Die Iserlohn Roosters sind heute allen Eishockey-Fans ein Begriff. Aber eine Episode ihrer Vereinsgeschichte – naja, an die mag sich nicht jede*r gerne erinnern. Es geht um eine katastrphale Sponsoringentscheidung. Noch absurder, als würde KFC das Roosters-Trikot zieren. Wie das gehen soll? FanLeben.de rekonstruiert eine absurde Epoche deutscher Eishockey-Geschichte.
Aber der Reihe nach: Denn die Wurzeln des Iserlohner Eishockeys reichen bis in die 1950er-Jahre zurück. In Deilinghofen, einem heutigen Ortsteil der Nachbarstadt Hemer, waren kanadische Soldat*innen stationiert. Sie brachten ihre Begeisterung für den Eishockeysport mit und errichteten eine Eisfläche, auf der sie ihrem Lieblingssport nachgehen konnten.
Bald ließen sich auch Jugendliche aus der Umgebung von der schnellen und körperbetonten Sportart begeistern. Sie sammelten ausrangierte Schläger, spielten auf zugefrorenen Teichen und trainierten schließlich auf der Eisfläche der Kanadier. Die Begeisterung wuchs, und am 8. März 1958 trat eine Deilinghofer Mannschaft erstmals gegen ein kanadisches Nachwuchsteam an. Zwar ging die Partie mit 2:6 verloren, doch der Grundstein für eine außergewöhnliche Eishockeygeschichte war gelegt.
1959 wurde der EC Deilinghofen gegründet. Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich Schritt für Schritt ein Verein, der die Sportlandschaft im Sauerland nachhaltig prägen sollte. Die Vereinsgeschichte verlief keineswegs geradlinig. Nach dem Umzug des Spielbetriebs nach Iserlohn im Jahr 1971 folgten mehrere Umbenennungen: Aus dem EC Deilinghofen wurde 1979 der ECD Iserlohn, 1988 der ECD Sauerland und 1994 schließlich der Iserlohner EC. Auch sportlich gab es wichtige Meilensteine. 1969 gewann der Klub die westdeutsche Meisterschaft, 1977 gelang der Aufstieg in die Bundesliga. 1989 folgte die Oberliga-Meisterschaft, 1990 die Meisterschaft der 2. Bundesliga Nord.
Die prägendste Figur im Sauerländer Eishockey in dieser Zeit war der Heinz Weifenbach, Präsident und Mäzen des Klubs, ein Mann, der sich fast nie ohne Zigarre und extravagante Anzüge zeigte. Der Bauunternehmer aus Hemer übernahm Anfang der 1980er-Jahre den Vorsitz des ECD Iserlohn und prägte eine der sportlich ambitioniertesten Phasen des Vereins. Er verpflichtete namhafte Spieler, darunter internationale Stars, und führte die Mannschaft in der Saison 1985/86 bis ins Halbfinale um die deutsche Meisterschaft. Doch hinter den sportlichen Erfolgen türmten sich finanzielle Probleme auf. Das Finanzamt forderte Millionenbeträge an Steuerschulden. 1986 wurden Geschäftsräume des Vereins und Wohnungen von Spielern durchsucht. Gehälter gerieten ins Stocken, und die Zukunft des Bundesligisten stand auf dem Spiel.
Weifenbach hatte nach Berichten auch persönlich erhebliche finanzielle Risiken für den Klub übernommen. Ende 1987 suchte er deshalb nach einem neuen Geldgeber, der den Verein vor dem Zusammenbruch bewahren konnte. Eine entscheidende Rolle spielte Hans Meyer, der frühere CDU-Bürgermeister der Nachbarstadt Hemer. Meyer verfügte – wieso auch immer – über internationale Kontakte und brachte Weifenbach mit dem Umfeld des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi in Verbindung. Nochmal, weil es so absurd klingt: Ein CDU-Kommunalpolitiker aus dem Sauerland hilft, DEN Gaddafi als Eishockey-Sponsor im Sauerland zu gewinnen.
Und so lief das ab: Gemeinsam reisten Weifenbach und Meyer mit ein paar Sauerländer Geschäftsleuten nach Libyen. Dort traf der Vereinspräsident den Machthaber persönlich. Die Begegnung wurde später zu einer der bekanntesten Episoden der Iserlohner Vereinsgeschichte. Aus den Gesprächen ging eine Vereinbarung hervor, die dem ECD eine finanzielle Perspektive eröffnen sollte. Im Gegenzug sollte der Verein für Gaddafis „Grünes Buch“ werben. Das Werk enthielt die politische Ideologie des libyschen Machthabers, seine sogenannte Dritte Universaltheorie, mit der er einen Gegenentwurf zu westlicher parlamentarischer Demokratie und den etablierten Wirtschaftsordnungen propagierte. Klingt nicht gerade nach CDU-Parteiprogramm – aber das nur am Rande. Für die Werbevereinbarung standen nach den damaligen Berichten 1,5 Millionen D-Mark im Raum. Die genaue Abwicklung und der tatsächliche Geldfluss werden in den historischen Darstellungen unterschiedlich beschrieben. Unstrittig ist, dass der Deal die öffentliche Aufmerksamkeit auf den ECD lenkte und der Verein das Sponsoring schließlich auf dem Eis sichtbar machte.
