Boca gegen River – aber in Madrid

Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens, eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé, den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung, den Zerfall Jugoslawiens, das sowjetische Ungarn, einen WM-Torschützen ohne Schuh und eine ungewöhnliche Trinkpause berichtet haben, geht es heute um einen Argentinischen Klassiker in Madrid. Los gehts!

Madrid, 9. Dezember 2018. Im Santiago Bernabéu läuft die 109. Minute. 62.282 Menschen schauen auf Juan Fernando Quintero. Der Kolumbianer war erst gut 50 Minuten zuvor eingewechselt worden. Jetzt nimmt er den Ball vor dem Strafraum an und zieht mit links ab. Der Schuss schlägt unter der Latte ein. 2:1 für River Plate.

Das Bernabéu explodiert.

Eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches für dieses Stadion. Nur: Diesmal sind die Farben auf den Rängen nicht die von Real Madrid. Rot und Weiß treffen auf Blau und Gold. Und die Fans feiern kein Spiel aus La Liga oder Champions League, sondern das Endspiel der Copa Libertadores, des wichtigsten Vereinswettbewerbs Südamerikas.

Wenige Minuten später macht Gonzalo Martínez alles klar. Boca-Torwart Esteban Andrada ist längst mit nach vorne gegangen, Martínez läuft allein auf das leere Tor zu und schiebt zum 3:1 ein. River Plate ist Sieger der Copa Libertadores. Und der größte Vereinsklassiker Argentiniens ist ausgerechnet in Madrid entschieden worden.

Wie konnte dieses Spiel dorthin kommen?

Um das zu verstehen, muss man fast einen Monat zurückgehen.Am 11. November 2018 hatte das Hinspiel stattgefunden. Boca Juniors empfing River Plate in der Bombonera. Zum ersten Mal in der Geschichte standen sich die beiden Erzrivalen in einem Finale der Copa Libertadores gegenüber. Es wurde ein würdiges erstes Kapitel: Boca ging zweimal in Führung, River kam zweimal zurück. Am Ende stand es 2:2. Ramón Ábila und Darío Benedetto trafen für Boca, Lucas Pratto und ein Eigentor von Carlos Izquierdoz für River. Alles war offen für das Rückspiel. Das sollte am 24. November im Monumental stattfinden, dem Stadion von River. Eigentlich.

Doch wenige Stunden vor dem Anpfiff verließ der Boca-Mannschaftsbus sein Hotel und machte sich auf den Weg zum Stadion. Je näher er dem Monumental kam, desto dichter wurde die Menge. River-Anhänger hatten sich entlang der Zufahrtswege versammelt. Es flogen Gegenstände. Steine utrafen den Bus, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Pfefferspray drang ins Innere. Spieler wurden von Glassplittern getroffen. Die medizinischen Berichte dokumentierten unter anderem Schnitt- und Augenverletzungen sowie Beschwerden durch das eingeatmete Reizmittel. Zwei Spieler mussten nach ihrer Ankunft im Stadion ins Krankenhaus gebracht werden. Das spätere Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs CAS bestätigte ausdrücklich, dass der Angriff Verletzungen verursacht hatte.

Das Spiel wurde in der Folge verschoben. Zwischenzeitlich sollte es später am selben Tag stattfinden, dann am nächsten. Doch die Lage beruhigte sich nicht. Auch der Sonntag war nicht zu halten. Denn Boca wollte nach den Vorfällen so nicht antreten, stattdessen forderte man, River Plate nach dem Verhalten seiner Fans ganz aus dem Wettbewerb auszuschließen. River Plate wiederum wollte das Rückspiel weiter im Monumental austragen lassen. Letztlich musste der zuständige Fußballverband, die CONMEBOL, eine Entscheidung treffen. Und die CONMEBOL verurteilte River Plate schließlich zu zwei Heimspielen ohne Zuschauer und einer Geldstrafe in Höhe von 400.000 US-Dollar.

Doch River Plate wurde nicht aus dem laufenden Wettbewerb der Copa Liberatodes ausgeschlossen. Das Final-Rückspiel sollte wieter stattfinden. Aber nicht ohne Fans, sondern außerhalb Argentiniens. Am 29. November verkündete CONMEBOL-Präsident Alejandro Domínguez deswegen schließlich: Das Finale wird am 9. Dezember im Santiago Bernabéu in Madrid ausgetragen. Tatsächlich gab es noch andere Interessenten: Alejandro Domínguez vom Verband verriet später sogar, dass unter anderem Miami, Medellín, Genua und Städte in Brasilien als mögliche Austragungsorte im Gespräch gewesen seien. Warum also Madrid? Die Wahl eines spanischen Stadions lag jedoch unter anderem aufgrund der gemeinsamen Landessprache nahe, außerdem gibt es in Spanien ein großes Interesse am argentinischen Fußball und die Möglichkeit für argentinische Fans, vor allem Anhänger*innen der Boca Juniors, relativ einfach an Visa zu kommen. Zudem gibt es „350.000 Argentinier in Spanien“, erklärte Domínguez. Man habe ihnen die Möglichkeit geben wollen, dieses Spiel zu erleben. Das Bernabéu sei „wie das Mekka des Fußballs in der Welt“.

