VAR-Fehler bei Union Berlin: Und plötzlich fehlen die Bilder

37 Minuten waren am Sonntag gespielt, als Kölns Said El Mala beim Auswärtsspiel gegen den 1. FC Union Berlin schmerzverzehrt am Boden lag. Gespielt war das nicht – im Gegenteil: Nach einem öffnenden Pass von Paul Okon-Engstler war Union-Verteidiger Zeno van den Bosch dem 20 Jahre alten Nationalspieler von hinten auf den Knöchel getreten, Schiedsrichter Richard Hempel ahndete das Einsteigen mit einer Gelben Karte.

Eine Entscheidung, die überraschte. Immerhin kam van den Bosch von hinten in den Zweikampf, mit hohem Tempo und eben mit offener Sohle direkt auf den Knöchel. Eine Szene also, die Schiedsrichter Hempel zumindest per Video noch einmal hätte überprüfen sollen, fanden (nicht nur) viele Kölner*innen. Aber Hempel ging nicht in die Video-Area. Stattdessen lief das Spiel nach einer kurzen Unterbrechung weiter.

Warum? Wie jetzt bekannt wurde, konnte der Schiedsrichter keine eigene Videoüberprüfung vornehmen, weil es schlichtweg keine passenden Bilder gab. Keine einzige der zahlreichen Kameras im Stadion An der Alten Försterei lieferte nämlich die für einen VAR-Eingriff nötigen hochauflösenden Bilder. Nur die Hintertorkamera, deren Bilder Fans auch vor dem Fernseher gezeigt bekamen, hatte die Szene korrekt eingefangen. Aber aus zu großer Distanz, als dass man sie für eine Videoüberprüfung seriös hätte einsetzen können. Videoschiedsrichter Patrick Hanslbauer konnte seinem Chef damit nicht unterstützen.
Die ganze Geschichte wird noch absurder, weil die ARD mit einer eigenen El-Mala-Kamera im Stadion vor Ort war. Doch deren Bilder standen den Schiedsrichtern während des Spiels nicht zur Verfügung. Das System Videobeweis: So ad absurdum geführt. Denn es gab zwar eindeutige Bilder, nur der Schiedsrichter konnte sie nicht sehen. Also alles wieder exakt so wie in den Zeiten vor der VAR-Einführung.

Dabei ist der Videobeweis ja mittlerweile in seiner neunten Saison. Nur so richtig glücklich ist trotzdem noch niemand damit. Da sind jedes Wochenende strittige VAR-Entscheidungen in der ersten und zweiten Bundesliga. Und da sind jedes Wochenende stritte Schiedsrichter-Entscheidungen von der dritten Liga aus abwärts, wo es den Videoassistenten ja (immer) noch nicht gibt. Die Kritiker*innen bemängeln zurecht: Der Videobeweis sollte für möglichst viel Objektivität sorgen – das aber gelingt ihm selbst bei vermeintlichen Tatsachenentscheidungen wie Abseitsstellungen nicht immer. Und immer wieder sind auch Szenen spielentscheidend, bei denen der VAR nicht eingreifen kann. Jetzt kommen noch Szenen hinzu, bei denen schlichtweg das Videomaterial fehlt. Und lange dauern die Unterbrechungen auch noch.

Fakt ist aber auch: Jedes Wochenende werden Fehlentscheidungen von Schiedsrichter*innen mit Hilfe des Videobeweises korrigiert. Insgesamt sind die Spiele durch den VAR fairer worden. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Ist näher an der Korrektheit genug für ein Tool, von dem sich alle ursprünglich die Wahrheitsfindung versprachen?