Am 4. Dezember 1987 trat der ECD Iserlohn gegen Rosenheim an. Auf den Trikots der Sauerländer prangte die Werbung für das „Grüne Buch“. Aus einem gewöhnlichen Bundesligaspiel wurde ein internationales Medienthema. Fernsehteams und Journalisten berichteten aus Iserlohn. Auch internationale Medien griffen die Geschichte auf. Die Frage, ob ein deutscher Sportverein für die politische Schrift eines international geächteten Machthabers werben durfte, beschäftigte die Öffentlichkeit. Denn zur Erinnerung: Gaddafi war auch schon zu dieser Zeit keineswegs ein gewöhnlicher ausländischer Politiker oder gar Sponsor. Sein Regime stand international wegen seiner autoritären Herrschaft und seiner Verbindungen zum internationalen Terrorismus in der Kritik. Nach dem Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle 1986 hatten die USA Libyen bombardiert. Der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann kritisierte die Aktion als Verletzung der politischen Neutralität des Sports. Auch Eishockey-Bundestrainer Xaver Unsinn warnte vor einer Instrumentalisierung des Sports für politische Zwecke. Weifenbach hingegen stellte die Angelegenheit als Werbevertrag dar und erklärte, er betrachte Gaddafi vor allem als Schriftsteller. Diese Darstellung konnte die öffentliche Empörung nicht aufhalten. Der Deutsche Eishockey-Bund drohte mit Konsequenzen, falls der ECD erneut mit der umstrittenen Werbung antreten sollte. Bereits zwei Tage später, am 6. Dezember, lief die Mannschaft wieder in ihren regulären Trikots auf. Nichtsdestoweniger hatte Iserlohn hier das Sportwahsing erfunden.
Der Sponsoringdeal brachte nicht die erhoffte Rettung. Während die Diskussionen um die Gaddafi-Werbung anhielten, blieb die finanzielle Lage des ECD dramatisch. Am 11. Dezember 1987 wurde die Zahlungsunfähigkeit des Vereins bekannt gegeben. Der Spielbetrieb in der damaligen Eishockey-Bundesliga war beendet. Weifenbach musste sich zurückziehen und wurde im Zuge seiner Steuer-Verbrechen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Meyer musste als Bürgermeister zurück- und aus der CDU austreten. Erst 2003 konnte er sich politisch rehabilitieren und wurde zum Altbürgermeister ernannt, 2004 erhielt er sogar noch das Bundesverdienstkreutz. Der ECD Deilinghofen wurde später als ECD Sauerland neu aufgestellt. Weitere Krisen und ein erneuter Konkurs folgten, ehe mit dem Iserlohner EC eine neue Grundlage entstand. Im Jahr 2000 begann schließlich die DEL-Ära der Iserlohn Roosters – als ausgerechnet die Lizenz von den Starbulls Rosenheim übernommen werden konnte.
Die Zeit in der DEL brachte den Roosters immer wieder sportliche Höhepunkte, aber auch Rückschläge. Eine besonders erfolgreiche Hauptrunde erlebte Iserlohn in der Saison 2015/16: Die Mannschaft belegte den dritten Platz und qualifizierte sich mit Heimrecht für die Playoffs. In der anschließenden Viertelfinalserie gegen die Nürnberg Ice Tigers war jedoch nach sechs Spielen Schluss. Auf solche Erfolgserlebnisse folgten schwierige Phasen. Fehlende Konstanz, Umbrüche im Kader und mehrere Trainerwechsel machten es dem Verein schwer, sich dauerhaft in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen. Auch die Playoff-Teilnahme in der pandemiebedingt ausgetragenen Saison 2020/21 blieb eine Ausnahme in einer ansonsten wechselhaften Entwicklung. Auch in diesem Jahr spielt die Mannschaft vom Seilersee vor allem gegen den Abstieg.
Das Umfeld des Vereins aber hat sich beruhigt. Regionale Geschäftsleute agieren heute als Gesellschafter, viele Fans tragen den Klub mit ihrem ehrenamtlichen Engagement. Die Jugendarbeit ist überregional anerkannt. Das Chaos der 80er Jahre gehört der Vergangenheit an. Die Gründungsgeschichte ist eine, die von Völkerverständigung erzählt. Und doch bleibt der Klub für immer auch der, der das Sportwashing nach Deutschland geholt hat.
