Für Vladimir Kovacik war die Rad-Weltmeisterschaft nach gut 100 Kilometern vorbei. Aber dass er überhaupt angetreten war, war eine große Überraschung – auch für Kovacik selbst. Und für die Slowakei war sein Einsatz trotz allem wichtig. Klingt unübersichtlich? Wir bringen Ordnung in die vielleicht kurioseste Radsport-Geschichte des Jahres.
Eigentlich arbeitet Vladimir Kovacik als Masseur der slowakischen Radsportnationalmannschaft. Doch am Sonntag musste der 28-jährige als Sportler einspringen und das 273,4 Kilometer lange WM-Straßenrennen bestreiten. Warum? „Unsere Fahrer konnten nicht kommen, weil sie verletzt sind oder aus anderen Gründen. Also war Vladimir Kovacik unsere letzte Option“, erklärte Nationaltrainer Jakub Vanco. Die Personalnot hatte also gesagt mehrere Gründe. Zwei slowakische Fahrer fielen in Montreal verletzt aus, einem dritten verweigerte sein Team die Freigabe.
Doch ganz auf einen Starter zu verzichten, war für den Verband allerdings keine Option. Das hätte Auswirkungen auf die Olympia-Qualifikation haben können. Der Weltverband UCI hätte die nationalen Meisterschaften zurückstufen können. Für die Fahrer hätte das bedeutet, dort nur noch halb so viele Punkte für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles sammeln zu können. Aber Spielraum für eine Nachnominierung hatte der Verband am Sonntagabend eben nicht mehr: Denn die Meldefrist war bereits abgelaufen, es musste also eine kreative Lösung gefunden werden. Kovacik erfüllte seine Pflicht schließlich – zumindest über die ersten 100 Kilometer. Danach musste er das Rennen jedoch erschöpft beenden: Als sich das Feld den schweren Schlussrunden näherte, nahm ihn die Jury gemeinsam mit anderen bereits abgehängten Fahrern aus dem Rennen.
Dass die Slowakei bei einer WM mit einem Masseur statt einem Profi an den Start ging, steht dabei irgendwie sinnbildlich für den derzeitigen Zustand des slowakischen Radsports. Das war früher, zu Zeiten von Peter Sagan, noch anders. Von 2015 bis 2017 gewann der ehemalige Mountainbiker und Querfahrer dreimal das Regenbogentrikot im WM-Strassenrennen und machte die Slowakei zu einer Macht im internationalen Radsport. Heute fehlt dem Land ein Fahrer aus der Weltspitze. In Montreal sorgte deshalb ausgerechnet ein Masseur dafür, dass die Slowakei überhaupt im WM-Rennen vertreten war.
