheidungen im Zweifel eher für die „großen Teams“ auszufallen – was aber weiß Gott nicht im stimmte. Im Viertelfinale zwischen Frankreich und Paraguay etwa, war es Frankreich, das unter eine überraschend großzügigen Regelauslegung des Schiedsrichters zu leiden hatte. Schiedsrichter Ilgiz Tantashev zeigte im Verlauf des Spiels zwar drei Gelbe Karten, alle davon jedoch gegen Frankreich, obwohl allein der Schlag von Matias Galarz im Laufduell mit Mbappé in der 38. Minute einen Platzverweis hätte nach sich ziehen können. Oft waren Entscheidungen einfach falsch: Wie nach dem deutschen Führungstreffer gegen Kolumbien, das nach einem (viel zu) hohem Bein von Aleksandar Pavlovic in der unmittelbaren Entstehung niemals hätte zählen dürfen.

Alles in allem fiel auf, dass die Schiedsrichter-Linien arg uneinheitlich waren und insbesondere neue Regeln zu wenig kommuniziert wurden. Letzteres auch zum Nachteil der deutschen Mannschaft – wieder geht es um ein Paraguay-Spiel: Jonathan Tah köpfte da ja in der 102. Minute nach Ecke von Nathaniel Brown zum 2:1 für Deutschland ein. Doch der VAR schaltete sich ein und beorderte Schiri Jalal Jayed in die Review-Area. Der Unparteiische annullierte daraufhin den Treffer: Waldemar Anton soll Paraguays Keeper Orlando Gill regelwidrig behindert haben, was nach allen bisher bekannten Maßstäben alle Beteiligten – insbesondere die Schiri-Verantwortlichen des DFB – ziemlich überraschte. Erst hinterher klärte FIFA-Schiriboss Pierluigi Collina die Öffentlichkeit darüber auf, dass Torhüter im Fünfmeterraum bei der WM wieder besonderen Schutz genießen sollten, der zwischenzeitlich eigentlich mal aufgehoben worden war – naja. In Erinnerung bleibt auch der bitterlich weinende Breel Embolo, der in der 72. Minute im Spiel seiner Schweiz gegen Argentinien mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde. Auch hier griff der Viedeoschiedsrichter ein – das durfte er bei der WM nämlich auch bei Gelb-Roten Karten. Die Folge: Statt wie zunächst fälschlicherweise Gelb gegen Leandro Paredes wegen eines vermeintlichen Fouls zückte Schiri Joao Pinheiro nach der Review Gelb-Rot gegen Embolo wegen einer tatsächlichen Schwalbe. Oder

Im Sport gilt: Ohne die Integrität der Schiedsrichter-Entscheidungen kein glaubwürdiger Wettbewerb. Das beginnt damit, dass Regeländerung vor dem Turnierstart klar kommuniziert werden, es erfordert, dass die Regelauslegung über den Turnierverlauf gleichmäßig erfolgt, Nuancen in der Spielleitung einmal ausgenommen, und verkommt zur Farce, wenn Politiker*innen beim FIFA-Chef anrufen und damit Sperren aufheben (lassen) können. Insofern war die Fußballweltmeisterschaft für die Völkerverständigung im großen und ganzen ein Erfolg – zumindest nach allem, was aus den Kanada, Mexiko und den USA gehört hat. Werbung für den Fußballweltverband beziehungsweise ein Beleg für die sportliche Integrität war sie aber nicht. Die FIFA hat in der Qualität ihrer Schiedsrichter erheblichen Nachholbedarf.

Und der Weltfußball bei der Reform seines Weltverbandes erst recht.

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Von admin