Peps Solidarität

Pep Guardiola gibt sich gerne das Image eines linken Freiheitskämpfers: Ob er Gedichte eines katalanischen Autoren vorträgt, welche die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien fordern, selbst für eine separatistische Partei in seiner Heimat kandidiert oder in Kufiya über den Nahost-Konflikt referiert, der Startrainer inszeniert sich gerne Obrigkeitskritisch und staatsfern. Doch wenn es um Manchester City geht, bröckelt diese Fassade gewaltig.

Denn der Abu-Dhabi-Klub steckt gerade in einer schweren Krise, nach umfassenden Ermittlungen der Premier League drohen ManCity wegen Verstößen gegen die Finanzregeln empfindliche Strafen bis hin zum Zwangsabstieg. Pep, der die sportlich erfolgreichste Äre der Skyblues geprägt hat, den Klub aber im Sommer verließ, meldete sich aus diesem Grund gestern zu Wort und bekundete seine „immer fortdauernde“ Solidarität – ausdrücklich auch mit den Eigentümern. Doch das Herrscherhaus Abu Dhabis, das Manchester City kontrolliert, passt politisch sicher nicht zu den Werten, mit denen Guardiola sonst immer in Verbindung gebracht werden möchte. Endet Pep Guardiolas Aufrichtigkeit also mit dem passenden Gehaltsscheck?

Diese Frage ist aber natürlich nur ein Rand-Thema. Eigentlich geht es um die Frage, wie wehrhaft der Fußball tatsächlich ist, wenn es darum geht, die sportliche Integrität zu verteidigen. Diese Frage wird die Premier League in den nächsten Wochen beantworten müssen.

Und darum geht es konkret: Der von der Premier League jetzt untersuchte Zeitraum reicht von 2009 bis 2018 und fällt damit in eine entscheidende Phase der Entwicklung von Manchester City. Nachdem der Klub von Investoren aus Abu Dhabi übernommen worden war, stiegen die finanziellen Möglichkeiten des Vereins logischerweise massiv. City entwickelte sich innerhalb weniger Jahre von einem eher durchschnittlichen Klub zu einer europäischen Spitzenmannschaft. Genau in diese Zeit fallen die Vorwürfe des Verstoßes gegen die Finanzregeln der Liga, die nun Gegenstand des langjährigen Verfahrens sind.

Die Premier League wirft Manchester City dabei unter anderem vor, der Liga wichtige und teilweise grundlegende Finanzinformationen nicht vollständig zur Verfügung gestellt zu haben. Dabei geht es nicht lediglich um die Frage, ob bestimmte Summen korrekt verbucht wurden. Im Kern steht der Vorwurf im Raum, dass die Liga über die tatsächlichen finanziellen Verhältnisse des Klubs nicht ausreichend informiert gewesen sein könnte. Das ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Finanzregeln der Premier League darauf abzielen, die wirtschaftliche Stabilität der Vereine zu sichern und ihnen Grenzen bei ihren Ausgaben zu setzen.

Ein zweiter Komplex betrifft Zahlungen an Spieler und Trainer. Nach den Vorwürfen könnten dabei Vergütungen so gestaltet oder ausgewiesen worden sein, dass sie nicht mit den geltenden Finanzregeln der Premier League beziehungsweise den damaligen Financial-Fairplay-Vorgaben der UEFA vereinbar waren. Roberto Manchini, Guardiolas Vorgänger als City-Trainer und inzwischen zum zweiten Mal italienischer Nationaltrainer, hat beispielsweise zugegeben, neben seinem Gehalt als City-Trainer ein zweites Salär in nahezu gleicher Höhe jedoch direkt von den Eigentümern bezogen zu haben als Gegenleistung für angebliche Beratungsleistungen eines Vereins in Abu Dhabi. Doch Manchini hat als Berater nachweislich nur wenige Tage im Jahr gearbeitet. Der Vorwurf lautet also, dass die City-Verantwortlichen das Gehalt ihres Trainers an Regeln und Einflussbereich der Premier League vorbei heimlich erhöhen wollten.

Die Dimension des Verfahrens ist dabei außergewöhnlich. Insgesamt stehen 115 einzelne Vorwürfe im Raum. Und Manchester City wurde in 114 dieser Fälle schuldig gesprochen. Dagegen will Manchester City Berufung einlegen, der Klub betont – natürlich – seine Unschuld.

Für Manchester City könnte die Angelegenheit dennoch erhebliche Folgen haben. Die Premier-League-Regeln sehen für bestätigte Verstöße eine breite Palette möglicher Sanktionen vor. Dazu gehören Geldstrafen und Punktabzüge; unter bestimmten Voraussetzungen ist auch ein Ausschluss aus einem Wettbewerb möglich. Außerdem besteht die Möglichkeit, bereits errungene Titel nachträglich abzuerkennen. Guardiola könnte also seine Meisterschaften verlieren.

Damit geht es in dem Verfahren letztlich um mehr als eine Ansammlung einzelner Finanzverstöße. Es geht auch um die Glaubwürdigkeit eines Systems, das finanzielle Regeln als Rahmen für den Wettbewerb im englischen Profifußball etabliert hat. Sollte sich ein großer Teil der Vorwürfe endgültig bestätigen, würde zwangsläufig die Frage aufgeworfen, welche Bedeutung diese Regeln besitzen, wenn ein finanziell besonders leistungsfähiger Klub sie über einen längeren Zeitraum verletzen konnte. Die Glaubwürdigkeit der sportlichen Integrität könnte nur dann zurückgewonnen werden, wenn die Liga City auch tatsächlich hart sanktioniert. Das sieht auch ein weiterer Kollege von Pep Guardiola so: David Bernstein, dem der Klub vor dem Abu-Dhabi-Einstieg gehörte, forderte unlängst den Zwangsabstieg.

Glaubwürdigkeit und Standhaftigkeit sind untrennbar miteinander verbunden – das gilt für Fußball-Ligen genauso wie für Fußball-Trainer. Über Pep Guardiola kann sich jede*r selbst ein Urteil bilden. Bei Manchester City liegt die Verantwortung jetzt bei der Premier League.

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Von admin