Guillermo Barros Schelotto, damals Trainer von Boca, fand darum auch lobenende Worte für die Entscheidung. Das Bernabéu sei ein hervorragender Austragungsort, sagte er, „aber es ist ein Finale Südamerikas und hätte in Südamerika gespielt werden müssen.“ Leztendlich zeigte er sich vor allem über die Notwendigkeit der Verlegung enttäuscht: „Wir sollten heute darüber sprechen, dass Boca und River Argentinien im Vereinsfußball auf die höchste Ebene der Libertadores gebracht haben – und stattdessen sprechen wir über Gewalt“, ergänzte Schelotto nämlich.

Dazu kam natürlich die Infrastruktur. Ein Spiel dieser Größenordnung musste innerhalb kürzester Zeit organisiert werden. Madrid konnte ein Stadion, internationale Verkehrsverbindungen, Hotels und ein enormes Sicherheitsaufgebot bieten. Für das Spiel wurde ein Sicherheitsaufgebot von fast 4.000 Einsatzkräften mobilisiert. Die Stadt rechnete mit einem wirtschaftlichen Effekt von mindestens 55 Millionen Euro. Es waren paradoxe Tage in Spaniens Hauptstadt: Madrid bereitete sich auf ein Fußballspiel vor, das eigentlich auf einem anderen Kontinent hätte stattfinden sollen.

Für die Spieler war die Situation ebenso surreal. Boca und River Plate hatten seit dem Hinspiel fast einen Monat auf das Finale gewartet. Zwischen den beiden Partien lagen schließlich 28 Tage. Dann die Reisestrapazen. Carlos Tévez, damals Spieler der Boca Juniors, kritisierte die Verlegung nach Europa und hätte das Finale lieber in Buenos Aires gespielt. Auch andere Boca-Spieler äußerten ihren Unmut über die Verlegung. Aber die Entscheidung war gefallen. Und unter Abwägung aller Faktoren und Argumente ja auch irgendwie verständlich.

Und als dann der Ball am 9. Dezember um 20.30 Uhr im Bernabéu rollte, trat auch wieder der Fußball selbst in den Mittelpunkt des Geschehens. Boca ging kurz vor der Pause durch Darío Benedetto in Führung. River antwortete nach 68 Minuten. Lucas Pratto traf zum 1:1. Dann ging es – wie erwähnt – in die Verlängerung. In der 92. Minute sah Bocas Wilmar Barrios die Gelb-Rote Karte. River Plate spielte plötzlich mit einem Mann mehr. Und dann kam eben Quintero mit seinem Treffer zum 2:1 in der 109. Minuten. Jetzt musste Boca aufmachen. In der letzten Minute der Verlängerung bekam River Plate darum immer wieder die Gelegenheit zu Kontern. Nach einer Standardsituation war Boca-Schlussmann Andrada schließlich weit aus seinem Tor gekommen. Gonzalo Martínez nutzte nach einem Befreiungsschlag die ihm sich bietende Gelegenheit, lief auf das leere Tor zu und schob den Ball zum 3:1 hinein. Der Siegtreffer – bejubelt von einer beeindruckenden Kulisse von 62.282 Zuschauer*innen im Bernabéu.

Die Copa Libertadores ging zum vierten Mal an River Plate. Es war das erste Libertadores-Finale, das außerhalb Südamerikas ausgetragen wurde. Nötig geworden war die Verlegung wegen dem Fehlverhalten einiger River-Plate-Fans, das ausgerechnet sie daraufhin einen der größten Erfolge ihrer Vereinsgeschichte feiern konnten, hat einen unangenehmen Beigeschmack. Ebenso wie es einfach traurig ist, dass es der Fußball nicht geschafft hat, dieses historische Spiel in Buenos Aires auszutragen.

Aus dem Monumental wurde das Bernabéu. Aus einem Heimspiel wurde ein neutrales Spiel. Aus einem argentinischen Finale wurde ein globales Ereignis. Ein Finale der Copa Libertadores, das so groß war, dass es nach Madrid musste – und gleichzeitig so beschädigt, dass es dort stattfinden musste.

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Von admin