Die Meinung vieler Fans ist ein klares ‚Nein!‘. Viele Offizielle sehen zumindest auch einen gewissen Reformbedarf. Seit einem Jahr testet die FIFA deswegen die Challange-Regel. Mit einer „Challenge“ können Trainer*innen die Prüfung einer konkreten Schiedsrichterentscheidung einfordern. Pro Halbzeit hat jede Mannschaft einmal die Möglichkeit zur „Challange“. Der Schiedsrichter schaut sich dann – wie man es aus der Bundesliga kennt – an einen Monitor am Spielfeldrand die zu überprüfende Szene noch einmal an und bewertet sie gegebenenfalls neu. Gibt er der challangenden Mannschaft Recht, behält die ihre „Challange“-Möglichkeit, bleibt der Schiedsrichter hingegen bei seiner Bewertung, darf der entsprechende Trainer erst in der nächsten Halbzeit wieder eine Schiedsrichterentscheidung überprüfen lassen. So soll für einen sorgsamen Einsatz garantiert werden.

Die Regelhüter*innen bei der FIFA erklären den Einsatz übrigens so: „Der Antrag muss sofort nach dem Vorfall gestellt werden, indem die jeweilige Person einen Finger in der Luft kreisen lässt und dem vierten Offiziellen eine Karte zur Beantragung einer Videoüberprüfung überreicht“. Praktisch gibt es auf den Trainerbänken dafür ein Tablet, auf dem Szenen sofort in der Wiederholung angesehen werden können. So geht keine Szene verloren und die Trainer*innen können gut abschätzen, ob sich beim jeweiligen Vorfall eine „Challange“ auch tatsächlich lohnt.

Getestet wird die Regel unter anderem bei Nachwuchsturnieren der FIFA. Aber nicht nur dort: In Spanien haben die oberste Liga der Frauen und die 3. Liga der Männer dadurch nun technische Hilfsmittel für die Unparteiischen. Dasselbe gilt für die Serie C der Männer und die Serie A der Frauen in Italien. Auch in einigen Wettbewerben Brasilien kommt die „Challange-Regel“ zum Einsatz. Ihr Vorteil: Die Mannschaften können aktiver an der Entscheidungsfindung beziehungsweise der Regelhütung mitwirken. Aktuell fühlen sich viele Trainer*innen und ihre Teams dem VAR ja tendenziell eher ausgeliefert. Beim challangen tragen sie nun selbst mit Verantwortung. Daneben gibt es noch einen Vorteil: Der bisherige VAR ist technisch aufwendig, die Umsetzung entsprechend teuer. Die Video-Support-Lösung hier ist einfacher umzusetzen und dadurch deutlich günstiger, weil kein separates Studio und kein Übertragungswagen gebraucht werden. Außerdem braucht man weniger aktive Schiedsrichter*innen, nämlich keine Videoschiedsrichter*innen, pro Spiel.

Ein großes Plus: Die Einheitlichkeit des Spiels kann so gefördert werden. Auch in unteren Spielklassen und in den ersten Spielrunden des DFB-Pokals wäre die Anwendung der „Challange-Regel“ ohne immense Investitionskosten möglich. Der Amateurfußball würde dem Profifußball damit wieder ähnlicher, es würde wieder mehr ein Spiel für alle. Wobei es – Stichwort Union Berlin gegen Köln – natürlich den Haken gibt, dass es, je größer das mediale Interesse an einem Spiel ist, es entsprechend mehr Kameras und damit mehr Kameraperspektiven vor Ort gibt und je mehr Kameraperspektiven es gibt, desto einfacher ist es, eine Szene zu überprüfen. Die vollkommene Gleichheit oder Gerechtigkeit garantiert also auch diese Regel nicht.
Trotzdem: Der bisherige VAR ist längst zum Politikum geworden. Spieler*innen, Trainer*innen und Fans – alle fühlen sich bei strittigen Videoentscheidungen oft übergangen. Und die Schiedsrichter*innen auf dem Feld wirken in fast jedem Spiel schwächer als sie sind. Die „Challange-Regel“ hingegen stärkt ihre Rollle wieder. Und sie gibt – während sie zu einem verantwortungsbewussten Einsatz anhält – den beteiligten Mannschaften die Möglichkeit, bei kritischen Szenen zu intervenieren. Krasse Fehlentscheidungen können so korrigiert, das Spiel gerechter werden.

Jedes Problem löst die Regel zwar nicht, aber sie ermöglicht einen Neustart. Unter faireren Bedingungen im Fußball insgesamt. Und das bei weniger Frust. Einen Versuch wäre es also allemal wert.

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Von admin