Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens, eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé, den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung, den Zerfall Jugoslawiens, das sowjetische Ungarn, einen WM-Torschützen ohne Schuh, eine ungewöhnliche Trinkpause und ein argentiniesches Topspiel in Madrid berichtet haben, geht es heute um das erste Mal – im Elfmeterschießen. Los gehts!
Es ist ein Sommerabend in Hull. Im Boothferry Park verfolgen 34.007 Zuschauer*innen das Halbfinale des Watney Cup. Auf dem Platz stehen sich zwei Mannschaften gegenüber, deren Voraussetzungen unterschiedlicher kaum sein könnten: Hull City, der Außenseiter aus der zweiten englischen Liga, und Manchester United mit seinen Weltstars George Best, Bobby Charlton und Denis Law.
Die Gäste bringen große Namen und internationale Erfahrung mit. Doch der Pokal hat seine eigenen Gesetze – und so sollten an diesem Abend nicht allein die Stars im Mittelpunkt stehen: Als nach 120 Minuten noch immer kein Sieger feststeht, wird eine Entscheidungsfindung ausprobiert, die den Fußball prägen wird. Zum ersten Mal wird in einem professionellen Pflichtspiel in England ein Elfmeterschießen über den Sieger entscheiden.
Was heute selbstverständlich erscheint, ist damals noch Neuland. Und ausgerechnet ein Torwart wird zum Helden und tragischen Verlierer zugleich.
Das es überhaupt soweit kommt, ist eine beeindruckenden Mannchaftleistung von Hull City zu verdanken. Chris Chilton bringt die Gastgeber in der 11. Minute überraschend in Führung. Manchester United muss reagieren und benötigt lange, um ins Spiel zurückzufinden. Hull verteidigt engagiert, geht weite Wege, kämpft und beißt. Erst zwölf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit gelingt Denis Law für die Red Devils der Ausgleich. Nach 90 Minuten steht es also 1:1. Es geht in die Verlängerung, doch in der Verlängerung fällt kein weiteres Tor.
Nun stellte sich die Frage, wie ein Sieger gefunden werden soll. Münzwurf, Wiederholungsspiel – in der Vergangenheit hatte es ganz unterschiedliche Möglichkeiten gegeben, ein solches Spiel zu entscheiden. Doch am 27. Juni 1970 hatte das International Football Association Board (IFAB), das für die Fußballregeln zuständige Gremium, eben eine Methode zur Entscheidung unentschiedener K.-o.-Spiele angenommen – das Elfmeterschießen. Spannend: Die Regeln waren damals schon die selben wie heute. Fünf Schützen, die abwechselnd antreten, danach ein K.-o.-System. Und an diesem 5. August 1970 kam die neue Methode nun erstmals in einem professionellen Pflichtspiel zum Einsatz. Natürlich in England.
Wie sich diese neue Form der Entscheidung unter Wettkampfbedingungen anfühlen würde, wusste noch niemand genau. Für die Spieler bedeutete sie eine ungewohnte psychische Belastung. Für die Zuschauer*innen war sie ein Schauspiel, bei dem jeder einzelne Schuss die Entscheidung näher bringen konnte. Und so begann in Hull ein Stück Fußballgeschichte.
Als erster Schütze von Manchester United tritt George Best an. Der nordirische Star gehört zu den berühmtesten Fußballern seiner Zeit. Nun steht er vor einer Aufgabe, die selbst für einen Spieler seiner Klasse eine besondere Situation darstellt. Best verwandelt. Der erste Versuch der Elfmeterschießen-Serie ist erfolgreich.
Auch die folgenden Schützen treffen. Terry Neill, Brian Kidd, Ian Butler und Bobby Charlton bringen ihre Mannschaften im Rennen um den Finaleinzug voran. Es bleibt eng. Ein einziger Fehlschuss kann alles verändern.
Dann ist Denis Law an der Reihe. Der Angreifer, der Manchester United zuvor mit seinem Ausgleichstreffer gerettet hat, scheitert an Hulls Torwart Ian McKechnie.
Doch damit ist das Drama ist noch nicht vorbei. Denn auch Hulls Ken Wagstaff kann seinen Versuch nicht verwandeln. Manchester United nutzt seine Chancen, gleicht aus und hält den Druck aufrecht.
Schließlich hängt alles an Ian McKechnie. Der Torwart, der eben noch Denis Law gestoppt hat, muss nun selbst vom Elfmeterpunkt antreten. Auf der anderen Seite steht Alex Stepney, der Schlussmann von Manchester United. Doch McKechnies Schuss verfehlt sein Ziel, prallt gegen die Oberkante der Latte und springt zurück ins Feld.
Manchester United gewinnt das Elfmeterschießen mit 4:3 und zieht ins Finale ein.
Der ehemalige Hull-Spieler Frankie Banks verteidigte rückblickend die Entscheidung, McKechnie antreten zu lassen. Der Torwart habe einen guten linken Fuß gehabt und sei bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen. Dass sein Versuch scheiterte, machte die Entscheidung im Nachhinein nicht automatisch falsch. Ein kleiner Trost für den Keeper: Er ist der erste Torwart, der einen Ball in einem Elfmeterschießen hielt.
Der Watney Cup war ein Wettbewerb seiner Zeit und verschwand später wieder aus dem Fußballkalender. Das Elfmeterschießen hingegen setzte sich zunehmend durch. Es wurde in weiteren Wettbewerben eingesetzt und entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des internationalen K.-o.-Fußballs. Auch bei Weltmeisterschaften kam es schließlich zum Einsatz: 1982 wurde das Elfmeterschießen erstmals bei einer WM verwendet. Das erste WM-Spiel, das auf diese Weise entschieden wurde, war das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich bei der Weltmeisterschaft 1982.
